Alma, das alte Ding – Teil II

Oh, da hat Alma mich an einem wunden Punkt getroffen. Ich zermarterte mir mein Hirn, kam aber im Moment einfach nicht drauf, woher diese Delle in Almas Bauch stammt. Während ich sie ausspülte, redete ich unentwegt mit ihr und hoffte, dass auf diese Weise die Erinnerung an die ferne Vergangenheit in meinen Kopf zurückkehren würde.

„Weißt du, du heißt nicht Alma, weil du mir gesagt hast, dass du Alma heißt, sondern weil ich dich so genannt habe. Ich fand damals, dass Alma irgendwas mit Milch zu tun hat. Und du warst in erster Linie eine Milchkanne, auch wenn wir dich zeitweise zum Blaubeeren sammeln benutzt haben. Ich fand, der Name passte zu dir.“

Ich merkte, dass es funktionierte, dass mein Dialog mit einer Milchkanne meine Phantasie beflügelte und mir die Erinnerung zurückbrachte. Ich war ein Kind mit einer äußerst lebhaften Phantasie. Vielleicht habe ich mich deswegen der Kunst zugewandt, weil diese die einzig halbwegs gesellschaftsfähige Möglichkeit darstellt, in der heutigen Zeit die kindliche Phantasie ins Erwachsenenalter hinüber zu retten, ohne gleich als realitätsfremder Träumer oder verrückter Spinner abgestempelt zu werden.

Als Kind mit derart beflügeltem Geist war es für mich normal, Dingen Namen zu geben. Mein Fahrrad nannte ich Fury, weil es in meiner Phantasie mein Pferd war. Den weißen Opel A-Kadett meines Vaters nannte ich Beppo, weil ich fand, dass dieses Auto mit seinen quadratischen Scheinwerfern große Ähnlichkeit mit dem Schauspieler Beppo Brem hatte. So kannte man das Auto meines Vaters jahrzehntelang in unserem Bekanntenkreis nur unter dem Namen Beppo.

Die Erinnerung kam nun mit aller Macht und Herrlichkeit zurück, und ich begann, Alma die Geschichte erneut zu erzählen, so, als wäre sie nicht dabei gewesen. Eben so, als wäre sie lediglich eine Blechkanne, die über keinerlei Erinnerungsvermögen verfügt.

Als Kind wohnte ich in einem Dorf, in dem es nur einen kleinen, sogenannten „Tante-Emma-Laden“ gab. Man konnte dort zwar so ziemlich alles kaufen, was man damals brauchte, (das war wesentlich weniger als das, was man heute alles meint, zu benötigen), allerdings führte der Laden keine Milch, und zwar aus dem einfachen Grund, weil regelmäßig das Milchauto zu uns ins Dorf kam und wir dort beim Milchmann unser weißes Flüssiggold kaufen konnten. Auch wenn der einstige Zaubertrank mittlerweile zum tödlichen Gift erklärt wurde, damals war man der Meinung, Kinder würden ohne Milch nicht richtig wachsen. Ich trank davon viel und gerne. Sie verlieh mir zwar keine übermenschlichen Kräfte, brachte mich allerdings auch nicht um, was wohl beweist, dass die Wahrheit meist irgendwo zwischen zwei extremen Thesen liegt.

Jedenfalls war es für gewöhnlich meine Aufgabe, zum Milchmann zu gehen und Alma bei ihm füllen zu lassen. Meist ritt ich da mit Fury hin (das heißt konkret, ich fuhr mit meinem Fahrrad), was meine Mutter besonders im Winter nicht gern sah, weil es ihrer Meinung nach zu gefährlich war.

So machte ich es auch an diesem einen Wintertag. Ein Winter verdiente zur damaligen Zeit diese Bezeichnung auch noch wirklich, es war in diesem Jahr bereits seit Wochen empfindlich kalt und es lag eine geschlossene Schneedecke, die auch die Straße bedeckte. Ich war mit Fury beim Milchmann und hatte Alma bei ihm füllen lassen, als ich auf dem Heimweg plötzlich von einem großen Appetit auf einen kräftigen Schluck Milch heimgesucht wurde. Also führte ich die lautstark protestierende Alma langsam zu meinem Mund. „Was tust du da, deine Mutter wird dir dafür den Marsch blasen“, hörte ich Alma zetern. „Keine Angst, ich habe mir bereits eine Ausrede zurechtgelegt“, antwortete ich meiner besorgten Milchkanne, während ich fast die Hälfte der Milch in kräftigen Schlucken trank.

