Tränen des Laurentius

Ein Abend mit Agnes ist immer etwas ganz Besonderes. Sie ist eine der charmantesten und fürsorglichsten Gastgeberinnen, die ich kenne. Begegnungen mit ihr hinterlassen immer nachhaltig Spuren, ihre authentischen Erzählungen aus der Vergangenheit, von ihrer Familie, von dem Leben aus einer völlig anderen Perspektive, als die, in der ich groß geworden bin. Die heute Sechsundachtzigjährige weiß viel zu erzählen. Wenn wir uns verabschieden, gehe ich immer mit einem warmen Gefühl im Herzen.

Die vergangene Nacht war sternenklar. Wir saßen auf dem Balkon, quatschten, tranken einen leckeren Hagnauer Spätburgunder und genossen die laue Mainacht. Holger glaubte eine Sternschnuppe gesehen zu haben und Agnes erwähnte beiläufig: „Eine Träne des Laurentius.“

Ich hörte zum ersten Mal davon. Am Morgen, als ich wach wurde, musste ich an diese Situation denken. Ich dachte an die dunkle Nacht, die Sterne, die Schnuppe, an das „schnell einen Wunsch äußern“, an das ganze romantische Drumherum. Vor meinen Augen entstand ein Bild, das ich zu gern malen möchte.

Später recherchierte ich zu diesem mir bisher unbekannten Laurentius. Hier hinter diesem Link könnt Ihr selbst die Geschichte zu ihm lesen. Ich weiß, dass ich die Sternschnuppen, insbesondere in der Zeit vom 10. bis 14. August, ab nun mit dem Hintergrundwissen dieses heiligen Laurentius mit ganz anderen Augen sehen werde.

Als Laurentius hingerichtet wurde, fielen unendlich viele Sternschnuppen vom Himmel, so sagt man. Die Laurentius-Tränen.

Wir wünschen uns etwas, wenn wir eine Sternschnuppe sehen. Man sagt, es gehe in Erfüllung. Woher kommt das? Ich konnte nichts Glaubhaftes bei meiner Recherche finden.

Es ist ein schöner romantischer Brauch und irgendwie schließt es den Kreis zu dem Guten, was Laurentius vor x-vielen Jahren tat.

Mal schauen, wie ich das Thema in Farbe umsetzen kann. Ich bin wirklich selbst neugierig.

Habt einen wunderbaren Maitag ☀️

Herzlich, Eure Petra Kolossa.

Nachtaufnahme (Titelbild): Willy Holger Wagner

Was lange währt, wird gut

In meinem Kopf hat sich ein immens großer Bienenschwarm breitgemacht. Ein Tagesseminar via Zoom, ein Webinar, strengte mich unendlich an. Dabei war es ein Thema, das mich wirklich interessierte.

Vor langer Zeit, 2016, kaufte ich das Schreibprogramm »Papyrus-Autor«. Es war die Version 8. Ich betone das, weil die Entwickler inzwischen das elfte Update auf den Markt brachten. Es liegen also ein paar Jahre dazwischen. Das Schreibrogramm verspricht, mit unendlich praktischen Tools, dem Schreibenden durch das Planen und Entwickeln von Texten, Recherchieren, Lektorieren, Sortieren, Umwandeln der Texte, Archivieren und manch anderem Schmäckerle den Rücken für die kreative Arbeit freizuhalten. Nach zwei, drei Wochen beendete ich dieses Experiment. Mich überfrachtete das Tool, fraß Zeit und blockierte meinen Schreibfluss. Mit eingezogenem Schwanz wandte ich mich wieder »Word« zu.

Ich aktualisierte nun diese Software mit der Version 11 und ich glaubte, mich mit dem Programm zu versöhnen. Sicher, Ihr ahnt es. Ich gab genervt auf. Man sagt, es gebe keine Zufälle? Einen Tag später erhielt ich das Angebot für oben erwähntes Webinar. Ich zögerte keine Sekunde und meldete mich sofort an.

… und das hier ist der erste Text, den ich nach den anstrengenden Stunden vor dem Bildschirm-Webinar in meinem »Papyrus-Autor« schreibe. Jedoch: Eine beachtliche Zeit verbrachte ich damit, ein Recherche-Add-ons zu installieren, das sich mit dieser Software verknüpft. Es soll so einfach sein und mit nur wenigen Klicks ist alles getan, problemlos, effektiv und zeitsparend zu gebrauchen. Ein Tool, das mir wirklich wichtig ist und einige Zeit ersparen würde.

Es gelang mir bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Ich setzte wieder wertvolle Stunden in den Sand. Also warf ich das Handtuch und beschloss, es zu einem späteren Zeitpunkt zu wiederholen.

Ich denke, das sind Erfahrungen, die jeder von uns bereits gesammelt hat. So toll diese ganze digitale Technik ist, so hat sie dennoch ihre Ecken und Kanten. Vielleicht sind diese Dinge auch nur kompliziert einfach. Und natürlich ist dabei der »Fehler 99«, nämlich das Wesen, das vor der Maschine »Personal Computer« sitzt, nicht zu unterschätzen 😉

Was lange währt wird gut. Hoffentlich!

Ich werde jetzt ganz banale Dinge tun, also fast nix machen 😊


Herzlich, Eure Petra Kolossa.

Erzähle doch von Deinen Erfahrungen unten im Kommentarfeld.

Ihren Mann stehen

Heute, zum Internationan Frauentag, bekam ich viele Grüße, Glückwünsche und liebe Worte geschickt. Sie kamen allesamt von Frauen sowie Männern aus der ganzen Welt. Jedoch ist kein einziger deutscher Mann unter ihnen. Als mir das bewusst wurde, bin ich ein klein wenig verwundert und frage mich, ob das ein Stück dieser neuen *(Sternchen)*-Welt ist.

Während ich so grübele, denke ich an einen Beitrag, den ich vor zwei Jahren am Vorabend des Inernationalen Frauentages schrieb. Den habe ich noch einmal für Euch hervorgezaubert und teile diesen nun mit Euch.

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Ich gestehe, ich bin Vollweib. Ich liebe es Frau zu sein. Und niemals kam mir in den Sinn, irgendwelche männlichen Stärken mein Eigen nennen zu müssen.

Die Natur gab dem männlichen Körper andere physische Komponenten, als dem weiblichen. Und wenn ich das auf das Simpelste herunterbreche, ergibt sich eine gewisse Logik. Das Leben ist auf Wachstum ausgerichtet. Zwei Neutronen begegnen sich höflich, jedoch wird es keine Anziehung geben. Die Natur hat wohlbedacht zwei Pole geschaffen.

Morgen ist der achte März. Es ist der Internationale Frauentag. Dieses Datum motivierte mich für das heutige Blog. Ihr habt keine Ahnung, wie sehr mich das Thema „Frau“ regelmäßig aufregt und ich mich dabei so sehr machtlos fühle.

