Kabarett Warteschlange

Freitag Nachmittag. Da muss man schon Gegurke auf den Straßen hinnehmen. Ist doch klar: Freitag nach eins, macht jeder seins. Alle wollen nach irgendwo, hauptsache weg von ihrer Arbeit.
Endlich angekommen ist auch klar, dass ich mich bei der Post irgendwo als zwölfte oder fünfzehnte einreihe. Es dauert nur Sekunden. Ich bin nicht mehr die Letzte, nur noch ein Glied in der Warteschlange.

„Was? Nach Australien soll das?“, höre ich die Dame hinter der Theke in breitem Dialekt. Sie wiegt das große Paket und ergänzt:  „Das kostet aber was!“
„Noi, nicht Australien! Nach Austria“, erklärt ihr Kunde.
„Sag ich doch!“.
„Noi! Da steht doch Wien!“, weist er ungeduldig hin.
„Was, gibt’s in Australien auch ein Wien? Ich kenne nur eines in Österreich“, sagt sie.
„Das ist doch Österreich!!“, bekommt sie deutlich zu hören.
„Und warum schreiben sie’s nicht hin?!“ …

Und nun soll mal einer sagen, das Warten in einer Schlange sei langweilig.

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Ich bekomme das Grienen nicht aus dem Gesicht.

Herzlich, Eure Petra Kolossa.
Foto: Astrid Gast

Logisch?

„Nutzen sie ein Smartphone?“, frage ich.
„Ja, logisch!“ Er lacht.
„Welches Betriebssystem?“, löchere ich weiter.
„Asteroid“, sagt er und ergänzt: „So eins mit einer Payback-Karte zum Aufladen.“

In diesem Moment wird mir bewusst, wie uns die Wortschöpfung im täglichen Leben erschlägt. Besonders hart trifft es die, die sich unter einem Begriff nicht viel vorstellen können. Schon immer fiel es dem einen leicht, dem anderen schwer, Vokabeln zu lernen.

Ein bissle grübelnd, Eure Petra Kolossa.

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… aufgeschnappt und ausgespuckt

Noch knapp zwanzig Minuten, dann wird die Fähre anlegen und mich gemütlich von Konstanz nach Friedrichshafen schippern.

Auf einer bequemen Bank, mache ich mich breit. Mein Blick ruht auf dem Hafen. Wie doch dieser grässliche Betonklotz die Kulisse ruiniert, denke ich.

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Bild: Holger Wagner

Herrlich, noch eine viertel Stunde Zeit, ich krame meinen Tolino aus der Tasche, schlage ihn auf, um in meinem Buch zu lesen.
Gerade habe ich mich in die ersten Zeilen vertieft, als sich zwei Männer laut diskutierend auf der anderen Seite meiner in Beschlag genommenen Bank fallen lassen.

„Ick kann dir sagen, ick hab nischt, aber überhaupt nischt gegen die. Die können nischt dafür, dass die dort untergekommen wurden, wo die jetze sind“, erklärt der eine dem anderen in einem saloppen Slang. „Und weeste, der zuvor da war, den se rausgehauen haben, weil dat arme Schwein ’ne Tüte mit abgelaufenen Fressalien mitgehen ließ, war och in Ordnung. Irgendwo aus Asien kam der, ick wees nich genau.“
„Ist der blöd? Warum macht der so was?“
„Gelegenheit, einfach Gelegenheit. Lag ja sozusagen im Müll“, sagt er und redet gleich weiter. „Hast du schon mal einen gesehen, der bei ’ner Reinigungskolonne reich geworden ist?“
„Nö. Aber jeder weiß, dass das verboten ist.“
„Klugscheißer!“

Die zwei zünden sich eine Zigarette an und ich fühle mich ertappt, weil ich total neugierig dem Gespräch folge. Meine Augen stieren auf Tolino und die Ohren hängen am Gespräch hinter meinem Rücken.

