Alma, das alte Ding – Teil II

Oh, da hat Alma mich an einem wunden Punkt getroffen. Ich zermarterte mir mein Hirn, kam aber im Moment einfach nicht drauf, woher diese Delle in Almas Bauch stammt. Während ich sie ausspülte, redete ich unentwegt mit ihr und hoffte, dass auf diese Weise die Erinnerung an die ferne Vergangenheit in meinen Kopf zurückkehren würde.

„Weißt du, du heißt nicht Alma, weil du mir gesagt hast, dass du Alma heißt, sondern weil ich dich so genannt habe. Ich fand damals, dass Alma irgendwas mit Milch zu tun hat. Und du warst in erster Linie eine Milchkanne, auch wenn wir dich zeitweise zum Blaubeeren sammeln benutzt haben. Ich fand, der Name passte zu dir.“

Ich merkte, dass es funktionierte, dass mein Dialog mit einer Milchkanne meine Phantasie beflügelte und mir die Erinnerung zurückbrachte. Ich war ein Kind mit einer äußerst lebhaften Phantasie. Vielleicht habe ich mich deswegen der Kunst zugewandt, weil diese die einzig halbwegs gesellschaftsfähige Möglichkeit darstellt, in der heutigen Zeit die kindliche Phantasie ins Erwachsenenalter hinüber zu retten, ohne gleich als realitätsfremder Träumer oder verrückter Spinner abgestempelt zu werden.

Als Kind mit derart beflügeltem Geist war es für mich normal, Dingen Namen zu geben. Mein Fahrrad nannte ich Fury, weil es in meiner Phantasie mein Pferd war. Den weißen Opel A-Kadett meines Vaters nannte ich Beppo, weil ich fand, dass dieses Auto mit seinen quadratischen Scheinwerfern große Ähnlichkeit mit dem Schauspieler Beppo Brem hatte. So kannte man das Auto meines Vaters jahrzehntelang in unserem Bekanntenkreis nur unter dem Namen Beppo.

Die Erinnerung kam nun mit aller Macht und Herrlichkeit zurück, und ich begann, Alma die Geschichte erneut zu erzählen, so, als wäre sie nicht dabei gewesen. Eben so, als wäre sie lediglich eine Blechkanne, die über keinerlei Erinnerungsvermögen verfügt.

Als Kind wohnte ich in einem Dorf, in dem es nur einen kleinen, sogenannten „Tante-Emma-Laden“ gab. Man konnte dort zwar so ziemlich alles kaufen, was man damals brauchte, (das war wesentlich weniger als das, was man heute alles meint, zu benötigen), allerdings führte der Laden keine Milch, und zwar aus dem einfachen Grund, weil regelmäßig das Milchauto zu uns ins Dorf kam und wir dort beim Milchmann unser weißes Flüssiggold kaufen konnten. Auch wenn der einstige Zaubertrank mittlerweile zum tödlichen Gift erklärt wurde, damals war man der Meinung, Kinder würden ohne Milch nicht richtig wachsen. Ich trank davon viel und gerne. Sie verlieh mir zwar keine übermenschlichen Kräfte, brachte mich allerdings auch nicht um, was wohl beweist, dass die Wahrheit meist irgendwo zwischen zwei extremen Thesen liegt.

Jedenfalls war es für gewöhnlich meine Aufgabe, zum Milchmann zu gehen und Alma bei ihm füllen zu lassen. Meist ritt ich da mit Fury hin (das heißt konkret, ich fuhr mit meinem Fahrrad), was meine Mutter besonders im Winter nicht gern sah, weil es ihrer Meinung nach zu gefährlich war.

So machte ich es auch an diesem einen Wintertag. Ein Winter verdiente zur damaligen Zeit diese Bezeichnung auch noch wirklich, es war in diesem Jahr bereits seit Wochen empfindlich kalt und es lag eine geschlossene Schneedecke, die auch die Straße bedeckte. Ich war mit Fury beim Milchmann und hatte Alma bei ihm füllen lassen, als ich auf dem Heimweg plötzlich von einem großen Appetit auf einen kräftigen Schluck Milch heimgesucht wurde. Also führte ich die lautstark protestierende Alma langsam zu meinem Mund. „Was tust du da, deine Mutter wird dir dafür den Marsch blasen“, hörte ich Alma zetern. „Keine Angst, ich habe mir bereits eine Ausrede zurechtgelegt“, antwortete ich meiner besorgten Milchkanne, während ich fast die Hälfte der Milch in kräftigen Schlucken trank.