Nur mit einem Kopfschütteln und innerer Ablehnung stehe ich den Feministinnen und ihren Aktionen gegenüber.

Ich lese, sehe und höre von Beschneidungen, Vergewaltigungen, Gruppenmissbräuchen, Unterdrückungen, Prügel und Schlägen. Frauen werden klein und minderwertig gemacht. Der Urinstinkt der körperlichen Überlegenheit über das Schwächere scheint nicht auszusterben, wenn auch zum Glück flächenweise zu verkümmern. Ich mag diesen Missbrauch an Frauen unter dem Deckmäntelchen einer anderen „Kultur“ nicht akzeptieren wollen.

Nun lebe ich in Deutschland, einem kleinen, doch wirtschaftlich recht starken Land. Und ich bin tatsächlich froh, dass es so ist. Ich bin seelig, in die Kultur des Europäischen Kontinentes hineingeboren zu sein.

Mir ist bewusst, dass auch Deutschland und Europa nicht makellos sind. Hier werden zum Beispiel per Beschluss und Gesetz Frauenquoten in der Besetzung von Funktionen in Geschäftsetagen erzwungen. Es wird als Erfolg im Kampf für die Gleichberechtigung der Frauen betrachtet und Druck gemacht. Und ich muss lächeln. Druck erzeugt immer Gegendruck. Und mir wirft es die Frage auf, ob eine von einer Frau quotengerecht besetzte Führungsposition, zum Beispiel im Vorstand, eine wirkliche Akzeptanz erfährt. Oder muss diese Frau insbesondere nun beweisen, dass sie „sogar“ als Frau das Handwerk beherrscht? Ich weiß es nicht.

Erst seit dem Jahr, in dem ich geboren wurde, gibt es ein Gesetz zur Gleichbehandlung von Frau und Mann. Bis dahin musste die „kleine dumme“ Frau bei ihrem Mann zum Beispiel die Erlaubnis einholen, arbeiten gehen zu dürfen. Das ist heute unvorstellbar.

Ich bin also mit dem Thema Frau und Emanzipation aufgewachsen. Es begleitet mich ein Leben lang.

Meine Wiege stand in Dresden. Ich wurde in einem Staat erwachsen, in dem das Thema Gleichberechtigung nie wirklich angezweifelt wurde. Nach dem Krieg mussten alle mit anpacken, um dieses zerrüttete Land aufzubauen. Da war es vollkommen gleichgültig, ob Mann oder Frau.

Jedoch war es, wie mit allen Dingen, die historisch gewachsen sind und von Generation zu Generation übertragen werden. Mann erinnerte sich schon daran, dass es vor einigen Jahren noch ganz anders war. Dass die Frau sich um Haus, Kind und Mann kümmerte.

Nun war es ganz anders. Die häuslichen Arbeiten wurden weitestgehend geteilt. Die Verantwortung lag auf beiden Schultern. Ich kannte nichts anderes. Es war völlig normal. Mann und Frau gingen ihrem Job nach. Frau wie auch Mann machten berufliche Karriere. Die Kinder wurden von beiden gleichermaßen betreut und aufgezogen.

Der Internationale Frauentag wurde staatlich verordnet in großem Maße mit Veranstaltungen, Blumen und Ehrungen zelebriert. Es war fast peinlich. Es motivierte die Männer, das alles mit einem Augenzwinkern zu betrachten. Ich kann sie verstehen. Zumal in dieser Gesellschaftsordnung die Gleichberechtigung der Frau nicht in Frage gestellt wurde. Das Thema stand so nicht in dem nach dem zweiten Weltkrieg neu gegeründeten Staat.

Diesen „Frauentag“ lehnte ich bald ab. Es war mir unangenehm für etwas auf Händen getragen zu werden, das aus meiner Sicht ein Selbstverständnis war.

Es war normal, dass ich höflich und mit Respekt behandelt wurde im Privatleben, wie auch im Berufsleben. Ich hatte die gleichen Chancen, das zu werden, was mir möglich war. Es interessierte keinen, ob ich eine Frau oder ein Mann bin. Mir wurde die Tür aufgehalten, in den Mantel geholfen, der Stuhl zurecht gerückt, schwere Taschen abgenommen … Ich wurde als Frau wahrgenommen und nicht als Neutrum oder gar weiblicher Mann. Es war ein Nehmen und Geben.

Heute, drei Jahrzehnte weiter, sehe ich das Thema aus einem völlig anderen Blickwinkel. Die Welt hat sich geöffnet. Das Internet hat eine unwahrscheinliche Bewegung und Globalisierung ermöglicht. Informationen aus fernen und nahen Ländern, wie auch dem eigenen, können nicht mehr einfach unter den Teppich gekehrt werden.

Zum Internationalen Frauentag umarme ich symbolisch alle Frauen unseres Globus.

Alle Frauen, die sich behaupten müssen, die Leid ertragen müssen, die kämpfen müssen, alle Frauen, die etwas in ihrem Leben erreicht, alle Frauen, die sich für ein akzeptables, besseres, selbstbestimmtes Leben aller Frauen einsetzen – alle Frauen, die mit Herz und Verstand Frau sind.

Von ganzem Herzen, Eure Petra Kolossa.

Ich lade Euch ein, das Kommentarfeld unten zu nutzen. Gern lese ich Eure Gedanken.

Paloma – die Taube

Unter der Sonne sind alle Wesen gleich

Neulich saß ich auf einer Bank etwas abseits eines Gartencafés. Die Sonne lockte trotz der kalten Temperaturen kurz über Null die Leute, ihre Nase in die Sonne zu strecken. Sie bekamen ihre Kaffees mal mit, mal ohne Schaum serviert. Wie Sonnenblumen, die ihre Köpfe der Sonne entgegenrecken, saßen sie auf ihren harten Stühlen ausgerichtet. Die Beine ausgestreckt , die große Tasse wärmend in beiden Händen haltend, genossen sie die wärmenden Strahlen mit geschlossenen Augen. 

Zwei, drei Tauben hüpften um die Tische und Stühle herum und erhofften hier und da einen Leckerbissen aufpicken zu können. Ich dachte, irgendwie gehören auch sie zu den Verlierern der letzten zwei Jahre. Waren doch die Orte, an denen Menschen ihre Speisereste hinterließen, die diesen größeren Stadtvögeln Nahrung geben, von heute auf morgen verschwunden. Tauben, meistens unerwünscht, irgendwie geduldet.

Und ich musste an einen kurzen Beitrag denken, den ich neulich in den sozialen Medien las. Die duale, fast rationale und sehr ehrliche Betrachtung beeindruckte und berührte mich. Alfons Müller schrieb diese Zeilen. Ihr kennt Alfons bereits. Er veröffentliche hier auf meinem Blog als Gastautor. Kurzentschlossen kontaktierte ich ihn und fragte, ob er seinen Beitrag hier mit meinen Lesern teilen möchte. „Gib mir zwei Tage, Petra. Ich schicke Dir den Text und die Bilder. Ich freue mich!“  Gestern Nacht erhielt ich seine Email. 

