Deins, meins, oder doch nicht?

„Was zu dir gehört, kannst Du nicht verlieren. Was nicht zu Dir gehört, kannst du selbst mit aller Kraft der Welt, nicht festhalten.“

Diese Zeilen las ich heute im social media bei einer Freundin. Sie zitierte es unter Konfuzius. Ich bin mir aber nicht sicher, ob wir ihm das tatsächlich in die Schuhe schieben können. Meine Recherchen ergaben nichts Eindeutiges. Aber sei es, wie es ist. Diese wenigen Worte ließen mich nachdenklich werden.

Ist es tatsächlich so? Was gehört zu mir? Was gehört nicht zu mir? 

Auch wenn in diesem Zitat oben von „Was“, also einem Ding, die Rede ist, entschied ich mich, es sinnbildlich zu verstehen.

Im Laufe meines Lebens erkannte ich für mich, dass ich selbst keinem anderen Menschen gehöre. Und umgekehrt gehört mir kein anderer. Ich bin wahnsinnig dankbar, für die Zeit, die ich mit diesen Menschen verbringen darf und gegebenenfalls verbringen durfte. Er gehört oder gehörte eine Zeitlang zu mir, in mein Leben. Jede dieser Begegnungen formt mich und bereichert mein Leben und ich denke, es ist auch umgekehrt so. Einige Menschen bleiben ein Lebenlang, andere nur kurze Zeit.

Nun, diese Erkenntnis war tatsächlich ein Prozess, der einige Jahre brauchte. Nachdem ich nach über zwanzig Jahren Ehe über Nacht allein dastand, fiel ich zunächst in einen Schockzustand, der sich mit unendlich vielen W-Fragen fortsetzte. Und eines dieser großen „W“ war: Warum kann ich ihn dafür nicht hassen. Viele meiner Nahestehenden sagten zu mir, ich müsse ihn doch dafür verfluchen. Nein. Ich tat und tue es nicht. Es gibt unendlich viele Gründe, welche zu getrennten Wegen führen können. Eine neue faszinierende Liebe, das Gefühl der Enge, der Kontrolle, der Über- oder Unterforderung und so weiter.

Andere sagten wiederum, ich solle um ihn kämpfen. Ich fragte mich, ob es Sinn ergebe. Natürlich gab es ein kurzes Aufbäumen. Jedoch erkannte ich sehr schnell, dass ich ihn nicht festhalten konnte und wollte. Ich wollte keinen Menschen an meiner Seite, der aus Mitleid bleibt oder weil er sich irgendwie verantwortlich fühlt. Ein gekitteter Riss ist nur bedingt belastbar. – Er gehörte nicht mehr zu mir. Ich wünschte ihm ehrlich alles Gute und ließ los.

Inzwischen sind über zwanzig Jahre vergangen. In meinem Leben blieben Menschen und gingen welche. Es sind auch wertvolle Menschen in meinem Leben, zu denen ich eine sehr enge Bindung habe, obwohl bei einigen von ihnen eine große Entfernung zwischen uns liegt. Und es gibt Menschen, die mein Leben bereichern, denen ich mich freundschaftlich und kollegial verbunden fühle.

Jedoch ist mir sehr bewusst, dass es nicht nur in meinem eigenen Leben Veränderungen geben kann, sondern auch im Leben der anderen. Und keiner von uns weiß heute, was morgen sein wird. Jeder von uns ist letztendlich für sein eigenes Leben verantwortlich und weiß, wer zu ihm gehört und was vielleicht gegebenenfalls in seiner Lebensentwicklung nicht mehr passt. Und ich verteufele keinen. Alles hat seinen Grund, weshalb es so ist. Auch, wenn wir es oftmals erst viel später verstehen werden. –

Es heißt: Man sieht sich immer zweimal im Leben. Irgendwie mag ich diese Weisheit …

Wie ist es bei Dir? Welche Erfahrungen hat Dich das Leben gelehrt? Schreibe es einfach ins Kommentarfeld. Ich freue mich sehr, Deine Meinung zu diesem Thema kennenzulernen.

In diesem Sinne,

herzlich, Eure Petra Kolossa. 

Einfach mal die Fliege machen?!

„Ich fühle mich gerade verarscht“, unterbricht er die eisige Stille am sonntäglichen Frühstückstisch. Sie sitzen sich gegenüber. Jeder würgt seine Brötchenhälfte herunter. Wie immer: Er die obere, sie untere Hälfte. Er mit heißer Schokolade, sie mit einem starken Kaffee.
„Wer verarscht dich?“, fragt sie.
„Ich hatte das schon alles. Muss ich nicht wieder haben.“
„Was meinst du?“
„Stehst den frühen Morgen mit deinem Telefon im Bad und tippst irgend etwas! Wer soll deine Ausrede glauben?“ Nach einer kurzen Pause: „Wenn da was ist, sag Bescheid! Dann mach‘ ich die Fliege.“
„Dann machst du die Fliege?“, fragt sie nach ein paar Sekunden nachdenklich.

Okay, als er sie am Morgen im Bad beim Tippen auf ihrem Handy erwischte, hätte sie sich wahrlich besser eine Ausrede einfallen lassen können. Auch wenn ihre Begründung stimmen mag, ist sie doch etwas dämlich.

„Denkst du, ich habe nicht bemerkt, dass du immer die Seiten auf deinem Telefon schließt, wenn ich in deiner Nähe bin?“, gibt er von dumpfer Ahnung getrieben noch zu.

Sie sagt nicht, dass da etwas ist.
Sie sagt nicht, dass da etwas nicht ist.
Sie lässt das frei im Raum stehen.

Ich spüre, wie er mit sich ringt, die Frage konkret zu stellen. Er tut es nicht.
Und ich spüre, wie sehr sie seine Reaktion auf diese Situation quält.
Einfach mal die Fliege machen.
Vielleicht befreit es ihn, aus einer inzwischen mehr freundschaftlich-kumpelhaften als einer Liebesbeziehung begründet zu entkommen?
Kampflos die Fliege machen?
Türe zuschlagen und abhauen?

Als sie gingen, um ihrer Tagesbeschäftigung nachzugehen, bleibt Unausgesprochenes im Raum und nicht in Worte gefasste echte Gefühle.

Heute sehr nachdenklich,

Eure Petra Kolossa.

Petra-Aug17 905.2

Fotografin: Astrid Gast