Als ich heimkam, blieb die von meiner Mutter zu erwartende Frage natürlich nicht aus:

„Warum ist die Kanne nur halb voll?

„Fury hat mich abgeworfen“, gab ich ihr zur Antwort ‚während ich versuchte, mir ein paar Krokodilstränen aus den Augen zu drücken.

„Hey, ich bin kein Mitglied eurer Rasselbande“, erwiderte meine Mutter, „ich verstehe eure Geheimsprache nicht. Also, erkläre mir verständlich, was passiert ist.“

„Ich bin mit dem Fahrrad gestürzt“, sagte ich weinerlich, und während ich mir meinen Ellbogen rieb, klappte es auch mit den Krokodilstränen. „Na, ich sage dir doch nicht umsonst immer wieder, du sollst im Winter nicht mit dem Fahrrad fahren. Das ist viel zu gefährlich, noch mit der Milchkanne am Lenker.“

Meine Mutter leerte den Rest der Milch, der sich noch in Almas Bauch befand, in einen kleineren Kochtopf.  „Wenn ihr heute Mittag Schokoladenpudding essen wollt, wird die Milch nicht reichen“, murmelte sie vor solch hin. Dann kramte sie in der Tasche ihrer Kittelschürze (in dieser Zeit wohl die Uniform der Hausfrauen) bis sie ein paar Zehnpfennigstücke gefunden hatte, die sie mir dann gab, gemeinsam mit der Aufforderung, noch einmal zum Milchmann zu gehen und die Kanne erneut füllen zu lassen. Also rannte ich hinaus und schnappte mein Fahrrad.

„Komm schon, Fury, ich brauche dich, sonst ist der Milchmann weg, bis ich ankomme“.

Der Milchmann war noch da, und als ich Alma erneut hatte füllen lassen, hängte ich sie an den Lenker des Fahrrads und fuhr los, den Berg hinunter Richtung Heimat. Ich hatte das Sprichwort „Kleine Sünden straft der Herr sofort“ schon des Öfteren gehört. Gerade, als ich mich fragte, wieso mir das gerade jetzt einfiel, spürte ich, wie mein Vorderrad auf der schneeglatten Straße in der Kurve wegrutschte. Dann ging alles viel zu schnell, ich spürte nur noch einen dumpfen Schlag und hörte ein metallisches Scheppern. Als ich realisierte, dass ich auf der Straße lag, hob ich leicht benommen meinen Kopf und sah, dass unsere Nachbarin, die meinen Stunt wohl beobachtet hatte, aufgeregt die Straße herauf gerannt kam.

„Um Gottes Willen, was ist passiert?“, fragte sie besorgt und begann damit, mir auf die Beine zu helfen.

„Fury hat mich abgeworfen“, antwortete ich resignierend, während ich vom Boden unten, wo ich grad eben selber noch lag, ein leises, schmerzerfülltes Wimmern zu hören glaubte. Vorsichtig blickte ich hinunter und sah, wie Milch aus Almas Bauch floss und sich auf der kalten Straße verteilte, so, als wäre es ihr Blut. Alma selbst lag eingeklemmt unter dem Lenker meines Fahrrads, der eine durchaus erwähnenswerte Delle in ihren blechernen Bauch gedrückt hatte.

◇ Hier endet der zweite Teil der Geschichte. Morgen werdet Ihr das Ende lesen, das Petra Kolossa für Euch geschrieben hat.

Mir hat es voll Spaß gemacht, an dieser Ping-Pong-Story zu schreiben. Ich freue mich, wenn Ihr unten im Kommentarfeld Euer Feedback hinerlasst.

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Herzliche Grüße,

Euer Alfons

Der kleine Freund und der große Nebel

Heute habe ich eine Kurzgeschichte. Man möge mir verzeihen, wenn sie sich etwas kindlich naiv lesen sollte, doch ich denke, dass eine kindlich naive Sichtweise bisweilen ein guter Lösungsansatz für so manches Problem wäre. Aber vielleicht bin ich ja auch nur ein hoffnungsloser Romantiker und ein Träumer. 

Es war ein Tag wie jeder andere, als ich diese außergewöhnliche Begegnung mit meinem kleinen Freund hatte. Ein Tag, an dem ich wieder mal erkennen musste, dass sich besondere Ereignisse, sowohl positiv als auch negativ, nur selten mit großem Getöse ankündigen. 