Der eine stößt seinen Qualm genussvoll  aus und nimmt das Gespräch wieder auf:
„Tja, und jetze ham wir ’nen Schwarzen. Der is bestimmt ein cooler Typ. Kann schon sein. Nur versteht der keen Wort Deutsch. Es heißt, der würde Deutsch lernen, aber ick merk nischt davon. Is ja ooch alles jut.“ Er überlegt kurz und meint: „Weeste, die armen Kerle könn nischt dafür. Die Politiker, die dat eingerührt haben, die allet off die janz unten abwälzen, die interessiert dat nich, wie wir klar kommen.“
„Hör mir auf mit Politik, die ist mir egal“, sagt der andere.
„Sollte aber nicht. Allet is Politik“, belehrt der erste. „Pass uff. Der Schwarze kam zu mir und wollte irgend etwas. Ick hab ihn ja nich verstanden. Dann begriff ick, dass ick ihm irgendeine Maschine erklären sollte, die ick selber nie bedient habe.“ Er schnaubt kurz:  „Sollte da mal einen Kurs machen. Unbezahlt! Dat bei Mindestlohn. Hab’s mir bisher verkniffen“, ergänzt er.
„Also gleich mal zwei Unbekannte. Sprache und Technik!“, warf der andere altklug ein. „Jo, so könnte man sagen. Dann kam noch die aus dem Büro oben dazu. Die meinte, die Chefin hätte gesagt, ick solle ihm dat erklären. Ick sagte, wie soll ick dat erklären, wenn der mich nicht versteht? Da meinte die, ick soll mir Mühe geben. Da hab ick ihr gesagt: ‚Richte der Chefin aus, dat sie sich darum kümmern soll, dat Frau Merkel einen Dolmetscher schickt …“

Die Fähre sendet ihr Signal und wird gleich anlegen. Ich schiebe meinen Tolino in die Tasche. Beim Aufstehen drehe ich mich um und sehe die beiden Männer, irgendwo in den Dreißigern,  noch immer rauchend und ernsthaft in ihr Gespräch vertieft.

Ich schlendere zum Anleger und denke bei mir, wie viele Aspekte,  in diesen wenigen, einfachen, Sätzen frequentiert wurden, wie breit doch das politische Geschehen greift und bewegt. – Hass? Nein, Hass hörte ich in keinem Satz.

… etwas nachdenklich, Eure Petra Kolossa.

 

 

 

 

Ach ja, die Kunst und so

„Haben sie ein Kärtchen bei?“, fragt sie mich. Ich reiche ihr eins. Sie greift es vorsichtig,  streicht mit zwei Fingern zart über das Bild der Vorderseite, dreht es um, lächelt und sieht mich an.
„Es ist so schön, ihr Kärtchen.“ Ich fühle mich geschmeichelt. „Oh, Dankeschön. Es ist ein Ausschnitt aus einem Bild, das ich gemalt habe.“ Sie schaut immer noch auf das Kärtchen in ihrer Hand. „Haben sie einen Katalog oder etwas ähnliches, wo ich mal schauen kann?  Ich würde gern mehr sehen.“ „Leider nein“, sage ich. „Gern können sie sich aber auf meiner Webseite einen Überblick verschaffen.“ Ich nehme mein Smartphone aus der Tasche, öffne die Seite und reiche ihr das Gerät.

„Ein so herrlich warmer Maiabend!“, ruft uns deren Freundin laut entgegen. Mit ihr wabert eine Wolke von Zigarettenqualm durch die geöffnete Terrassentür in den Gastraum. Sie kommt auf unseren Tisch zu und schaut neugierig über ihre Schulter auf das Smartphone.
„Wow, wie cool ist das denn! Miró.!“, kreischt sie mit rauchiger Stimme. „Ich bekam irgendwann in den Neunzigern einen Kalender mit Bildern von ihm. Jeden Monat einen Miró. ein ganzes Jahr lang. Ich liiiiiebe Miró!“ Sie greift nach ihrem Glas und schlürft von dem Latte. „Mach weiter!“, weist sie ihre Freundin an. Diese schiebt die Bilder weiter. „Ich bin sooo begeistert! Diese Farben! Wie die leuchten! Ich liebe diese Farben! Wo gibt es dieses Buch, oder vielleicht wieder einen Kalender?“