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Symbol des Friedens

Ein Beitrag von Alfons Müller

Aus aktuell gegebenen Anlass habe ich hier zwei grundverschiedene Versionen von Tauben. Das eine ist eine Friedenstaube, wie man sie aktuell zu hunderten in den sozialen Medien bewundern kann.

Ein willkürliches Beispiel, wie es uns täglich mehrfach aus den sozialen Medien übermittelt wird.

Die andere ist eine Stadttaube, also Ungeziefer, eine Ratte der Lüfte, die die ganze Großzügigkeit und Güte der menschlichen Rasse zu spüren bekam. Eine Friedenstaube, die versucht hat, sich irgendwo niederzulassen.

Foto privat: von Alfons Müller

Einst wurden diese Vögel von den Menschen gezüchtet, um ihnen als Brieftauben oder auch als Nahrung zu dienen. Einige von ihnen sind ausgebüchst und haben sich in den Städten vermehrt. Und jetzt sind sie dem Menschen überflüssig und lästig. Man verordnet gesetzlich ihren Hungertod, sie werden gejagt, getreten und überfahren.

Aber das Schlimmste daran ist, dass der Mensch die heuchlerische Falschheit besitzt, diese von ihm gehassten Kreaturen, die selbst keinen Frieden von ihm erfahren dürfen, zu seinem Friedenssymbol zu machen. Eine derart falsche und hinterhältige Spezies sollte jeden Tag dankbar dafür sein, dass sie solche Vertreter ihrer Art wie Wladimir Putin hat. Auf solche Typen kann die Menschheit all ihre Bösartigkeit projizieren. Das ist ein bisschen wie im Knast, wenn der Vergewaltiger mit dem Finger auf den Mörder zeigt. Einer glaubt, weniger schlecht als der andere zu sein, doch am Ende sind beide gleich verdorben.
Solche Gedanken gehen mir durch den Kopf, wenn ich diese beiden Bilder sehe und wenn ich auf die aktuellen Ereignisse in der Welt schaue, und ich komme nicht umhin, mich für die Falschheit der verdorbenen Menschheit zu schämen.

Es mag ja sein, dass die Großen und Mächtigen dieser Welt Kriege anzetteln. Aber wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass auch der mächtigste Tyrann alleine keinen Krieg führen kann.
Der Feuerzunder dafür liefern genau solche Menschen, die in ihrem Hochmut und ihrer Ignoranz dafür Sorge tragen, dass Friedenstauben sich nirgends niederlassen können, ohne zu enden wie der bedauernswerte Vogel auf dem Bild.

Ich sage nicht, dass alle Menschen verdorben sind. Aber es sind
auch nicht nur ein paar wenige in den Kreisen der Reichen und Mächtigen, denn die könnten den Weltfrieden alleine auch nicht gefährden. Man hat eher den Eindruck, dass die menschliche Rasse von einer immer größer werdenden Zahl an heuchlerischen und durch und durch verdorbenen Vertretern
durchsträhnt wird, die in allen Ethnien, in allen Nationen und in allen Religionen sitzen wie die Flöhe im Fell eines Hundes.

Wir können für den Frieden beten, wenn der Krieg ausgebrochen ist und können hoffen, dass irgend
eine Gottheit unsere Gebete erhört und den Krieg beendet.

🔸️Oder wir können dafür sorgen, dass kein Krieg ausbricht, indem wir alle jeden Tag Frieden
leben und dafür sorgen, dass unsere Friedenstauben sich gefahrlos niederlassen können.

Dann werden Gebete genauso wenig notwendig sein wie die Gunst eines barmherzigen Gottes.

Foto privat: Alfons Müller

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PS: Pablo Picasso zeichnete für den Weltfriedenskongress 1949 in Paris eine Taube. Am Abend dieses Kongresses wurde seine Tochter geboren. Er nannte sie daraufhin Paloma – Taube. 1955 erhielt Picasso für diese von ihm entworfene Taube den Friedenspreis. Seitdem ist sie das Symbol der Friedensbewegung.

Ich erinnere mich

Brest

Vom Umspuren und Rollen ins weite Land

Es war nicht das erste Mal, dass ich die damalige UdSSR besuchte. Jedoch war es das erste Mal, dass die Reise nach Kiew ging. Es war eine Reise mit dem Freundschaftszug. Damals war ich eine der zwei Reiseleiterinnen.

Die Reise führte von Dresden über Berlin nach Brest, über Saporoshje und schließlich nach Kiew. In Brest hatten wir immer einige Stunden Aufenthalt. Die Züge müssen umgespurt werden. Unsere Schienenbreite ist etwas schmaler als die Osteuropäische. Ich habe soeben recherchiert. Die „Normalspur“ ist 1435 mm und die „Breitspur“ 1520 mm.

Es war immer wieder ein Erlebnis im Bahnhof Brest. Denn dieser etwas längere Aufenthalt von zwei bis drei Stunden wurde für die Pass- und Zollkontrolle genutzt. Wir sammelten also alle Ausweise der Reiseteilnehmer ein und begaben uns mit den Reiselisten auf dem Bahnhof zur Kontrolle. Wie viel Zeit das Umrüsten auf die andere Spur wirklich benötigte konnte keiner genau sagen. Wenn es fertig ist, ist es fertig. Dann geht es weiter. Nun, meistens kamen wir Mitten in der Nacht dort an. So zogen wir uns über den Schlafanzug irgendetwas Warmes und erledigten diesen Kontrollprozess mit dem Beamten. Dieser ruhte in sich. In aller Gemütlichkeit überprüfte er die Listen mit den Ausweisen, qualmte seine Papirossa, hakte die geprüften Namen in den Listen ab und stapelte einen Ausweis auf den anderen. Ihn schien nichts aus der Ruhe zu bringen. Unser Zug begann sich zu bewegen. Und in uns kam große Unruhe auf. Im Zug saßen unsere Leute ohne Ausweise und wir standen hier im Schlafanzug und Schlapperklamotten. Wir zeigten auf den Zug und er lachte. „Vse khorosho!“ Von wegen alles ist gut! Von anderen Reiseleitern wussten wir, dass das nicht immer gut geht und so manches Mal ein Transport mit einem PKW zum nächsten Haltepunkt organisieret wurde. Nun, wir hatten Glück. Unser Zug fuhr nur etwa hundert Meter weiter und wartete auf uns.

Brest in Weißrussland ist der erste Punkt für Bahnfahrende, an dem eine andere Mentalität zu spüren ist. Ich saß in dem Schlafwagenabteil mit den schmalen harten Doppelstockbetten, den wir uns zu viert teilten und stierte in die Dunkelheit. Keine Städte, ab und an ein kleines Licht, sonst nichts.

