Was haben deine Eltern in deinem Alter gemacht?
Meine Mutter lebt leider seit bereits siebenundfünfzig Jahren nicht mehr. Mein Vater war, als er so alt war, wie ich heute, bereits elf Jahre im Vorruhestand.
Er wollte es nicht und er tat sich schwer, diese Situation zu akzeptieren. Er quälte sich, plötzlich wertlos zu sein und konnte damit nicht wirklich umgehen. Er gehörte zu den vielen, vielen ersten Bauernopfern im Osten Deutschlands, die nach der „Wende“ im Jahr 1989 aus den Unternehmen entfernt wurden. Genauso war es auch an dem Institut, in dem mein Vater als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig war. Es war völlig gleichgültig, wieviel Wissen in den Mitarbeitern steckte, ob Ingenieur, Doktor oder sonst welch ein Bildungsabschluss, die Betriebe, ganz gleich in welcher Form, wurden entkernt, plattgemacht und für ’nen Appel und ein Ei verkloppt, oftmals für eine einzige symbolische D-Mark.
Wer von den Beschäftigten nicht zügig einen Arbeitsplatz fand, wurde vom Arbeitsamt aufgefangen und die, die gerade ihr fünfundfünfzigstes Lebensjahr erreicht hatten, wurden in den Vorruhestand geschickt. Wer über fünfzig Jahre alt war, war 1990 ein alter Knochen.
So wurden die Betriebe zu leeren Immobilien und waren begehrte „Investitionsobjekte“ für Unternehmen in den „alten Bundesländern“, die mit Fördermitteln gestärkt vermeintliche Aufbauhilfe leisteten.
Auch ich war zu diesem Zeitpunkt in der Geschäftsleitung eines Unternehmens tätig. Und ich weiß, wie damals mein Chef diese Gespräche zur Entlassung aller der über Fünfundfünfzigjährigen führte. Drei mal war der große Besprechungssaal gefüllt mit Menschen, denen er damals erklären musste, dass diese ab sofort nicht weiter beschäftigt werden könnten. Ich weiß, wie schwer es ihm fiel und ich werde nie vergessen, wie müde er nach diesen Veranstaltungen war und wie sehr er mit den Tränen kämpfte. Er konnte es kaum ertragen, dass er denen, die ihm jahrelang vertrauten, die Papiere geben musste, an der Tür jedem die Hand gab und symbolisch als Dank eine Rose überreichte. Der Betrieb wurde von zweitausendachthhundert Mitarbeitern auf vierhundert geschrumpft.
Ich verließ den damaligen Kombinatsbetrieb selbst und ging in die Selbständigkeit. Zwei Jahre später wurde der Betrieb „gestorben“ und als nüchterne Immobilie verhökert.

Als ich gerade in meiner Fotogalerie nach einem passenden Bild für diesen Beitrag schaute, musste ich lächeln, als mir dieses Bild in die Hände fiel. Es steht tatsächlich symbolisch für meinen Text.
Misteln sind Schmarotzer …
Das Bild nahm ich in Langenargen am „Kavaliershaus“ auf. Das übrigens dort mein liebstes kleines Café und Restaurant ist.
Habt einen wunderbaren Tag. Herzlich, Eure Petra Kolossa.