Ich machte einfach, wie so oft, einen Spaziergang durch die freie Natur, als ich beschloss, unter einer freistehenden Tanne am Rand eines großen Feldes etwas Schatten zu suchen. Direkt am Stamm dieses Baumes türmte sich ein stattlicher Ameisenhaufen auf. Weil ich gerade nichts besseres zu tun hatte, schaute ich dem Gewusel der Ameisen zu. Ich ging in die Hocke und inspizierte den Ameisenhaufen etwas genauer. Ein ziemliches Chaos schien das zu sein, wie die Ameisen kreuz und quer über den Haufen rannten. 

In Gedanken versuchte ich, kleiner zu werden, mich auf die Größe der Ameisen zu reduzieren, um einen besseren Einblick zu haben. Schön, dass die Gedanken wirklich frei sind, Gedanken können alles und sie dürfen alles. So wurde ich mit der Zeit so klein, dass die Eingänge in diese Burg wie Höhlen vor mir lagen und die Ameisensoldaten, die davor Wache hielten, schon bedrohlich auf mich wirkten. 

Plötzlich kam eine Ameise auf mich zu, die kein Soldat zu sein schien. Erstaunlicherweise wurde ich freundlich von ihr begrüßt: „Na, sieh mal einer an“, sagte sie, „ein Mensch. Solchen Besuch hatten wir hier seit ewiger Zeit nicht mehr.“ „Wie?“, fragte ich, „hattet ihr überhaupt schon mal Besuch von einem Menschen?“ „Ja, sicher, die Alten sagen, früher wäre das öfter vorgekommen, aber meistens waren es Kinder. Heutzutage jedoch interessiert sich offensichtlich kein Mensch mehr für Ameisen.“ „Tja , leider“, bemerkte ich nur knapp. „Soll ich dir unsere Stadt zeigen?“, fragte mein kleiner Freund. „Gerne“, erwiderte ich , „ aber darf ich denn da rein?“ „Du selbst hast gesagt, dass ein Gedanke alles darf“, meinte mein kleiner Freund und erinnerte mich somit daran, dass meine Expedition „nur“ eine Astralreise war.

Ich folgte meinem Freund also durch dieses Höhlensystem in den Ameisenhaufen. Beeindruckend war das, was ich sah. Überall wuselten Ameisen, die kaum Notiz von uns nahmen. Viel zu beschäftigt waren sie und ihr Gewusel wirkte jetzt nicht mehr so chaotisch auf mich, wie noch vor wenigen Minuten, als ich noch übergroß in meinem Körper vor dem Ameisenhaufen stand. Jetzt sah mir das alles bis ins kleinste Detail durchorganisiert aus , überall wurde gebaut und hunderte Ameisen schafften dürre Tannennadeln, zerkleinerte Blätter und Gräser, Erdkrümel und andere Materialien zu den Baustellen. An vielen Stellen wurden Gänge repariert, Gerüste aus Blättern und Nadeln wurden mit Erdkrümeln „ausgemauert“, so dass stabile Wände entstanden. Die Baukunst der kleinen Kerlchen war wahrlich bewundernswert. Immer tiefer folgte ich meinen kleinen Freund in den Ameisenstaat, manchmal ging es ziemlich steil nach unten, wir mussten bereits weit unter der Erdoberfläche sein. Mein Freund war ein exzellenter Fremdenführer, er zeigte mir stark belebte Hauptwege, kleinere, ruhige Seitenwege, Brutkammern, Vorratslager und Arbeiterstuben. Ich war fasziniert von der Vielfalt, die diese riesige Ameisenstadt zu bieten hatte.

Wie wir immer so weiter gingen, kamen wir an eine Art Schacht, es war ein Gang, der fast senkrecht nach unten führte. „Pass auf“ , sagte mein Freund, „jetzt zeige ich dir das Herz unseres Staats.“ Ich folgte ihm, ewig weit schien es nach unten zu gehen. Ich hatte keine Ahnung, wie weit wir mittlerweile unter der Erdoberfläche waren, aber irgendwie dachte ich an Jules Vernes „Reise zum Mittelpunkt der Erde.“ Dann plötzlich ging der Gang wieder waagerecht und endete in einer großen Halle. Dort war unglaublicher Betrieb, Ameisen kamen mit allerlei Nahrungsmitteln, andere transportierten Abfälle ab, wieder andere trugen Eier zu den Brutkammern. Auf der gegenüber liegenden Seite dieser Halle war ein großes Tor und davor standen etliche Wachsoldaten , denen man ansah, dass sie wenig Spaß verstanden. „Hinter diesem Tor residiert unsere Königin“ , erklärte mir mein kleiner Freund, „wir können leider nicht da rein, nur wenige von uns haben das Privileg, die Gemächer der Königin zu betreten“. Mein Freund flüsterte die Worte fast. Ich merkte, dass dies auch für ihn ein sakraler Moment war. Wahrscheinlich war auch er, genau wie ich, zum allerersten Mal hier unten. Wir sahen zu, dass wir wieder nach oben kamen, denn irgendwie fühlten wir uns beide wie Eindringlinge.