Die Tür wurde leise aufgeschoben. „Khochesh chayu?“, fragt mich die Deschurnaja. Oh ja, zu gern. Der russische Tee, gezapft aus dem Samowar ist unschlagbar. Das heiße aromatische Getränk tat ungemein gut. Fast jeder Zugwaggon wurde von einer unbestechlichen Deschurnaja betreut, die die Hoheit über einen Samowar besaß. Man könnte sie als Stewardess auf Schienen bezeichnen. Denn ihr Wort galt!

Der Morgen nahm die Dunkelheit mit und gab den Blick in die unendliche Weite dieses Landes frei. Der Zug rollte an Feldern, Wäldern, Wiesen und Steppen vorüber. „Welch ein großes Land.“, dachte ich. Am späten Nachmittag werden wir in Saporoshje eintreffen und zwei Nächte bleiben, bevor es nach Kiew weitergeht. Der Besuch des drittgrößten Wasserkraftwerkes am Dnepr stand auf dem Programm. Es wurde am 01. Mai 1932 eingeweiht. Es ist ein gewaltiger und beeindruckender Bau, der dem Namen WasserKRAFT mehr als die Ehre erweist. Ich fühlte mich dort als Menschlein.

Kiew

Es geschah Unglaubliches

Es ist der 25. April 1986. Wir checken im Hotel für eine Woche ein und machen uns zunächst auf den Weg, um die wunderschöne Stadt Kiew zu erkunden. Unendlich viele Kastanienbäume in voller Blüte säumten die Straßenzüge. Die Sonne strahlte, es war herrlich warm. Immer wieder fuhren Wasserwagen und besprengten die Straßen. Der Blütenstaub dieser Blütenkerzen wurde auf diese Weise etwas eingefangen. Die Größe dieser historischen und dennoch modernen Stadt beeindruckte mich. Nicht verwunderlich, dass wir uns in dem U-Bahnnetz verirrten. Waren wir doch permanent am Staunen, wie wunderschön, hochwertig und großräumig diese Untergrundbahnhöfe gestaltet waren. Auf diese Weise lernten wir so einige in Kiew kennen. Sind doch Bahnstationen, ganz gleich, ob U-Bahn, S-Bahn oder Hauptbahnhöfe, bei uns eher die übelriechenden und beschmierten Orte, die keiner besonders gern betritt.

Viele Städte der damaligen UdSSR schloss ich ins Herz. Jedoch Kiew besonders. Am Abend wurden wir in einem Kulturhaus zum Essen, Gesprächen und zum Tanz empfangen. Die Gastfreundschaft, Herzlichkeit und Offenheit der Kiewer, auf die wir trafen, war unbeschreiblich. Sind wir Deutschen doch eher zurückhaltend und brauchen eine gewisse Zeit, bevor wir bereit sind, uns anderen Menschen zu öffnen, scheint bei ihnen der Gedanke, „Beweise mir, dass Du es nicht Wert bist!“, Priorität zu haben.

Es ist der 26. April 1986. Wir trafen uns im Hotel zum Frühstück. Mein Kopf war dumpf. Diese harten Getränke zum Essen war ich nicht gewohnt. Ich freute mich auf ein großes Glas Wasser und einen guten Kaffee.

In der Lobby herrschte eine eigenartige Atmosphäre. Es war zu spüren, dass die Leute, die dort den Eingang blockierten, sich sehr wichtig nahmen. Ich wischte es beiseite und ging zu den anderen. Eine Frau mit ernstem Gesicht wartete bereits mit einer Dolmetscherin auf mich.

Uns wurde gesagt, dass sie verpflichtet wurden, uns zu informieren, dass in den frühen Morgenstunden nur etwa einhundert Kilometer weiter, ein schweres Unglück in einem Kernkraftwerk in Tschernobyl geschah. Und sie seien dazu aufgefordert, uns anzubieten, in einem Krankenhaus in Kiew unseren Gesundheitszustand überprüfen zu lassen. Sie könnten leider keine weiteren Aussagen zu dem Unglück machen, da man es noch nicht wisse. Wer von uns in ein Krankenhaus wolle, sollte es sagen. Es wollte keiner. Wir unterschrieben auf einer Liste dafür, dass wir von dem Unglück informiert wurden. Das war alles.

Den Tag verbrachten wir mit Stadtbummel und kleinen Einkäufen. In Kiew schien alles normal zu sein. Am Abend besuchten wir ein Kino. Der Chef des Kinos sprach ein wenig Deutsch. Er erzählte uns, dass es die ersten Absagen für die Friedensfahrt geben würde, die am 06. Mai 1986 in Kiew starten soll. Sie hätten Angst wegen dem Unglück in Tschernobyl. Er musste lachen und meinte, dass keiner etwas merkt. Das Ding würde bald wieder geflickt und dann ginge es weiter. Hm, wir kauften, wie die anderen auch, ein Tütchen Sonnenblumenkerne um diese später aus ihrer Hülle herauszupulen und suchten unsere Plätze im Zuschauerraum.

Noch ein paar Tage in der ukrainischen Hauptstadt

Keiner von uns ahnte das gewaltige Ausmaß

Die folgenden Tage waren für uns völlig unbeschwert. Es gab kaum Berichte über das Unglück, das nur einhundert Kilometer weiter geschah. Die Leute wunderten sich nur, weshalb die Länder so zimperlich reagierten und eines nach dem anderen die Teilnahme an der Friedensfahrt absagten. Man habe doch alles im Griff.

Mich plagten starke Zahnschmerzen. So lernte ich eine der größten und modernsten Kliniken in Kiew kennen. Etwa zehn Behandlungsplätze in einem großen Saal. Es war ein unangenehmes Gefühl. Ich hasse die Geräusche der zahnmedizinischen Technik, insbesondere das „Rädeln“. Dort bekam ich es in einem virtuosen Orchester geboten. Egal wie schrecklich, die Behandlung war perfekt.

Die Vorbereitungen der Feierlichkeiten zum ersten Mai waren in vollem Gange. Ich konnte spüren, wie wichtig dieser Tag für die Menschen der damaligen Sowjetunion war. Alkohol gab es in den Geschäften nirgendwo zu kaufen. Dennoch lagen immer wieder Volltrunkene in den Parkanlagen. Ich musste lächeln. Zeigte es doch, wie unwirksam Verbote im Allgemeinen sind. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, diese zu umgehen.

