Einfach mal die Fliege machen?!

„Ich fühle mich gerade verarscht“, unterbricht er die eisige Stille am sonntäglichen Frühstückstisch. Sie sitzen sich gegenüber. Jeder würgt seine Brötchenhälfte herunter. Wie immer: Er die obere, sie untere Hälfte. Er mit heißer Schokolade, sie mit einem starken Kaffee.
„Wer verarscht dich?“, fragt sie.
„Ich hatte das schon alles. Muss ich nicht wieder haben.“
„Was meinst du?“
„Stehst den frühen Morgen mit deinem Telefon im Bad und tippst irgend etwas! Wer soll deine Ausrede glauben?“ Nach einer kurzen Pause: „Wenn da was ist, sag Bescheid! Dann mach‘ ich die Fliege.“
„Dann machst du die Fliege?“, fragt sie nach ein paar Sekunden nachdenklich.

Okay, als er sie am Morgen im Bad beim Tippen auf ihrem Handy erwischte, hätte sie sich wahrlich besser eine Ausrede einfallen lassen können. Auch wenn ihre Begründung stimmen mag, ist sie doch etwas dämlich.

„Denkst du, ich habe nicht bemerkt, dass du immer die Seiten auf deinem Telefon schließt, wenn ich in deiner Nähe bin?“, gibt er von dumpfer Ahnung getrieben noch zu.

Sie sagt nicht, dass da etwas ist.
Sie sagt nicht, dass da etwas nicht ist.
Sie lässt das frei im Raum stehen.

Ich spüre, wie er mit sich ringt, die Frage konkret zu stellen. Er tut es nicht.
Und ich spüre, wie sehr sie seine Reaktion auf diese Situation quält.
Einfach mal die Fliege machen.
Vielleicht befreit es ihn, aus einer inzwischen mehr freundschaftlich-kumpelhaften als einer Liebesbeziehung begründet zu entkommen?
Kampflos die Fliege machen?
Türe zuschlagen und abhauen?

Als sie gingen, um ihrer Tagesbeschäftigung nachzugehen, bleibt Unausgesprochenes im Raum und nicht in Worte gefasste echte Gefühle.

Heute sehr nachdenklich,

Eure Petra Kolossa.

Petra-Aug17 905.2

Fotografin: Astrid Gast