Auf dem Rückweg war mein Entdeckergeist geweckt, fast schon ausgelassen rannte ich überall herum und schaute mir alles an. Als ich in einen schmalen Seitenweg abbog und diesem folgte, lief mein Freund hinter mir her und rief mir irgendwas nach, was ich in meiner neugierigen Erregung überhörte. Der Seitenweg mündete wieder in einen größeren Gang und da sah ich auf einmal eine bizarre Szene. Der Gang war lang und breit und ziemlich gerade, so dass ich eine weite Strecke überschauen konnte. Und soweit mein Auge reichte, sah ich Ameisen, die ihre Kameraden trugen. Endlos schien diese schaurige Prozession zu sein und es war unschwer zu erkennen, dass die getragenen Ameisen tot waren. Mein Freund stand inzwischen hinter mir. „Ich wollte nicht, dass du das siehst“ , sagte er und ich war überzeugt, wenn Ameisen weinen könnten, hätte er Tränen in den Augen gehabt. „Eigentlich wollte ich dir die schönen Seiten unseres Lebens zeigen, nicht, wie die Toten abtransportiert werden, sprach er weiter und es tat mir weh, in diese großen, traurigen Augen zu sehen, die zu keiner Träne fähig waren. „Was, bei allen Göttern, ist hier passiert, ich meine, es sind so viele?“

„Kommst du mit mir, eine Blattlausmilch trinken?“ , fragte er mich und ich merkte, dass ihm im Moment das Wichtigste war, so schnell wie möglich von diesem Ort weg zu kommen. „Blattlausmilch?“ , fragte ich etwas irritiert, aber ich folgte ihm durch einige Seitengänge, bis wir nach einer gefühlten Ewigkeit ein paar schlichte Kammern erreichten. Mein Freund betrat eine von diesen und bat mich herein. „Das ist meine Stube , ich bin ein Vorarbeiter, darum habe ich eine Eigene“, erklärte er mir nicht ohne Stolz. Die Stube war einfach eingerichtet, es gab einen Tisch, vier Stühle und ein Bett, alles aus Tannennadeln gefertigt. Wir setzen uns und mein Freund schenkte uns beiden eine milchige Flüssigkeit, die sogar sehr gut schmeckte, in zwei Trinkschalen ein.

Illustration: Theresia Hillebrand

Er sah wohl meinen fragenden Blick, deswegen begann er gleich zu erzählen: „Du musst wissen, früher war unsere Stadt noch viel größer und prächtiger als heute – bis der große Nebel kam.“ „Welcher große Nebel?“, fragte ich verwirrt. „Der große Nebel ist eine Naturkatastrophe, die wir bisher noch nicht kannten, obwohl die Alten sagen, das hätte es auch früher schon gegeben. Weißt du, Naturkatastrophen sind bei uns gar nicht so selten. Immer wieder wird unsere Stadt überschwemmt, das Ausmaß der Zerstörung ist jedes Mal groß und viele von uns ertrinken. Es kommt vor, dass ein Sturm riesige Schäden im oberirdischen Bereich anrichtet. Die Alten sagen, einmal hätte unsere Stadt sogar gebrannt, was beinahe die Vernichtung des ganzen Staates zur Folge gehabt hätte. Wir Ameisen haben kein langes Leben wie Menschen und wenn viele von uns sterben ist das weitaus bedeutungsloser als wenn ein einziger Mensch stirbt. “Er machte eine Pause, vielleicht, weil er wissen wollte, ob ich ihm zustimme. Ich fragte mich, wo eigentlich geschrieben steht, dass mein Leben mehr wert ist als Seines und wer wohl berechtigt ist, solche Gesetze in Stein zu meißeln. „Naturkatastrophen sind also nichts Besonderes“, erzählte er weiter, „aber dieser große Nebel war anders als alles, was wir bis dato erlebt hatten.