Es war der erste Mai. Jeder, dem wir begegneten gratulierte zum ersten Mai. So wie wir uns frohe Weihnachten wünsche. Wir schlossen uns der Gruppe an, mit der wir vor der Nacht des Unglückes den Abend verbrachten. Keiner dachte an dieses Ereignis. Es wurde nicht darüber gesprochen. Es ist geschehen, es wurden Menschen verletzt und leider auch dabei getötet. Es sei ein furchtbares Berufsunglück. So etwas passiere hin und wieder, wie zum Beispiel im Bergbau …

Die Brücke ins Jetzt

Was einmal im Herzen verankert ist, geht nicht

Das sind Erinnerungen, die nun fast sechsunddreißig Jahre zurückliegen. Erst viel, viel später wurde mir bewusst, dass ich direkt während dieses schweren Kernkraftunglücks in unmittelbarer Nähe war und mich noch einige weitere Tage in dieser Region aufhielt. Bis zum heutigen Tage bin ich kerngesund. Ich bin nie krank, hatte keine Infektionen, keine Grippe, nur aller paar Jahre eine Erkältung. Hm, vielleicht bin ich konserviert 😉

Die Informationen der letzten Tage brachte mir diese Zeit zurück in mein Bewusstsein. Ich bin den Menschen der damaligen UdSSR sehr verbunden. Seit meinem achtzehnten Lebensjahr abonnierte ich den „Sputnik“ und las diesen bis zum letzten Heft. Mit Glasnost wurde der Vertrieb eingestellt. Ich pflegte Brieffreundschaften in Leningrad (heute St. Petersburg), Charkow, Kiew, Minsk und Odessa. Einige besuchte ich, wenn ich dort war, oder sie mich umgekehrt.

Mir tat es weh, zu sehen, was in Kiew 2014 geschah. Am meisten schmerzte mich der brutale Rechtsruck, der in dieses Land gepflanzt wurde und es in willige Abhängigkeit brachte.

Da gab es zwei Regionen, die sich nicht dieser Politik unterwerfen wollten. Sie hielten acht Jahre Stand, waren stolz und mutig, ließen sich nicht nötigen und erpressen. Diese Menschen wurden ausgeschlossen, beschossen, gequält, klein gemacht, sie waren lästig. Diese Regionen wollten selbständig sein. Die Kiewer Regierung ließ es nicht zu und führte acht!!! Jahre Krieg gegen die eigenen Menschen. Keinen hat es hier in unserem Deutschland interessiert. Keiner der Medien war das eine Nachricht wert. Wo seid Ihr gewesen, die heute für die Ukraine dicht an dicht (!) auf die Straße gehen und sich entsetzt und empört zeigen? Warum regt mich das unendlich auf? Weil das so heuchlerisch ist.  

Die Ukrainer sind wunderbare Menschen. Jedoch zweifle ich stark an der Aufrichtigkeit und Loyalität der in Kiew tätigen politischen Akteure.

Habt einen guten Start in die neue Woche und in den Monat März.

Herzlich, Eure Petra Kolossa.

Wenn die Puste raus ist …

Es faucht der Sturm da draußen und es wollte heute nie richtig Tag werden. Ich bin froh, mit einer warmen Tasse Tee in den Händen diesen ungemütlichen, wenn auch nicht frostigen, Tag in der gemütlichen Wohnung verbringen zu dürfen.

Der Winter hat in dieser Saison nur kurz vorbeigeschaut und ist wahrscheinlich mit Blick auf das Energiedilemma voller Verständnis für uns schnell wieder abgehauen. Nun, vielleicht erinnert sich dieser Winter auch an die Aussage aus der Politik vom November. Eine geschmolzene Schneeflockenträne rollt ihm die Wange herunter und er ist voller Zweifel, ob er Deutschland vielleicht doch komplett umschiffen sollte, also mal einfach den frostigen Teil ausfallen lässt. – Wir werden sehen, wie er sich entscheiden wird. Entsprechend des kalendarischen Winters hätte er noch ein paar Wochen Zeit, sich auszutoben.

Es ist Februar. Und bald ist der 14. Februar. Ihr wisst schon, der Valentinstag. Vor zwei Jahren schrieb ich dazu einen Beitrag. Hier könnt Ihr diesen gern lesen. Auch wenn das, was Ihr in diesem Beitrag findet, seine volle Gültigkeitkeit auch heute noch hat, habe ich extra für Euch heute ein weiteres Design herausgepickt, das so fantastisch zu diesem Tag passt.

„Tal der Liebe“. So der Titel dieses Bildes. Das Original findet Ihr hier, in meinem Shop für Originale und Unikate.  –  Und Ihr könnt Euer Liebhaberstück zum kleinen Preis hier auswählen.  Zum Beispiel …

🔺️🔻 Und spätestens jetzt bemerkt Ihr, dass ich einen Beitrag, den ich vor einigen langen Tagen zu schreiben begann, erst heute zu Ende bringe. Zwischenzeitlich kam mir der 12. Februar entgegen und ich nutzte den Bloggertag „12 von 12“ und spiegelte meinen Tag in Bildern.

Es scheint so, dass es mir von Tag zu Tag schwerer fällt, leicht und unbeschwert daher zu plappern. Die äußeren Umstände blockieren meine Leichtigkeit. In meinem Leben lernte ich, sehr genau zuzuhören, zu beobachten und Schwingungen aufzunehmen. Wir tun das sicher alle, um einem diversen Selbstschutz wegen. Es steckt in uns. Bei einem mehr, beim anderen weniger.

Da ich mich seit nun über zwanzig Jahren nicht mehr aus dem Fernsehgerät beplappern lasse und die gelieferten Nachrichten aus dem Öffentlich Rechtlichen Rundfunk dosiert zwei bis drei mal am Tag konsumiere, ist mein Hirn ziemlich unbeeinflusst. Ich kann also, das Gehörte und das Gelesene sehr nuanciert verarbeiten. Es schmerzt mich unendlich, bewusst zu erleben, was mit uns getan wird, was wir mit uns machen lassen.

Ich kann es nicht mehr ertragen, von Politikern für dumm gehalten, verklappst und belogen zu werden. Ich kann es nicht mehr ertragen, von respektlosen, selbstüberschätzten, machtgierigen, Gehorsam einfordernden Akteuren an der Nase herumgeführt zu werden. Ich kann es nicht mehr ertragen, wie politisch  international arrogant auf den Pudding gehauen wird. Ich kann es nicht mehr ertragen, zu erleben, wie in unserem kleinen Land stigmatisiert wird. Das ist das größte Elend, das überhaupt von uns allen zugelassen wird. Hier wird eine riesengroße Menschengruppe von etwa dreißig!!! Millionen Menschen ins Aus gedrückt. Und wir gucken einfach zu und lassen es uns aus Angst vor Repressalien gefallen. Repressalien, die sich eine Politikerriege, die nur eine Minderheit der  Wähler wollte, anmaßt. Das Ergebnis, ein politisches Spielchen, das das Wahlgesetz hergibt, wenn die niedrigen Prozentzahlen nichtgewählter Parteien zusammengerechnet werden, eine minimalistische Mehrheit ergeben. Es lebe hoch, unsere Ampel-Regierung. Welch ein Graus!