„Ähm, das ist nicht Miró. Die Bilder habe ich gemalt“, sage ich ganz vorsichtig.
Sie stutzt, guckt mich mit großen Augen an.
„Oh, bitte nicht falsch verstehen. Ich will damit ja nicht sagen, dass Sie die kopiert haben, oder so. Man hat doch sicher Vorbilder oder?“ Hilfloser Blick von ihr.
„Es ist alles gut“, tröste ich sie. „Mir war das bisher nie bewusst, dass es so sein könnte. Es hat mir auch noch nie jemand gesagt und ganz ehrlich: So recht sehe ich keine Parallelen.“
Sichtbar peinlich quasselt sie los. „Rosina, wie heißt sie gleich? Wachtmeister? Die malt ja auch Katzen. Ihre erste war schwarz. Bestimmt!“ Sie redet und redet. „Ich bin bestimmt kein Kunstkenner. Aber ich liebe Miró., Klimt und Hundertwasser … und ich habe alles von Rosina. Auch das erste Bild. Das war eine schwarze Katze von hinten. Bestimmt. Die hatte kein Gesicht. Ich bin mir sicher. Und das hier, das ist wie bei Klimt.“ Sie zeigt auf eine meiner Assemblagen, die ich aus alten Büchern fertigte. Ich sagte ihr, dass das eine Materialassemblage ist, kein Gemälde. Sie guckt mich an und meint: „Egal, was das ist, das ist so ähnlich, wie bei Klimt. Und die Kreise hier, da habe ich früher schon mal in Kunst darüber geschrieben. Weiß jetzt nicht genau woher ich das kenne …“

Ich habe mich zurückgelehnt, halte mich an meinem Kaffee fest und beobachte fasziniert, wie sich die lebhafte, hagere, kleine Frau gestikulierend erklärt.

„Und was nehmen sie dafür?“
„Acryl“, sage ich.
„Nein! Was die Bilder kosten, meine ich.“
Ich sage es ihr.
„Oh“, schlüpft es aus ihrem Mund.
„Ein Schnäpperle“, sage ich. „Es sind nur etwa 0,006 % eines Miró.“

 2013 hatte ich das Glück, diese Ausstellung in Lindau sehen zu können.
Hier eine Kopie des Flyers.

Und hier die Ursache des Ganzen 😀

Mir sitzt das Grienen noch im Gesicht.

Einen schönen Abend wünscht Eure Petra Kolossa.

 

Einfach nur Suppe

Pause.
Damit es auch jeder bis in die letzte Ecke des Raumes begreift, werden diese fünf Buchstaben via Power Point an die weiße Wand projiziert. Träge erheben sich die Leute, die einen, um sich endlich „Eine“ durch die Lungen zu ziehen, die anderen, um sich zu „stärken“.

Ein Kaffee wäre gut, denke ich. Ermüdet vom Anstieren der bunt aufbereiteten Bildchen an der Wand und der monotonen Stimme noch im Ohr trabe ich aus dem Halbdunkel des Raumes den anderen hinterher, nach nebenan.

Die ersten kommen uns mit voll beladenen Tellern entgegen.
Ich schlendere zum Buffet und entdecke einen großen Topf mit Suppe. Die duftet nach Curry. Ich mag Curry.

Die schwerfällige Masse blubbt von der Kelle in die Suppentasse. Ich lege die Suppenkelle zurück und gucke zweifelnd auf diese Konsistenz. Was das wohl sein mag?
Schon werde ich angesprochen: „Ist da Tier drin?“ Ich schaue auf. „Keine Ahnung, fühlt sich aber so an, als sei welches dabei. Geflügel, nehme ich an.“ Die Dame regt sich auf, dass hier nie an die Vegetarierer gedacht würde. Eine andere fällt gleich mit ein und beschwert sich, was solle sie als Veganerin sagen. Da sei überhaupt nichts dabei. „Doch“, sage ich und zeige auf eine Schale mit Äpfeln. Sie verdreht die Augen und geht.