Angefangen hat es mit einem Erdbeben. Dann ohrenbetäubender Lärm und schließlich kam aus heiterem Himmel dieser Nebel. Alle, die an der Oberfläche waren, sind inzwischen tot. Ich war zum Glück hier unten, ich bin ein Bauarbeiter, ich gehöre nicht zu den Transporttrupps. Darum bin ich auch sehr selten an der Oberfläche. “Gebannt lauschte ich den Erzählungen meines kleinen Freundes. Ich unterbrach ihn mit keinem Wort. Das lag auch daran, dass ich plötzlich ein Brummen in meinem Kopf hören konnte. Irgend etwas störte meine Konzentration. Mein Freund erzählte weiter, während das Brummen in meinem Kopf immer lauter wurde: „Es ist schon eine Weile her, dass der große Nebel kam, aber das Sterben hat immer noch nicht aufgehört. Jeden Tag gibt es neue Tote, wir schaffen ihre Leichen an die Oberfläche. Das war die Prozession, die du gesehen hast und die eigentlich nicht für deine Augen bestimmt war.“ „Tja, vielleicht war es ja gut so, vielleicht kann ich euch ja helfen“, entgegnete ich, obwohl ich keine Ahnung hatte, wie ich das anstellen sollte. „Oh, das wäre natürlich toll“ , freute sich mein kleiner Freund, „bestimmt kannst du das. Ihr Menschen seid stark und schlau, man sagt, ihr wärt die schlauste Spezies des Planeten.“ „Dazu muss ich aber erst rauskriegen, wo dieser große Nebel herkommt und worum es sich handelt. Ich muss jetzt leider zurück in meinen Körper, es zieht mich zurück.“ „Schade“ , rief mein Freund mir nach während es in meinem Kopf immer lauter rumorte, „lebe wohl mein Freund und versuche, uns zu helfen.

“Mit einem gefühlten Ruck war ich plötzlich wieder in meinen Körper. Lebe wohl, sagte er, nicht auf wiedersehen. Ich wusste, dass ich meinen kleinen Freund nie wieder sehen werde und er wusste das auch. Etwas traurig sah ich hinunter auf den Ameisenhaufen, sah nur noch chaotisches Gewusel, so wie vorhin auch. Wie lange war ich da drin, bei meinem kleinen Freund? War ich überhaupt dort? Immer noch war dieses Brummen in meinem Kopf, doch jetzt, da ich wieder in meinen Körper war, konnte ich die Ursache dafür erkennen. 

Auf dem großen Feld neben mir fuhr in einiger Entfernung ein Traktor. Er hatte eine Spritze angehängt, aus deren langen Auslegerarmen eine unangenehm stechend riechende Flüssigkeit auf das Feld gesprüht wurde. Noch einmal sah ich hinunter auf den Ameisenhaufen. Ich schaffte es nicht, mich noch einmal klein zu machen. Ich konnte auch meinen Freund unter den anderen Ameisen nicht mehr entdecken. Vielleicht wollte ich ihn auch gar nicht mehr in die Augen sehen. Deshalb murmelte ich die Worte vor mich hin, die ich ihm sagen wollte:

„Ich weiß jetzt, woher der große Nebel kommt. Ich muss dir leider sagen, dass meine Artgenossen ihn verursachen. Er ist weit gefährlicher, als ihr glaubt. Es macht mich traurig, mein kleiner Freund, dir sagen zu müssen, dass wohl auch dein Leben bald zu Ende sein wird. Der große Nebel ist überall, ja, sogar in dem Essen, das ihr eurer Königin bringt. Vermutlich ist euer ganzer Staat dem Untergang geweiht. Es wird dich wenig trösten, wenn ich dir sage, dass der große Nebel über kurz oder lang auch die vernichten wird, die ihn erzeugen. Die wissen das sogar selber und produzieren ihn trotzdem. Es ist nicht zu fassen, wie dumm die schlauste Spezies des Planeten ist. Du hast mich gefragt, ob ich euch helfen kann, ob ich den großen Nebel besiegen könnte. Nun, ich weiß es nicht. Die Armee derer, die ihn verursachen, ist gewaltig und mächtig. Es wird nicht leicht für mich sein, eine Streitmacht aufzustellen, die ihrer ebenbürtig ist. Aber ich werde es versuchen. Ich werde gegen den großen Nebel kämpfen, an jedem einzelnen Tag, an dem ich lebe, ich werde niemals damit aufhören, ich werde mich um keinen Preis geschlagen geben. Das schwöre ich dir, mein kleiner Freund – so wahr mir Gott helfe!“

Immer noch drehte der Traktor seine Runden über das Feld und lud seine tödliche Fracht ab. Und in der trügerischen Idylle der untergehenden Sonne entfernte ich mich langsam von dem todgeweihten Ort, an dem ich vor wenigen Augenblicken eines der größten Abenteuer meines Lebens erlebte. Wenn es denn überhaupt real war.