Ich habe mich bereits sehr weit rausgelehnt. Das weiß ich. Jeder darf seine Meinung sagen. Das darf jeder Mensch auf der ganzen Welt. Natürlich. Wenn es jedoch in das jeweilige politische Narrativ nicht passt, hat man eben Pech und muss mit Konsequenzen rechnen. Selbstverständlich. Das moderne Mundtotmachen ist das Sperren der Accounts, der Webseiten, des Zugangs zu den sozialen Medien. Schrecklich für Blogger, YouTuber, Shop-Betreiber, Podcaster –  für alle, die ihr Wirken auf diese Weise nach außen tragen. Für viele geht das ans Eingemachte und es ist existenzbedrohend. Also wägt jeder sehr genau ab, was er tut, auch ich. Deshalb verwende ich diverse Wörter nicht, um den Suchmaschinen nicht in die Hände zu spielen.

Jetzt habe ich mir etwas Luft gemacht, Platz in meiner Seele geschaffen. Ganz sicher bringt es mir etwas Leichtigkeit und vor allem hoffentlich die Schreibfreude zurück.

Muss aus Dir etwas heraus? Tue es einfach. Unten im Kommentarfeld hast Du ausreichend Platz. Mache Deiner Seele Luft.

Jetzt genieße ich einen guten Kaffee, wünsche Euch einen  schönen Nachmittag, genießt Euren Sonntag ☕😊

Herzlich, Eure Petra Kolossa.

Alles Sache der Betrachtung

Eigentlich wohne ich in einer sehr, sehr ruhigen Region im südlichsten Süden Deutschlands. Mitten im Grünen, in einem klitzekleinen Ortsteil, am Hang einer Streuobstwiese, ein Ort im Tal eingekuschelt mit ein paar kleinen Häusern, einer Kirche, einer Bushaltestelle, einem Kindergarten, deren Betrieb wegen der Uneffektivität eingestellt werden sollte und die Eltern den Erhalt hart erkämpften und ein paar kleineren Handwerksunternehmen, die sich meistens an ihren Häuschen ansiedelten.

Seit dem März 2020, also seit dem ersten Lockdown, hat sich mein Arbeitsplatz in das heimische Büro / Atelier verlagert. Und seitdem weiß ich, dass diese vermeintliche Ruhe, die ich zuvor meistens empfand, sich in lauten  Geräuschen von landwirtschaftlichen Maschinen, von Traktoren, in Schleifen, Klopfen und Poltern der angesiedelten Handwerker, den neuen Baustellen der vielen Häuslebauer, dem Läuten der nur einhundert Meter entfernten Kirche und so weiter … auflöst. Wenn dann noch die Rasenmäher und -traktoren hin- und herrattern, dann ist es mit meiner Konzentration fast am Ende. Das geschlossene Fenster dämpft zwar das Drama. Aber es macht zum Beipiel das Arbeiten mit einem Mikrofon, wenn ich die Aufnahmen für meinen Podcast „Hör-Cafè“ mache, fast unmöglich. Es ist tatsächlich eine Herausforderung, ruhige Momente zu finden. Und das ist meistens in der Nacht oder sehr zeitig am Morgen.

Als ich die letzte Sendung aufnahm, gab es wieder einen solchen Moment. Die Häuslebauer beendeten endlich das Schneiden von Steinen mit einer Trennscheibe. Ich dachte: Jippiiie! Endlich! Vorsorglich schließe ich immer alle Fenster und Türen. Ich sprach die ersten Sätze in mein Mikrofon und in diesem Moment sprang ein Motor an. Ein Rasentraktor gurkte hin und her. Ich konnte meine Arbeit nicht fortsetzen und lauerte auf einen ruhigen Moment.

Ich denke, ich empfinde das übersteigert sensitiv, weil ich mich der Situation unmittelbar ausgesetzt fühle. Jeder andere wird das einfach als eine zum Leben dazugehörende sympathische Geräuschkulisse empfinden.

Als also wieder dieser Rasentraktor seine Runden zieht, musste ich an einen kurzen Text denken, den ich vor fünf Jahren schrieb:

Blumenwiese

„Die könnten auch mal wieder ihren Rasen mähen! Wie sieht das aus bei denen? Das ganze Unkraut blüht und wird die Samen verteilen. Überall! Dann wächst das Zeug auch hier noch!“, schnarrt Nachbar Schmidt erbost.

Nachbar Meier wundert sich: „Jetzt haben die schon wieder ihren Rasen geraspelt. Runter auf zwei Zentimeter. Unfassbar! Alles weg, die Gänseblümchen, Taubnessel, Schaumkraut, selbst die Butterblumen!“ —

„Ich frage mich, wozu wir Steuern zahlen! Im ganzen Ortszentrum haben die in diesem Jahr die Rabatten einfach nicht bepflanzt! Das sieht aus, kann ich dir sagen! Überall wächst das Unkraut wild durcheinander!“, ruft Lehmann seiner Frau zu.

Krüger ist begeistert: „Das ist ja so genial! In diesem Jahr haben die von der Gärtnerei die Rabatten als Blumenwiesen gestaltet. Alle erdenklichen Farben strahlen im Sonnenlicht, vom Mohn über Kornblumen, wilde Lilien einfach toll!“ —

„Sag mir, wo die Blumen sind, wo sind sie geblieben?“ Die Originalaufnahme von Marlene Dietrich knarrt aus dem Radio.“ Viktor meckert: „Pazifistisch. Einfach nur pazifistisch! Das kann jeder. Blöde Fragen stellen, aber keine Antworten liefern.“

Der Moderator: „Ein Anti-Kriegs-Song, der uns aufrüttelt, uns ermahnt, zum Nachdenken anregt …“ ———–

Alle Dinge im Leben haben zwei Seiten. Ich führe mir diese Dualität vor Augen und mein kleiner Groll verflüchtigt sich 😉

Genießt den Sonntag und seid herzlich gegrüßt von Eurer Petra Kolossa.

PS: Wenn Du es noch nicht getan hast, abonniere ganz einfach mit Deiner Email-Adresse meinen Blog. Den Button dazu findest Du auf der rechten Seite meiner Webseite.

Mein aktuelles Buch – Blog.Geschichten

Ich freue mich riesig. Mein aktuelles Buch „Blog.Geschichten“ ist ab sofort überall dort, wo es Bücher gibt, zu haben.

Da ich es selbst nicht besser auf den Punkt bringen kann, möchte ich aus dem Klappentext des Buchcovers zitieren:

„Meine geschriebenen Zeilen sind Zeitzeugnisse. Dinge, die unser Leben in der jetzigen Zeit bewegen und konfrontieren. Petra Kolossa

Ihre Blog.Geschichten sind lesenswert, kurzweilig und treffen den Nerv der Zeit. Es sind Momentaufnahmen aus ihrem eigenen Leben. Kritisch, nachdenklich, geistreich und mit einer Portion Humor greift sie soziale, politiche und alltägliche persönliche Themen auf und verpackt diese mit viel Empathie in ihre Texte.“

Neugierig? Das dürft Ihr sein. Und ich freue mich riesig, auf Euer Feedback.

