Es weckt mich ein gleichmäßiger Landregen. Wie beruhigend, denke ich. Mir wird bewusst, dass heute Samstag ist und ich bin nicht bereit, mich zu disziplinieren. Die letzten Wochen waren herausfordernd, spannend, inspirierend schön und auch erfolgreich. Dennoch haben sie mich gefordert und ich fühle mich erschöpft.
Kater Flo lockt mich in die Küche. Er verlangt nach seinem Frühstück. Ich nutze die Gelegenheit und bereite in gleichem Zuge meinen Morgenkaffee.
Das herrlich duftende Getränk nehme ich mit in mein Atelier. Öffne weit die Balkontür und lasse die frische Kühle des Morgens herein. Es regnet noch immer gleichmäßig. Die Pflanzen wirken stark in dem nass glänzendem satten Grün.
Ich muss lächeln. Denn neulich legte ich in die Blumentöpfe ein begonnenes Kunstwerk, das ich 2005, also vor fast zwanzig Jahren, fertigte. Das alte Glas glänzt genauso, wie damals, als ich es aus dem Wasser fischte.


Ich mache davon ein paar Fotos und werde Euch etwas zu diesem halbfertigen Kunstobjekt erzählen.
Also, darum geht es:

Ich liebe die Ostsee. Sie liegt mir näher am Herzen, als Mittelmeer, Pazifik oder die Nordsee, die kommt und geht. Die Ostsee ist klar, kühl, sanft und rauh. Ich liebe den Geruch und das Geräusch, wenn sich die Wellen brechen, ich mag die kreischenden Möwen und die frechen Komorane. Ich mag die Einheimischen, die nicht viel babeln; die mit wenigen Worten viel sagen können. Kurz und gut: Bin ich an der Ostsee, fühle ich mich aufgefangen.
Im Oktober 2005 machten wir einen Trip entlang der Ostsee. Unter anderem verschlug es uns auf die Insel Usedom. Bis dahin kannte ich einige Orte und Seebäder der Insel, jedoch verschlug es mich noch nie bis in den letzten Zipfel von Usedem, also bis zur heutigen Grenze nach Polen. Mich begeisterten die kleinen grünen idyllischen Orte, die wir zum großen Teil zu Fuß erkundeten.
Wir besichtigten den kleinen Flugplatz in Heringsdorf und nahmen von dort den Weg nach Kamminke. Uns empfing mitten im goldenen Oktober ein unglaublich schönes kleines Fischerdorf, das sich mir nachhaltig ins Herz gelegt hat. Wir liefen an der Steilküste entlang und entdeckten alte zerfallene Offiziershäuser. Inzwischen sollen dort moderne Gebäude stehen. Das kann ich gut verstehen. Denn von dieser Höhe gibt es einen fantastischen Blick über das Stettiner Haff.



Noch immer, fünfzig Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkrieges, gibt es Details, die an die Kriegszeit erinnern. Wir liefen über Straßen und Wege, die nach wie vor mit alten Rollbahnen für Flugzeuge belegt waren. An vielen Grundstücken wurden immer wieder ähnliche Metallplatten, aus denen einst Teile für irgendeine Massenproduktion (wir nehmen an für Kriegsgerät) herausgestanzt wurden, als Zaunersatz benutzt.
Aus den Erzählungen von damals wissen wir, dass noch im März 1945 ein schlimmer amerikanischer Bombenangriff auf das nahe gelegene Swinemünde (heute Polen) erfolgte. Unendlich viele vertriebene Menschen aus Ostpreußen waren auf dem Weg ins Innere Deutschlands. Es sollen dabei über dreiundzwanzigtausend Menschen ums Leben gekommen sein und in der größten Kriegsgräberstätte Deutschlands, dem Golm, beigesetzt worden sein.
Während unserer Ortserkundung entlang der Steilküste fanden wir alte Flugzeugteile. Mich berührte es sehr, diese Relikte von vor fünf Jahrzehnten in den Händen zu halten.
Eines nahm ich mit.

Wir kamen zum kleinen Hafen, vernaschten einen Fischsnack und bummelten weiter über den Strand am Stettiner Haff. (Da ich bis vor ein paar Jahren immer wieder über den Unterschied Haff und Bodden gestolpert bin, habe ich für Euch diesen Link gesetzt. Vielleicht ergeht es Euch ebenso.)



Tja, und was macht man so, wenn man am Strand entlang bummelt? Man bückt sich hier und da und sammelt die schönsten Dinge in seine Jackentasche, die einem vor die Füße geraten. Und so hatte ich in der einen Jackentasche die schönsen geschliffenen Glasstücke und in der anderen feine von Wasser und Sand gerundete Porzellanstückchen, die ich nach Hause trug.

Es war Oktober, die Tage wurden kürzer und wir machten uns auf den Weg zurück zum Auto.
Ich beschloss, bald zurückzukehren, um zu erkunden, was es mit diesen ausgestanzten Metallplatten auf sich hat. Bis heute ist es nicht dazu gekommen. Leider.
Wieder zu Hause angekommen, packte ich ein paar Tage später meine kleinen Schätze aus. Ich nahm einen Silberdraht und verband die Glasstücke, die Sand und Wasser in einigen Jahren zu kleinen Handschmeichlern schliff und verband das Ganze mit dem gefundenen Metallstück aus Kriegszeiten.
Im kommenden Jahr wird es siebzig Jahre her sein, dass der furchtbare zweite Weltkrieg beendet wurde. Und heute scharren die Möchtegerne der politischen Diplomatie wieder mit den Hufen. Das Traurige am Ganzen: Deutschland mit seiner Chamäleon-Ampel schreitet laut voraus.









Ich hatte damals keine Lösung, wie es final aussehen sollte. Legte es beiseite und ließ es irgendwann in einer Kiste verschwinden. Erst in den letzten Wochen begann ich damit, aus- und aufzuräumen und mich von Unnötigem zu trennen. Dabei entdeckte ich dieses Teil und erinnerte mich an daran, wie es dazu kam. Trennen wollte ich mich nicht davon und legte es nach draußen auf den Balkon in die kleine Natur. Erst der Regen, der das Objekt zum Strahlen brachte, motivierte mich, es zu Ende zu bringen.

Inzwischen habe ich einige Zeit darüber nachdenken können und glaube, eine Lösung gefunden zu haben.
Zu gegebener Zeit werde ich hier darüber berichten ☺️
Für heute aber genug. Habt einen wunderbaren Tag.
Herzlich, Eure Petra Kolossa.