Ich rühre mit dem Löffel und versuche zu erkunden, was ich mir da aufgetan habe, als ich wieder angesprochen werde. „Schmeckt das süsslich?“, fragt mich ein hagerer Älterer. „Ich habe noch nicht probiert“, antworte ich langsam genervt. Da sei sicher Zucker drin, dieses Teufelszeug, ohne dem kriegen die Küchen ja nix hin. Das hört sein Nachbar und ergänzt das Gemaule: „Auf jeden Fall Geschmacksverstärker. Das gibt Durst. Das kann ich euch jetzt schon sagen.“  Ein anderer stellt sich dazu. „Gluten, das ist total ungesund. Habe da letzte Woche erst eine Sendung im Fernsehen gesehen. Ich kann euch sagen, da müsst ihr unbedingt auf die Verpackungen gucken …“

Ich drehe mich um und verziehe mich, will mich endlich meinem Essen widmen. Die Masse in der Tasse ist inzwischen kalt und hat sich zu einem festen Brei entwickelt. Ich stecke den Löffel hinein. Noch immer weiß ich nicht, was das eigentlich ist. Und ganz heimlich fange ich an zu überlegen. Wieviele Punkte wird das Zeugs haben? (Okay, jetzt habe ich mich geoutet …) Keine Ahnung. Ich schaue auf die inzwischen abgenagten Brötchenplatten. Gut, die können mich nicht mehr verführen.

„Es geht weiter!“, ruft eine kräftige Männerstimme in den Raum.

Befreit stelle ich die Suppentasse unbenutzt zu dem benutzten Geschirr, zapfe noch einen Kaffee und greife mir einen lecker Apfel.

„Der ist nicht aus der Region. Importware! Die werden gespritzt wie verrückt! Wasch den lieber noch mal ab, bevor du den isst. Man weiß nie! Und überhaupt! Wieviele Kilometer diese Äpfel rumgekutscht werden, der Diesel und so. Wo wir doch im Lande selber genug davon haben …“
Ich schaue mich um. Nö, da ist keiner! Oh je! Wie kommt das in mein Hirn?!

Auf dem Weg zu meinem Platz gehe ich an der Veganerin vorbei. Sie kaut auf einem Eisbergsalat. Die Kunststofffolie mit dem Produktaufkleber, die diesen umhüllte liegt vor ihrem Platz. Und ich kriege langsam einen dicken Hals auf die erhobenen Finger all der physischen und virtuellen Superwisser dieser Welt, die uns umgeben.

Wenn ich dann zu Hause sein werde, gönne ich mir einen leckeren Rotwein (Mach’s nicht! Alkohol ist ungesund und macht dick! – Doch, ich gönn’s mir!!) und lege mir eine gute Musik auf die Ohren.

Genießt das Leben und hört auf Eure Gefühle.

Herzlich, Eure Petra Kolossa.

Wollt Ihr mithören?

Bitteschön:

Zeitmanagement? Es kommt eh anders!

Zeitmanagement ist schon was Geniales, rein theoretisch. Irgendwie bekomme ich das selten gebacken. Ich meine, ganz ohne Eile, ohne hundert Dinge auf dem Weg erledigen zu wollen. Das ist fast zwanghaft, zumindest bei mir.
Ich meine, ich komme schon pünktlich zum Termin, aber eben halb im Flug, was denen, die mich so erleben mächtig auf den Keks gehen kann.

Zum Beispiel heute: Nachdem ich fix die Fenster geschlossen, die Heizung herunter gedreht, den Geschirrspüler geöffnet habe, der soeben seinen Dienst beendet hat, ach ja, der Oleander im Treppenhaus! Schnell noch gegossen, ohje die Kätz haben keine Milch mehr, die Schälchen gefüllt, Hände gewaschen – verflixt, die Seife ist gleich zu ende. In die Küche gesaust, auf dem Einkaufszettel eine Notiz hinterlassen, zurück ins Bad geflitzt,  noch meine Hände eincremen.

Jetzt wird’s aber eng! Schnell in die Stiefel und dann los! Ich nehme mir also meine Stiefel, ziehe vom linken den Reißverschluss auf und schlüpfe hinein. Nehme den rechten, ziehe den Reißverschluss nach unten, fahre mit meinem Fuß hinein. Komisch. Ich habe doch gestern keine Kuschelsocken getragen. So kalt war es doch gar nicht. Manches Mal streift sich solch eine zweite Socke beim Ausziehen ab und verbleibt im Stiefel. Ich halte den langen Schaft meines Stiefels fest und drücke meinen Fuß kräftig in den Schuh. Was ist das?! Es bewegt sich!! Noch niemals in meinem Leben habe ich mich so schnell einem Schuh entledigt. Ich drehe den Stiefel um. Nein! Ich muss quieken.

