Die digitale Kluft
Digital sollen wir alle werden und das so richtig.
Hörte ich doch neulich ein Interview in irgendeinem der Öffentlich Rechtlichen Sender, wo uns erklärt wurde, weshalb nur sechsundfünfzig Prozent der SPD-Mitglieder an der digitalen Abstimmung zum Koalitionsvertrag der jetzigen Regierung teilnahmen. Eine Begründung wurde darin gesehen, dass vor allem die älteren SPD-Mitglieder Probleme mit der Handhabung des digitalen Prozedere gehabt und kein Internet hätten. Zum einen sagt es mir, dass fast die Hälfte der Mitglieder „Ältere“ zu sein scheinen, zum anderen stehen auf meiner Stirn unendlich viele Fragezeichen.
Ich zäume das Pferd mal von hinten auf.
Wir haben nun ein Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt. Noch großartiger ist, dass sich der SPD-Politiker, Herr Lauterbach, Ihr wisst schon, der großartige Gesundheitsminister der gescheiterten Ampel, sich nun um das Thema Raumfahrt kümmern soll. Super gut!
Außerdem bekamen wir mit unserer neuen Bundesregierung auch ein neues Ministerium, nämlich das Ministerium für Digitales und Staatsmodernisierung. Das ist wirklich etwas ganz Neues. Ihr wisst schon „Internet ist für uns alle Neuland“, so unsere einstige Bundeskanzlerin im Jahr 2013. Inzwischen scheint das neue Land die Digitalisierung zu sein.
Ich muss ein wenig lächeln, da diese gewaltigen Themen schon an einem klitzekleinen Ding zu scheitern scheinen. Und das heißt einfach nur „Netzverfügbarkeit“.
Als ich vor einiger Zeit mit einem algerischen Künstlerkollegen telefonierte, amüsierte er sich, aber reagierte höflich, als er bemerkte, welche Probleme ich mit dem Mobilnetz hatte. Das Gleiche hatte ich mit einer Musikerin, mit der ich für mein „homepART“-Projekt zusammenarbeitete, in Australien. Sogar in Afrika, wo man Deutschland als das Highlight in der Industrie und Wirtschaft betrachtet, konnte man das digitale Netz-Desaster nur mir zuliebe höflich, amüsiert überspielen.
Derartige Gespräche sind von meinem Standort aus nur vom Schreibtisch aus über das WLAN möglich. Deshalb rief ich später von dort zurück.
Es mag sein, dass es in Deutschland Regionen gibt, die dieses Problem nicht kennen. Jedoch hier in Baden Württemberg, Nahe dem Bodensee, ein insgesamt eher ländlicher Raum, ist die Netzverfügbarkeit zum Teil kritisch. Wir haben ganze Ortschaften, in denen bei einer Durchfahrt mit dem Auto das Netz zusammenbricht. Wenn ich eine längere Reise mit dem Auto plane, stelle ich die Route in meiner Navigations-App unter unserem häuslichen WLAN ein und schaue mir die ersten Kilometer der Strecke an. Verlasse ich das Haus, bekomme ich die Mitteilung, dass für das Benutzen der App ein Internet notwendig sei. Die Netzverfügbarkeit wird mit „E“ angezeigt, was für einen Internetempfang nicht ausreicht. Ich weiß, dass es besser wird, je weiter ich mich von unserer Region entferne.
Unsere Gäste können davon ein Lied singen und machen sich lustig über die Situation im reichen Ländle Deutschlands. Der Mann meiner Nichte, der aus beruflichen Gründen auf ein sehr gutes digitales Netz angewiesen ist, gab kurzerhand sein Projekt auf, in den südlichsten Süden Deutschlands zu ziehen.
Ich selbst musste den Vertrag mit der Telekom beenden, weil eben diese keine stabile Leitung zur Verfügung stellen konnte, die ich dringend für meine Arbeit im home office benötige. Ich wechselte zu einem regionalen Anbieter. Die Netzverbindung ist zwar besser, dennoch grenzwertig. Man arrangiert sich. Was bleibt einem auch anderes übrig.
Ein praktisches Beispiel:
Ich logge mich digital bei einem Unternehmen, einer Behörde oder sonst etwas ein.
Bevor ich Zugriff auf die Seite erhalte, werde ich aufgefordert, den Code in das dafür vorgesehene Feld einzutippen, der mir soeben als SMS auf mein mobiles Telefon gesendet wurde. Und schon an dieser Stelle würde ich am liebsten aussteigen. Denn:
Eine SMS! Die kann ich nur über das Mobilfunknetz empfangen, nicht über das WLAN oder LAN.
Ich schnappe also mein Telefon. Renne in die Küche, da dort noch der bessere Empfang ist. Auf jeden Fall etwas mehr, als „E“. Dort lauere ich auf die SMS. Jipie, sie kommt! Ich sause zurück, um die Ziffern einzutippen.
Zu spät. Mir wird mitgeteilt, dass der Code nicht mehr gültig ist.