Herzliche Grüße, Euer Alfons

Dem Pfad der Sonne folgen

Ich möchte euch heute eine Geschichte erzählen. Eine ganz alltägliche, kleine Geschichte, die eigentlich keine große Aufmerksamkeit wert ist.

Bei dem tollen Wetter heute machte ich eine kleine Tour durch die Natur. Ich beschloss, dem Pfad der Sonne zu folgen, ich ging einfach immer in ihre Richtung.
So lief ich über Wiesen und weite Felder, mit meinen Hunden, denen ich ihre Wildheit ließ. Die ich nicht zu Menschen erzogen hatte. Die mich zu einem Wolf erzogen haben.

Ich durchquerte Obstanlagen und Hopfengärten immer in Richtung der Sonne und erreichte schließlich einen Wald. Entlang der Wege begegneten mir gestresste Menschen, die mit roten Gesichtern und Skistöcken durch den Wald hetzten. Es sah ein bisschen so aus, als wären sie auf der Flucht vor ihren Uhren, die sie am Handgelenk trugen und die sie zu jagen schienen.

Doch dann schien die Sonne durch hohe Tannen und wies mir den Weg in den dichten Wald. Hier gab es keine Menschen und keine Hektik mehr. Es ging nur noch darum, leise zu sein und zuzuhören.

Foto: Willy Holger Wagner

Zahllose Schmetterlinge flogen zwischen den Bäumen umher, als der Wald wieder lichter wurde. Ich glaubte, ihre Flügelschläge zu hören und sie setzten sich fast auf meine Nase. Das Zwitschern der Vögel war Musik in meinen Ohren, von irgendwoher lachte mich ein Grünspecht aus (der Ruf des Grünspechts klingt ein bisschen wie lautes Lachen ), wahrscheinlich, weil ich nicht fliegen kann. Ich fand sogar ein vierblättriges Kleeblatt und nahm es nicht mit. Es reicht, dass ich es gesehen habe, denn es ist allein der Glaube, der uns dem Glück zugänglich macht.

Auf einmal schien ich die Aura der Bäume zu sehen und ich konnte die Sphären, die unsere sichtbare Welt umgeben, zumindest erahnen. Der ewige Kreis von Werden und Vergehen war hier normal und alltäglich und hatte nichts von dem Schrecken, den die Menschen ihm anhaften. So ging ich weiter meinen Weg, immer geleitet von der Sonne. Als ich den endlos scheinenden Wald durchquert hatte, bot sich mir ein atemberaubender Blick über das weite Argental, den Bodensee und dahinter die Alpenkette.

Wieder über Wiesen und Felder machte ich mich auf den Heimweg und war tief in Gedanken versunken.
Wie anfangs erwähnt, eine alltägliche Geschichte, ein Waldspaziergang, weiter nichts.
Und doch war mir klar, dass das, was ich heute erlebt habe, dem größten Teil der Menschheit verborgen bleibt. Wie sonst ließe sich der respektlose Umgang mit der Natur erklären?

Ich dachte darüber nach, wie es mit der Erde weiter gehen sollte. Ist es erstrebenswert, in einer Welt zu leben, in der man sich sogar nach der schmerzhaften Erfahrung eines Bienenstichs sehnt, weil diese einem zeigt, dass irgendwo noch ein bisschen Leben ist?
Weil sie einem zeigt, dass man selbst noch lebt? Sollen unsere Kinder nicht mehr wissen, wie schön Schmetterlinge sind oder wie der Gesang von Vögeln klingt?

Wir müssen auf die Erde aufpassen, denn dann passt sie auch auf uns auf und lässt uns leben.
Und wenn wir dabei auch nicht an künftige Generationen denken, so weiß keiner von uns, woher er einst kam und wohin er einmal geht.
Wer garantiert uns denn, dass wir die Erde nicht mehr brauchen, wenn wir dereinst in ihrem Schosse ruhn?

Herzliche Grüße, Euer Alfons