Wer erschrockener war, die Maus, oder ich, kann ich nicht sagen. Wir guckten uns kurz an, bis sie sich besann und den Flur entlang rannte, um sich im Wohnzimmer zu verkriechen. Unglaublich! Wie hat es das Tierchen geschafft, sich durch diese langen umgeknickten Stiefelschächte bis in die Schuhspitzen zu kämpfen?

Ich behalte es mal für mich und sage es keinem weiter, dass wir unseren Haushalt mit drei (DREI) Katern teilen.

Benny kommt soeben durch die Katzenklappe. „Sieh zu, dass du die Maus im Wohnzimmer findest!“, weise ich ihn an und verlasse im Sturzflug die Wohnung.

Mir soll mal einer was von Zeitplänen erzählen. Ich brauche welche mit einem riesengroßen Toleranzbereich.
Werde mal Zeit einplanen, um darüber nachdenken zu können.

… so, ich muss weiter!

Herzlich, Eure Petra Kolossa.

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Eine Aufnahme aus 2012. Die Kleine fand unser Katzenfutter äußerst schmackhaft. Sie marschierte später satt und zufrieden durch die Wohnungstür ins Grüne.

 

Kürbisökonomie

Vor ein paar Tagen spulte ich mich die Serpentine von Lindau aus kommend in die Bayerischen Höhen. Bei etwas über 800 Metern liegen um Lindenberg herum kleine Orte idyllisch eingekuschelt, die sicher jedes Touristenherz höher schlagen lassen.

Als der goldene Herbst mit seinen noch recht warmen Temperaturen die Menschen in die Straßencafes lockte und sich eine urige Gemütlichkeit breit machte, besuchte ich diese Region das erste Mal.
Jetzt lauern die Einheimischen routiniert auf die Wintersaison. Das Angebot der Händler und Gastronomen ist schon heute auf die zu erwartenden Feriengäste eingestimmt. An den Straßenrändern staken zwei Meter hohe Begrenzungen für die Schneepflüge. Alles klar, möge der Schnee recht bald Einzug halten.

In einem dieser kleinen Orte traf ich den Bürgermeister. Ein Mann, Anfang vierzig, ein natürlicher Typ mit wachem Blick, ein Sympathieträger. Wir unterhielten uns über Gott und die Welt. Seine bildhafte Sprache faszinierte mich.
Er schenkte uns noch eine Tasse Kaffee ein. Schaute mich an: „Wissen sie, was mich verrückt macht?“, fragte er mich. Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Was ist es?“ Er stellte seine Kaffeetasse hart auf dem Teller ab. „Dass die da oben keine Ahnung haben, wie Kommunalpolitik in der Praxis funktioniert. Die hören nicht zu! Die sollten mal fragen! Die sollten mal vor Ort kommen!“
Ich hob die Augenbrauen und wollte ihn nicht unterbrechen. Er erklärte mir, dass die in den Gemeinden das auszubaden haben, was da „oben“ irgendwie verzapft wird. Und das Verrückte an der Sache sei, dass sie das auch irgendwie immer hinbekommen haben.
„Wir haben es mit Menschen zu tun! Egal, von wo die kommen, ob von hier oder von da. Nur ticken Menschen so, dass sie Gerechtigkeit einfordern. Es ist wie mit Kindern. Egal wie, sie wollen gleich und gerecht behandelt werden, und das mit Recht!“, betont er.
Sie hätten es hier schon immer mit Flüchtlingen oder Asylsuchenden zu tun. Das Thema sei für sie nicht neu. Und sie hätten das immer hinbekommen. Es brauche aber Zeit, einige Jahre Zeit! Aber das, was ihnen hier in diesen kleinen Orten übergestülpt wurde überschreite die Grenzen.
„Wissen sie“, erklärte er mir „es wird immer vergessen, dass diese Menschen eine eigene Kultur haben. Und das nicht erst seit kurzem. Die Leute ticken einfach anders. Wir können sie nicht umfunktionieren. Sie verstehen es einfach nicht. Wie auch!“ Er guckte mich an und erklärte:

