Sie liebte das Tränende Herz und Christrosen, mochte Boskopf-Äpfel, unreife Tomaten frisch vom Strauch, schwarze Johannisbeeren und ihren Steingarten. Sie liebte Stil, Mode und Ästhetik, frische Farben und weiß.
Sie liebte ihre Kinder und kleidete sie unglaublich schick. Sie brachte ihnen Kleinigkeiten bei jeder Gelegenheit mit.
Heute hätte sie ihren neunzigsten Geburtstag. Leider erlebte sie ihren zweiunddreißigsten Geburtstag nicht und starb mit einunddreißig Jahren an Morbus Hodgkin.
Sie ging mit ihrem „Tränenden Herz“, denke ich. Denn im Juni zieht sich die Pflanze mit ihren Blüten komplett zurück.
Sie liebte das Erzgebirge, obwohl sie ein Nordlicht war. Sie verbrachte einen langen Kuraufenthalt in Gelenau und verweilte für einen Winterurlaub mit ihren Kindern in Börnichen.
Seit einigen Monaten lebe ich nur wenige Autominuten entfernt von diesen Orten im wunderschönen Erzgebirge. Manchmal denke ich, dass es mich nicht grundlos genau hierher trieb.
Es schmerzt mich sehr, dass ich nur so wenig Zeit mit meiner Mutter verbringen durfte. Meine Schwester war damals sieben und ich neun Jahre alt, als sie für immer ging. Sechs Jahre davon wuchs ich knapp zweihundertachtzig Kilometer entfernt bei meinen Großeltern auf. Als ich zu meiner Einschulung ins Elternhaus zurückkehrte, war sie bereits sehr krank und verbrachte viel Zeit in den Kliniken.
In meiner Erinnerung sind etliche Momente unvergesslich eingebrannt.
Und manches Mal frage ich mich, wie viel von ihr in mir stecken mag und wieviel auch meiner Großeltern mütterlicherseits.
Der Vater meiner Mutter fiel im Krieg. Einmal sah ich, wie meine Omi ein Foto zwischen den Handtüchern im Wäscheschrank herausnahm und es minutenlang anschaute. Sie seufzte und steckte es zurück.
Einige Jahre später bat sie mich, ein Handtuch in die Küche zu bringen. Als ich den Schrank öffnete, dachte ich an die Situation von einst. Und tatsächlich! Das Foto steckte noch immer in diesem Handtuchstapel. Ich weiß, man tut das nicht. Aber ich konnte nicht widerstehen und zog es heraus.
Eigentlich wollte ich nur kurz daraufschauen. Aber dieser abgelichtete Mann hielt mich im Bann. Er steckte in einer dunklen Uniform, die wahrscheinlich damals fast jeder junge Mann trug. Ich achtete nicht auf die Details der Kluft. Ich sah nur diesen Mann. Attraktiv, dunkle Augen, eine unglaublich ruhige Ausstrahlung und mir irgendwie nah. Diese Aufnahme berührte mich so sehr. Ich starrte das Foto an und konnte es nicht beiseite legen. „Mausi!!“, zischte plötzlich Omi neben mir. „Wer ist das?“, flüsterte ich. „Dein Großvater.“ Sie nahm das Bild an sich und forderte mich auf, nie wieder darüber zu sprechen und das Bild zu vergessen. „Warum?“, fragte ich. Sie sagte nur, dass es besser für mich sei und dass es das Bild nie gegeben habe.
Dabei blieb es tatsächlich. Wir sprachen nie wieder über diese Situation, meinen Großvater und ihre Vergangenheit während des zweiten Weltkrieges.
Es sind so viele Fragen offen, die ich leider nicht mehr beantwortet bekommen werde.
Eines ist jedoch gewiss: In mir lebt nicht nur die äußere Ähnlichkeit zu meiner Mutter, die heute neunzig Jahre alt geworden wäre, sondern ganz sicher so einige ihrer Wesenszüge und die meiner Ahnen.

Ruhe in Frieden, Mama.
Ich denke so oft an Dich.