Die ISBN: 9783751951418

Und hier könnt Ihr es direkt beim Verlag bestellen.

Das Buch in digitaler Form, also als ebook, wird es in den nächsten Tagen geben. Ich werde Euch, sobald ich es erfahren habe, informieren.

Noch ein Wort zu dem Buchcover. Ich wählte ein Design eines meiner Kunstwerke aus der Werkgruppe „zerlesen“. Es ist eine Assemblage. Einzelteile von Buchrücken alter Bücher, die somit ein neues Leben erhielten. Einzelteile, die letztendlich wieder ein großes Ganzes und Festigkeit bilden. Es symbolisiert den Inhalt dieses Buches.

Viel Freude mit den Blog.Geschichten wünscht Euch

Eure Petra Kolossa.

Alma, das alte Ding – Ende –

„Hach, wer hätte das gedacht! Du erinnerst dich also wieder.“, murmelt Alma. „Mein schöner Bauch war ruiniert!“ und etwas wehmütig erhärtet sie: „Bis heute.“


„Sage das nicht, Vater hat dich mit einem Holzklötzchen schön ausgebeult damals. Ist doch fast nix mehr zu sehen davon.“, tröste ich die Blechkanne und komme mir ziemlich blöd dabei vor.


„Dein Fury haben deine Eltern ja nur über die Wintermonate weggesperrt. Aber mich habt ihr bis heute achtlos in irgendeinem Schub verkramt.“, brubbelt Alma vorwurfsvoll.

Ja, das stimmt. Irgendwie war Alma nicht mehr schick. Einfach nur ein verbeultes altes Ding. Aber wegwerfen wollte sie keiner. So, wie das nach dem Krieg in den Köpfen verankert war. Schließlich war das Teil noch funktionstüchtig, irgendwie noch gut. Nur eben etwas hässlich.

Aber bald kamen die ersten wirklich großartigen Plastikmilchkannen auf. Vater brachte eine mit. Eine hellgrüne mit einem weißen Deckel zum reindrücken.
Wenn die Kanne mit Milch gefüllt war, musste man schön aufpassen. Der Henkel dehnte sich, der Körper der Kanne verformte sich, der Deckel schnipste von der Öffnung. Aber keiner von uns kam auf die Idee, diese moderne, jedoch für diesen Zweck völlig ungeeignete Kanne gegen die alte verbeulte, aber stabile, zu tauschen.

Nicht viel später erübrigte sich das Thema. Denn wir konnten die Milch im Laden in Flaschen kaufen. Das Milchauto kam nicht mehr, nur noch der Eismann mit den gefrorenen Wasserblöcken für den Eisschrank. Die einst neue Milchkanne aus dem weichen Kunststoff wurde hin- und hergeräumt, für nutzlos erklärt und weggeworfen. Von Alma konnte sich keiner trennen. Alma war schon immer in diesem Haushalt und blieb auch da.

Es klingelt an der Tür. Ich lege das Geschirrtuch beiseite und stelle die Kanne auf dem Tisch ab.

„Oh Resi! Welch eine Überraschung!“, begrüße ich meine Freundin.
„Ich war in deiner Nähe und dachte mir, ich klingele einfach bei dir.“ Sie hält einen großen bunten Strauß Tulpen in der Hand. „Schau, die sind für dich. Ich weiß, dass du Tulpen so sehr liebst.“
Ich nehme den wunderschönen Strauß und schnuppere daran. Tulpen haben nur einen zarten, kaum wahrnehmbaren Duft.
„Lass uns in die Küche gehen Resi. Ich mache einen Kaffee.“

„Ohhhh wow! Was hast du denn hier?!“, ruft sie begeistert und nimmt die Blechkanne bewundernd in ihre Hände.
„Ach, du meinst die alte Milchkanne?“
„Jaaaa! Das ist ein Schätzchen. Ein absolutes Deko-Objekt! Weißt du, dass die Dinger inzwischen richtig teuer sind? Wo hast du die her?“

Ich muss lächeln und sage ihr, dass das alte Ding schon immer bei uns ist. Sie muss schon während der Kriegszeit bei uns eingezogen sein.
Resi nimmt die Tulpen aus meinen Händen. Lässt Wasser in die Blechkanne, und stellt die Blumen hinein. Sie ordnet diese liebevoll und stellt die nun dekorative Vase auf den Küchentisch.

„Na endlich hat jemand begriffen, wie schön ich bin!“, meldet sich Alma und ich kann hören, wie erleichtert und glücklich sie ist.
„Du hast recht. Du siehst mit dieser Blütenpracht fantastisch aus. Ich werde dich mit etwas Farbe wunderschön machen.“, antworte ich ihr.

„Wie meinst du das, du wirst mich mit etwas Farbe wunderschön machen?“, fragt mich Resi.
„Nicht dich, Resi! Alma natürlich.“, sage ich.
„Ähhhm, wer ist Alma?“ …

◇ Das ist nun das Ende unserer ersten Ping-Pong-Story.

Ich bedanke mich herzlich bei Alfons. Es war mir ein Vergnügen, mit Dir die „Lebensgeschichte“ einer alten Milchkanne zu spinnen.

Ihr hattet Spaß beim Lesen? Ihr möchtet wieder einmal eine Ping-Pong-Story?

Schreibt uns einfach unten im Kommentarfeld. Wir freuen uns riesig über Euer Feedback.

Bild: „Alma II“, 2020, Petra Kolossa, Aquarell auf Karton, 21 x 29 cm

Herzlich, Eure Petra Kolossa.

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Alma, das alte Ding – Teil II

Oh, da hat Alma mich an einem wunden Punkt getroffen. Ich zermarterte mir mein Hirn, kam aber im Moment einfach nicht drauf, woher diese Delle in Almas Bauch stammt. Während ich sie ausspülte, redete ich unentwegt mit ihr und hoffte, dass auf diese Weise die Erinnerung an die ferne Vergangenheit in meinen Kopf zurückkehren würde.

„Weißt du, du heißt nicht Alma, weil du mir gesagt hast, dass du Alma heißt, sondern weil ich dich so genannt habe. Ich fand damals, dass Alma irgendwas mit Milch zu tun hat. Und du warst in erster Linie eine Milchkanne, auch wenn wir dich zeitweise zum Blaubeeren sammeln benutzt haben. Ich fand, der Name passte zu dir.“

Ich merkte, dass es funktionierte, dass mein Dialog mit einer Milchkanne meine Phantasie beflügelte und mir die Erinnerung zurückbrachte. Ich war ein Kind mit einer äußerst lebhaften Phantasie. Vielleicht habe ich mich deswegen der Kunst zugewandt, weil diese die einzig halbwegs gesellschaftsfähige Möglichkeit darstellt, in der heutigen Zeit die kindliche Phantasie ins Erwachsenenalter hinüber zu retten, ohne gleich als realitätsfremder Träumer oder verrückter Spinner abgestempelt zu werden.