„Der Landwirt hat zum Beispiel ein Feld mit 3000 Kürbissen. Bei uns ist alles geregelt. Es gibt Stundenlohn, es gibt eine vertraglich vereinbarte Arbeitszeit, Arbeitsschutz, Gesetze über Gesetze. Im arabischen Raum funktioniert das so nicht. Und die Leute, die von dort kommen, können mit Stundenlohn und starren Zeiten nichts anfangen!“ Ich sah ihn fragend an und er sprach gleich weiter.
„Im Arabischen, wo ja die meisten Leute herkommen, geht das so: Der Bauer sagt: ‚Da ist mein Feld. Da sind 3000 Kürbisse. Die müssen geerntet werden. Dafür bekommst du soundso Geld.‘  Was macht derjenige? Der holt sich einige Leute ran, sagt denen, da sind 3000 Kürbisse, die müssen geerntet werden, du bekommst soundso Geld und fertig. Es wird gearbeitet, bis alles erledigt ist. Dann setzt man sich zusammen, derjenige teilt sein Geld und gut. So oder so ähnlich funktioniert das seit Generationen! Das machen die schon immer so!  Die können mit Stundenlohn und festgeschriebener Arbeitszeit nichts anfangen. Sie verstehen das auch nicht.“

Orange-rote groe Krbisse
Er sinnierte ein paar Sekunden und meinte: „Das ist ein verdammt langer Prozess, diese Integration.“

… ja, ganz sicher:
Ein langer Prozess, dass wir tolerieren, dass diese Menschen, die aus anderen Kulturen zu uns kommen, nur langsam in ihr neu gewähltes Leben in eine für sie fremde Kultur hineinwachsen können.

Und ein langer Prozess dieser Menschen, bereit zu sein und zu lernen, ihr neues selbst gewähltes Leben in einer anderen für sie fremden und neuen Kultur anzunehmen.

Ein Prozess ist ein Prozess. Er braucht Zeit, wenn es ein gesunder Ablauf sein soll.
Mögen es die Entscheidungsträger „da oben“ begreifen, dass es mit einem Überstrapazieren der Gemeinden nicht funktionieren wird.

Mit nachdenklichen Grüßen, Eure Petra Kolossa.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zerrissen

Von mir unbemerkt stand sie neben meinem Auto. Sie war auf einmal da.
Ein leises Lächeln, den Kopf gebettet in den hochgezogenen Schultern.
In den Taschen ihrer Latzhose die Hände tief vergraben schaute sie mich an.

Ich drehte den Zündschlüssel nach links und stieg aus.

Sie sprach mich sofort an: „Was ist das für Kunst, die du machst?“  Mit einer Kopfbewegung wies sie auf das Heck meines Autos. „Ich hab‘ das gelesen und ich dachte, ich frag einfach mal.“
Ich sagte es ihr und spürte, sie war irgendwie interessiert, jedoch mit ihren Gedanken nicht bei meinen Worten.
Sie schwieg. Ihr Blick wanderte über den großen Dreiseitenhof auf der anderen Straßenseite.

„Ich bin Kirchenmalerin und Restauratorin. Mache aber schon lange nichts mehr. Als Bäuerin hast du keine Zeit für sowas. Kannst ja davon nicht leben. Brauchst einen Mann, der alles bezahlen kann“, sinnierte sie und versackte in ihren Gedanken.

Ausdruckslos schaute sie auf ihr Bauernhaus, holte tief Luft und zeigte mit ausladender Bewegung auf die rechte Tür des Hauses.
„Das habe ich gemacht! Kunst!“, kam es zynisch, „die Tür rot gestrichen!“
Sie schaute mich herausfordernd an.

„Du musst wissen, das war die Tür meines Schwiegervaters. Wir haben uns nie gut verstanden. Er hasste meine rot gestrichenen Fensterläden.
Erst, als er verdammt alt war und ich irgendwie älter wurde, kamen wir uns näher.
Viel zu spät! Drei Tage vor seinem Tot haben wir beide auf dem Sofa gesessen und über Gott und die Welt gesprochen. Er meinte, er werde bald sterben. Wir haben noch Witze darüber gemacht, dass das noch lange nicht dran sei. Wir tranken einen über den Durst und amüsierten uns, wie es wohl sei, wenn man sich die Radieschen von unten ansehen würde.“

Sie holte tief Luft und ließ diese verzweifelt stöhnend wieder frei.
Der kühle spätherbstliche Abendwind griff sie auf und trug sie fort.

