Blöder Spruch

Vor etlichen Jahren kam dieser Satz auf und wird seit dem inflationär für alle nur erdenklichen Situationen verwendet.

Ich spreche von „Es ist alles gut.“ oder „Alles gut!“

Inzwischen regt mich diese Redewendung regelrecht auf. Denn ich glaube, dass  der Spruch eher eine Selbstsuggestion, als eine Beruhigung des Gegenübers ist.

Erstmals wurde mir das vor etwa fünfzehn Jahren bewusst. Ich stand in unserer Küche und hörte eine männliche Stimme immer wieder sagen: „Alles ist gut, alles wird gut, alles ist gut …“ Ich schaute durch das Fenster und sah unseren damaligen älteren Nachbarn auf dem steinigen Sims an den Garagen sitzen. Sein Körper wiegte hin und her, während er sich selbst mit diesen Worten beruhigte.

Ich wusste von seiner barschen und lieblosen Partnerschaft und dachte: Wenn Du nix tust und wartest, dass „alles gut wird“, wird’s wohl nicht geschehen.

Vor einigen Wochen wurde ich in ein neues Projekt eingearbeitet. Solche Unterweisungen laufen seit der Corona-Zeit in unserem Unternehmen ausschließlich auf digitalem Weg.

So saß ich also an meinem Arbeitsplatz und lauschte den Worten meiner selbst frisch geschulten Kollegin. Ich wollte alles schnell aufnehmen, um die neue Software ohne Probleme verwenden zu können. Das gesamte Prozedere war für sie, wie auch für mich völlig neu. Sie war unsicher und korrigierte sich ständig. Ich hinterfragte, um den letztendlich richtig korrigierten Teil in meinem Kopf abzuspeichern.

Sie wurde zunehmend nervöser und verfiel in immer schlechteres Deutsch. Ihr Akzent und ihr eigenes Halbwissen brachten sie immer wieder dazu „Alles gut, Frau Kolossa. Alles gut!“, zu antworten, wenn ich etwas fragte.

Sie glaubte, mich zu beruhigen, aber sie tat es letztendlich für sich selbst, indem sie versuchte, ihre Unsicherheit zu kompensieren und an mich abgab. Unter dem Motto: Man ist selbst ein Experte, wenn man nur dreißig Prozent mehr weiß, als das Gegenüber.

Ein weiteres Beispiel, das Du ganz sicher selbst oftmals erlebtest, ist folgendes. Man sagt etwas und weiß, dass es dem anderen nicht so gut gefallen wird. Aber statt dieser sich aufregt, wie er es sonst ganz sicher getan hätte, sagt er: „Es ist alles gut.“

Im ersten Moment denkt man: „Wow, das hätte ich jetzt aber nicht gedacht.“ Denkt man ein paar Minuten später darüber nach, wird einem bewusst, dass er sich selbst damit beruhigt hat, weil er wusste, dass er sich darüber ganz sicher aufgeregt hätte. Jedoch war ihm klar, dass er sich, wie auch seinem Gegenüber mit einem Ausraster keinen Gefallen getan hätte. Denn eigentlich ist überhaupt nichts gut.

Ich könnte seitenlang Beispiele aufzählen.

Wenn ich mich selbst dabei erwische, diese blöde Redewendung zu verwenden, ärgere ich mich mächtig darüber.

Zum Beispiel, wenn ich am Telefon gefragt werde: „Na, wie geht es Euch?“ Und ich antworte: „Alles gut, danke.“  Schütze ich mich selbst vor weiteren rhetorischen Fragen, auf die ich keine Lust habe, zu antworten.

Oder wenn sich jemand minutenlang rechtfertigt und seinen eigenen Standpunkt begründet. Sage ich auch oftmals: „Es ist alles gut.“, damit er aufhört, sich so dermaßen zu winden. Ich mag das ewige Wiederholen des Warum, Wieso, Weshalb wirklich nicht. Meistens folgt darauf eine weitere Begründung, dass er doch nur noch erklären wolle, weshalb … und so weiter. Da hilft meistens tatsächlich ein „Es ist wirklich alles gut.“

Beruhige ich mein Gegegenüber damit? Nun, vielleicht auch. Aber eigentlich tue ich mir selbst damit einen Gefallen, damit ich mir dieses ausschweifende Gerede nicht weiter anhören muss.

Würden wir diese Floskel nur ein klitzekleines wenig abwandeln mit  zum Beispiel „Ist ja gut nun!“ oder „Jaaa, ist ja gut!“ klingt es negativ, wäre aber ehrlicher.

„Alles ist ist gut.“ oder „alles gut“ ist letztendlich diffus, schwammig aber eben nett.

Wenn jemand mir gegenüber diesen Spruch ablässt, ist es für mich ein Alarmsignal. Ich reflktiere mich zunächst selbst. Oftmals ist es jedoch tatsächlich die oben beschriebene Selbstberuhigung.

Also alles ist gut 😉

Herzlich, Eure Petra Kolossa.

Petitesse – Randnotiz – 2024 -09-05

Wenn du auf ein Wort verzichten müsstest, das du regelmäßig verwendest, welches wäre das?

… die Floskel „alles gut“.

Ich sage das immer, wenn ich gefragt werde, wie es mir gehe und auf ähnliche rhetorische Fragen. Es ist meine genauso rhethorische Antwort darauf. Ich will das nicht wirklich, aber ich tue es, weil es bequem ist. Der andere nimmt es hin und alles gut 😄

Welches Wort ist Deins, das Du regelmäßig nutzt, aber darauf verzichten könntest?

Bin ganz neugierig.

Herzlich, Eure Petra Kolossa.