Als Kind mit derart beflügeltem Geist war es für mich normal, Dingen Namen zu geben. Mein Fahrrad nannte ich Fury, weil es in meiner Phantasie mein Pferd war. Den weißen Opel A-Kadett meines Vaters nannte ich Beppo, weil ich fand, dass dieses Auto mit seinen quadratischen Scheinwerfern große Ähnlichkeit mit dem Schauspieler Beppo Brem hatte. So kannte man das Auto meines Vaters jahrzehntelang in unserem Bekanntenkreis nur unter dem Namen Beppo.

Die Erinnerung kam nun mit aller Macht und Herrlichkeit zurück, und ich begann, Alma die Geschichte erneut zu erzählen, so, als wäre sie nicht dabei gewesen. Eben so, als wäre sie lediglich eine Blechkanne, die über keinerlei Erinnerungsvermögen verfügt.

Als Kind wohnte ich in einem Dorf, in dem es nur einen kleinen, sogenannten „Tante-Emma-Laden“ gab. Man konnte dort zwar so ziemlich alles kaufen, was man damals brauchte, (das war wesentlich weniger als das, was man heute alles meint, zu benötigen), allerdings führte der Laden keine Milch, und zwar aus dem einfachen Grund, weil regelmäßig das Milchauto zu uns ins Dorf kam und wir dort beim Milchmann unser weißes Flüssiggold kaufen konnten. Auch wenn der einstige Zaubertrank mittlerweile zum tödlichen Gift erklärt wurde, damals war man der Meinung, Kinder würden ohne Milch nicht richtig wachsen. Ich trank davon viel und gerne. Sie verlieh mir zwar keine übermenschlichen Kräfte, brachte mich allerdings auch nicht um, was wohl beweist, dass die Wahrheit meist irgendwo zwischen zwei extremen Thesen liegt.

Jedenfalls war es für gewöhnlich meine Aufgabe, zum Milchmann zu gehen und Alma bei ihm füllen zu lassen. Meist ritt ich da mit Fury hin (das heißt konkret, ich fuhr mit meinem Fahrrad), was meine Mutter besonders im Winter nicht gern sah, weil es ihrer Meinung nach zu gefährlich war.

So machte ich es auch an diesem einen Wintertag. Ein Winter verdiente zur damaligen Zeit diese Bezeichnung auch noch wirklich, es war in diesem Jahr bereits seit Wochen empfindlich kalt und es lag eine geschlossene Schneedecke, die auch die Straße bedeckte. Ich war mit Fury beim Milchmann und hatte Alma bei ihm füllen lassen, als ich auf dem Heimweg plötzlich von einem großen Appetit auf einen kräftigen Schluck Milch heimgesucht wurde. Also führte ich die lautstark protestierende Alma langsam zu meinem Mund. „Was tust du da, deine Mutter wird dir dafür den Marsch blasen“, hörte ich Alma zetern. „Keine Angst, ich habe mir bereits eine Ausrede zurechtgelegt“, antwortete ich meiner besorgten Milchkanne, während ich fast die Hälfte der Milch in kräftigen Schlucken trank.

Als ich heimkam, blieb die von meiner Mutter zu erwartende Frage natürlich nicht aus:

„Warum ist die Kanne nur halb voll?

„Fury hat mich abgeworfen“, gab ich ihr zur Antwort ‚während ich versuchte, mir ein paar Krokodilstränen aus den Augen zu drücken.

„Hey, ich bin kein Mitglied eurer Rasselbande“, erwiderte meine Mutter, „ich verstehe eure Geheimsprache nicht. Also, erkläre mir verständlich, was passiert ist.“

„Ich bin mit dem Fahrrad gestürzt“, sagte ich weinerlich, und während ich mir meinen Ellbogen rieb, klappte es auch mit den Krokodilstränen. „Na, ich sage dir doch nicht umsonst immer wieder, du sollst im Winter nicht mit dem Fahrrad fahren. Das ist viel zu gefährlich, noch mit der Milchkanne am Lenker.“

Meine Mutter leerte den Rest der Milch, der sich noch in Almas Bauch befand, in einen kleineren Kochtopf.  „Wenn ihr heute Mittag Schokoladenpudding essen wollt, wird die Milch nicht reichen“, murmelte sie vor solch hin. Dann kramte sie in der Tasche ihrer Kittelschürze (in dieser Zeit wohl die Uniform der Hausfrauen) bis sie ein paar Zehnpfennigstücke gefunden hatte, die sie mir dann gab, gemeinsam mit der Aufforderung, noch einmal zum Milchmann zu gehen und die Kanne erneut füllen zu lassen. Also rannte ich hinaus und schnappte mein Fahrrad.

„Komm schon, Fury, ich brauche dich, sonst ist der Milchmann weg, bis ich ankomme“.

Der Milchmann war noch da, und als ich Alma erneut hatte füllen lassen, hängte ich sie an den Lenker des Fahrrads und fuhr los, den Berg hinunter Richtung Heimat. Ich hatte das Sprichwort „Kleine Sünden straft der Herr sofort“ schon des Öfteren gehört. Gerade, als ich mich fragte, wieso mir das gerade jetzt einfiel, spürte ich, wie mein Vorderrad auf der schneeglatten Straße in der Kurve wegrutschte. Dann ging alles viel zu schnell, ich spürte nur noch einen dumpfen Schlag und hörte ein metallisches Scheppern. Als ich realisierte, dass ich auf der Straße lag, hob ich leicht benommen meinen Kopf und sah, dass unsere Nachbarin, die meinen Stunt wohl beobachtet hatte, aufgeregt die Straße herauf gerannt kam.

„Um Gottes Willen, was ist passiert?“, fragte sie besorgt und begann damit, mir auf die Beine zu helfen.

„Fury hat mich abgeworfen“, antwortete ich resignierend, während ich vom Boden unten, wo ich grad eben selber noch lag, ein leises, schmerzerfülltes Wimmern zu hören glaubte. Vorsichtig blickte ich hinunter und sah, wie Milch aus Almas Bauch floss und sich auf der kalten Straße verteilte, so, als wäre es ihr Blut. Alma selbst lag eingeklemmt unter dem Lenker meines Fahrrads, der eine durchaus erwähnenswerte Delle in ihren blechernen Bauch gedrückt hatte.

◇ Hier endet der zweite Teil der Geschichte. Morgen werdet Ihr das Ende lesen, das Petra Kolossa für Euch geschrieben hat.

Mir hat es voll Spaß gemacht, an dieser Ping-Pong-Story zu schreiben. Ich freue mich, wenn Ihr unten im Kommentarfeld Euer Feedback hinterlasst.

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Herzliche Grüße,

Euer Alfons