Ihr stumpfer Blick traf mich, als sie sagte:

„Er ist vor nicht einmal zwei Wochen gestorben. Seine Tür habe ich rot gestrichen und
auf sein Grab säte ich Radieschen.“

Fast körperlich spürte ich ihre Zerrissenheit, ihre Wut auf das Vergangene, und die verstrichene Chance der endgültigen Versöhnung.

Bright Red Arched Door in a Stone Wall

 Einen schönen Samstag wünscht Euch, Eure Petra Kolossa.

 

 

 

Zwetschgen, Pflaumen – oder wie?

Früher, ganz früher, kaufte ich immer Pflaumenkuchen. Wenn ich welchen gebacken habe, war es einfach nur Pflaumenkuchen.

Später glaubte ich, es wäre eine regionale Spezifikation. Die einen sagen so, die anderen eben so.

Neulich hat mich das Leben eines besseren gelehrt.

In Ravensburg haben wir einen schicken Supermarkt. Dort erledige ich gern meine Einkäufe. Gutes Angebot, angenehme, höfliche, saubere Atmosphäre ist das eine. Das andere, es ist so toll zu erleben, wie viele Menschen verschiedenster Nationalitäten dort beschäftigt sind und auch einkaufen. Deutsch ist Firmen- wie auch Kundensprache.
Und außerdem gibt es dort meinen Lieblingsbäcker.

Ich reihte mich also in die Schlange ein. Vor mir wurde lebhaft diskutiert. Meine Neugier ließ meine Ohren spitzen. Aha, es ging um den Zwetschgenkuchen, der im Angebot ist. „Noi!“, rief eine Frau im schwäbischen Dialekt. „Zwetschgen sind Zwetschgen und Pflaumen sind Pflaumen! Das hier sind Zwetschgen.“ Ein kräftiger großer Mann mit einer tiefen Stimme, im russischen Slang, die er aus seinem mächtigen Körper holte, meinte bestimmt: „Zwetschgen sind Pflaumen. Alles sind Pflaumen. Ihr sagt nur Zwetschgen.“ Die Dame vor mir wehrte sich: „Zwetschgen sind Zwetschgen. Die werden zum Backen genommen. Pflaumen sind Pflaumen, die werden zu weich beim Backen. Da kann man nur Mus draus machen.“ Ein anderer drehte sich um. „Ich glaube“, sagte er, „irgendwie sind das alles Pflaumen. Da gib es verschiedene Sorten. Aber wie das mit den Zwetschgen ist, ob das hier wirklich nur so gesagt wird? Ich weiß es nicht.“ Die Dame vor mir wandte sich an mich: „Was meinen sie?“ „Ich weiß es nicht“, sage ich und schaue fragend die Verkäuferin hinter dem Tresen an. Die hebt die Schultern, schüttelt den Kopf. „Ich weiß es auch nicht so genau. Irgendwie sind das bei uns immer nur Zwetschgen. Wenn einer einen Pflaumenkuchen will. Bekommt er den Zwetschgenkuchen. Ich glaube, das ist das Gleiche.“

Aha, ist es wirklich so? Ich bin der Sache mal nachgegangen.

Es gibt da tatsächlich einen Unterschied. Die Zwetschge ist eine Unterart der Pflaume.

Die Pflaume ist etwas größer, eher rund. Die Zwetschge etwas kleiner und oval. Der Stein der Pflaume lässt sich schwer vom Fruchtfleisch lösen, hingegen ist es bei der Zwetschge kein Problem. Das Fruchtfleisch der Pflaume ist süß, locker und weich; das der Zwetschge fest und trockener. Und das ist der Hauptpunkt, weshalb die Zwetschge zum Backen verwendet wird. Das feste Fruchtfleisch mit weniger Saft lässt den Boden des Kuchens nicht durchweichen. Und die Dame, die meinte, dass die Pflaume gut ist, um Mus zu kochen (natürlich auch Konfitüren, Marmeladen u. ä.), hat recht.