Also neuen Code als SMS anfordern, in die Küche rennen, warten, Code erhalten, noch schneller zurück an den PC sausen, eintippen …
Dieser Vorgang kann einige Male in Anspruch nehmen, wenn die Gültigkeit vom Senden der SMS bis zum Erhalten dieser unter drei Minuten liegt.
Ein anderes Beispiel:
Zwei mal im Jahr bekommen wir eine Sperrmüllkarte, die wir für die kostenlose Entsorgung diverser unbrauchbarer Dinge benutzen dürfen. Das Ding sollte vorzugsweise online bei der Stadt eingelöst werden.
Ich wählte also die Webseite und wollte das unkompliziert erledigen. Nix unkompliziert, denn dafür braucht man eine digitale ID, die zuvor zu beantragen sei, die man dann allerdings für viele super gute hochmoderne digitalen Vorgänge und Formblättchen im städtischen Kommunalbereich verwenden könne.
Ich verließ genervt die Webseite und füllte handschriftlich das Kärtle aus, pappte eine fünfundneunzig!-Cent-Briefmarke auf die Karte und ab in den Briefkasten.
Da wir nach zwei Wochen noch nichts vom Amt hörten, rief ich gestern dort über unseren Festnetzanschluss an. Waaaarteschleife. Ich schaltete das Telefon auf „laut“ und legte es auf den Schreibteisch. Zwischenzeitlich erhielt ich immer wieder vom Band die Information, dass man alles ganz einfach und schnell digital erledigen könne. Nach dreizehn Minuten und ein paar Sekunden, meldete sich doch tatsächlich eine Menschin. Wie toll! Es tat so gut, nicht allein am Computer, dem Smartphone, Tablet oder sonstigem elektronischen Gerät Formulare auszufüllen. In einem netten Gespräch erfuhr ich den Termin für das Abholen unseres Sperrmülls, der zwei Monate nach dem Absenden der Karte liegt. Aber immerhin noch zwei Wochen vor unserem Umzug.
Ich habe dafür keinen Bock mehr. Dieser ganze zeitfressende digitale Kram ist mir inzwischen einfach nur noch zuwider. Für jede Kleinigkeit quält man sich durch das Netz. Zum Teil auch, weil man dafür einfach genötigt wird. Einen Termin, um ein Auto an-, ab- oder umzumelden bekommt man bei uns zum Beispiel ausschließlich online.
Und wer das nicht kann, muss sich Hilfe suchen oder darauf verzichten, wie die vielen „Älteren“ der SPD, die eben nicht an der Abstimmung zur Koalitionsbildung unserer fortschrittlichen neuen Regierung teilnehmen konnten.
Seit fünfundzwanzig Jahren, also mit dem Jahr 2000, bin ich mit dieser digitalen Welt als Nutzer verbunden. Ich arbeite viel am PC, bin in den sozialen Netzwerken aktiv, schreibe diesen Blog und kann meinen Job nur tun, weil es das Internet gibt. Ich bin unglaublich dankbar dafür.
Dennoch macht mich dieser unsensible, bevormundende, in mein ganz persönliches Leben eingreifende Wahn äußerst hellhörig und blockiert mich. Instinktiv ziehe ich mich mehr und mehr daraus zurück. Ich lerne meinen Fokus zu setzen. Gut verstehen kann ich all die, die ihr Smartphone gegen ein mobiles Tastentelefon eingetauscht haben. Ich frage mich nur, wie die wohl gezwungen werden sollen, an der digitalisierten Staatsmodernisierung teilnehmen zu müssen.
Und wisst ihr was? Als ich diese dreizehn Minuten auf einen Gesprächskontakt beim Amt wartete, war mir das irgendwie egal. Vor ein paar Jahren hätte ich mich darüber maßlos aufgeregt. Inzwischen sehne ich mich danach mit menschlichen Wesen im Gespräch sein zu dürfen und nicht von irgendwelchen KI-generierten Robots abgefertigt zu werden.
Auch dieses „Sperrmüllkärtchen“ wird es nicht mehr lange geben. Davon bin ich überzeugt. Noch vor drei oder vier Jahren erhielt hier jeder Haushalt einen Müll-Abhol-Kalender. Der hing am Kühlschrank. Ein Blick darauf und wir wussten, wann der Müll, die gelbe oder blaue Tonne, der Sondermüll und so weiter an den Straßenrand gestellt werden musste. Den Kalender gibt es jetzt ausschließlich digital. Wer mag, kann sich den nun ausdrucken. Inzwischen gibt es dafür eine Abfall-App, die man mit seinem eigenen digitalen Kalender verknüpfen kann. Somit stehen die Termine nun in meinem Kalender. Voraussetzung ist, dass man eben einen solchen verwendet. Ich tue das zum Glück.
Aber was machen nur die vielen „älteren“ SPD-Mitglieder, die nur offline unterwegs sind? 😉
Habt einen wunderbaren Tag. Herzlich, Eure Petra Kolossa.
Gefällt mir:
Gefällt mir Wird geladen …