Als ich heimkam, blieb die von meiner Mutter zu erwartende Frage natürlich nicht aus:

„Warum ist die Kanne nur halb voll?

„Fury hat mich abgeworfen“, gab ich ihr zur Antwort ‚während ich versuchte, mir ein paar Krokodilstränen aus den Augen zu drücken.

„Hey, ich bin kein Mitglied eurer Rasselbande“, erwiderte meine Mutter, „ich verstehe eure Geheimsprache nicht. Also, erkläre mir verständlich, was passiert ist.“

„Ich bin mit dem Fahrrad gestürzt“, sagte ich weinerlich, und während ich mir meinen Ellbogen rieb, klappte es auch mit den Krokodilstränen. „Na, ich sage dir doch nicht umsonst immer wieder, du sollst im Winter nicht mit dem Fahrrad fahren. Das ist viel zu gefährlich, noch mit der Milchkanne am Lenker.“

Meine Mutter leerte den Rest der Milch, der sich noch in Almas Bauch befand, in einen kleineren Kochtopf.  „Wenn ihr heute Mittag Schokoladenpudding essen wollt, wird die Milch nicht reichen“, murmelte sie vor solch hin. Dann kramte sie in der Tasche ihrer Kittelschürze (in dieser Zeit wohl die Uniform der Hausfrauen) bis sie ein paar Zehnpfennigstücke gefunden hatte, die sie mir dann gab, gemeinsam mit der Aufforderung, noch einmal zum Milchmann zu gehen und die Kanne erneut füllen zu lassen. Also rannte ich hinaus und schnappte mein Fahrrad.

„Komm schon, Fury, ich brauche dich, sonst ist der Milchmann weg, bis ich ankomme“.

Der Milchmann war noch da, und als ich Alma erneut hatte füllen lassen, hängte ich sie an den Lenker des Fahrrads und fuhr los, den Berg hinunter Richtung Heimat. Ich hatte das Sprichwort „Kleine Sünden straft der Herr sofort“ schon des Öfteren gehört. Gerade, als ich mich fragte, wieso mir das gerade jetzt einfiel, spürte ich, wie mein Vorderrad auf der schneeglatten Straße in der Kurve wegrutschte. Dann ging alles viel zu schnell, ich spürte nur noch einen dumpfen Schlag und hörte ein metallisches Scheppern. Als ich realisierte, dass ich auf der Straße lag, hob ich leicht benommen meinen Kopf und sah, dass unsere Nachbarin, die meinen Stunt wohl beobachtet hatte, aufgeregt die Straße herauf gerannt kam.

„Um Gottes Willen, was ist passiert?“, fragte sie besorgt und begann damit, mir auf die Beine zu helfen.

„Fury hat mich abgeworfen“, antwortete ich resignierend, während ich vom Boden unten, wo ich grad eben selber noch lag, ein leises, schmerzerfülltes Wimmern zu hören glaubte. Vorsichtig blickte ich hinunter und sah, wie Milch aus Almas Bauch floss und sich auf der kalten Straße verteilte, so, als wäre es ihr Blut. Alma selbst lag eingeklemmt unter dem Lenker meines Fahrrads, der eine durchaus erwähnenswerte Delle in ihren blechernen Bauch gedrückt hatte.

◇ Hier endet der zweite Teil der Geschichte. Morgen werdet Ihr das Ende lesen, das Petra Kolossa für Euch geschrieben hat.

Mir hat es voll Spaß gemacht, an dieser Ping-Pong-Story zu schreiben. Ich freue mich, wenn Ihr unten im Kommentarfeld Euer Feedback hinerlasst.

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Herzliche Grüße,

Euer Alfons