        (links Zwetschge, rechts Pflaume)

Heute bin ich etwas schlauer.
Lasst Euch Euren nächsten Zwetschgenkuchen schmecken.

Herzlich, Eure Petra Kolossa.

Die Poscht und so

Mein kleines Wohnörtchen hat mit allem Drum und Dran, auch dank der Gemeindereformen so etwa 5.600 Einwohner. Ich selbst lebe in einem solch eingemeindeten Fleckchen, wo es nix, außer Ruhe, Grün, ein paar Viecher und eine Kirche gibt.

Habe ich etwas zu erledigen, ist ein kleiner Plan vorteilhaft, denn die nächste Gelegenheit, zum Beispiel einen Supermarkt zu finden, oder gar die Poststelle, sind fünf Kilometer entfernt.

Also hopse ich ins Auto und düse zum Farbenfachmarkt, denn dort ist die Poststelle.
Eine halbe Stunde vor Schließzeit springe ich in den Laden, schlage zielstrebig einen Haken nach rechts und … Ähm, nix. Ich kullere meine Augen durch das Geschäft. Keine Poststelle. Einfach weg. Ich frage nach und erfahre,  dass diese ein paar Straßen weiter gezogen sei. Ich schaue auf die Uhr. Oh, da muss ich mich aber beeilen.

Ein großzügiger Raum, zweckmäßig eingerichtet. Zwei Damen empfangen mich. Ich lege meine dicken Briefe auf den Tisch und bitte, die noch einmal zu wiegen. Die Ältere, ich schätze Mitte vierzig, übergibt die „Angelegenheit“ der Jüngeren, etwa zwanzig. Sie wird eingearbeitet.

Diese nimmt den ersten Brief, zeigt mit dem Finger auf die Adresse und richtet fragend einen Blick an die Ältere. „Ja, Chemnitz“, sagt diese. „Wo ist das?“, fragt die Jüngere. „Im Osten.“, bekommt sie zur Antwort. „Was muss da drauf geklebt werden?“, fragt sie. „So wie hier.“
Sie greift den nächsten Brief. „Bonn ist hier.“, sagt sie und klebt die Marke drauf. „Wo ist Rothstein?“, fragt sie. Die Ältere schaut auf die Postleitzahl und sagt: „Im Osten.“ Die Jüngere: „Also auch die Marke wie hier?“

In mir wächst langsam der Groll. Was ist das denn!?  Ich sage zu der Älteren: „Hier habe ich noch zwei Briefe in den Norden und einen in den Westen. Es bietet sich also an zu prüfen, was es kosten wird, von hier aus dem Süden die Post innerhalb von Deutschland zu versenden.“

Ich wende mich an die Jüngere und erkundige mich nach ihrem Alter. Sie sagt mir, sie sei einundzwanzig Jahre. Okay, dachte ich. „Können sie mit dem Begriff ‚Osten‘ innerhalb von Deutschland etwas anfangen?“, frage ich. Sie meint, sie hätte in der Schule mal was davon gehört, ihr sei das aber egal.

Der Älteren wird es sichtbar peinlich. Ich sage zu ihr, dass ich auf ihr Denken keinen Einfluss nehmen möchte, das sei ganz allein ihre Sache. Nur empfinde ich das ganze Getue nach mehr als einem Vierteljahrhundert sehr fragwürdig. „Ihre junge Kollegin ist in dieses Deutschland hinein geboren. Sie kennt die politische Vergewaltigung unseres Landes von damals nur aus den Geschichtsbüchern. Ich glaube, sie tuen ihr damit keinen Gefallen.“

Die Kirchenglocken läuten 18:00 Uhr. Ich zahle, wünsche mit der neuen Filiale viel Erfolg und ziehe ab.

… eine Erinnerung aus dem Frühsommer, die mir am 03. Oktober wieder in den Sinn kam. Und das Verrückte ist, ich habe diese Filiale nie wieder betreten. –  Ich wohne in einem kleinen Ort, wo die nächste Postfiliale in die andere Richtung ebenfalls fünf Kilometer entfernt ist.

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Nach dem Norden, Westen, Süden, Osten und die Mitte grüßt, Eure Petra Kolossa.