Lass die Vergangenheit ruhen!

Ein Satz, der mich genauso aufregt, wie: „Die Vergangenheit muss aufgearbeitet werden!“ Ja, verdammt, wie lange denn noch? Es scheint, dass zum Beispiel Verbrechen in der Vergangenheit über Generationen hinweg getragen werden und ein Volk für die Verbrechen ihrer Urururvorfahren bis in die heutige Zeit und Generationen nach uns Buße zu tun habe. Das ist aus meiner Sicht völliger Irrsinn. Ein komplettes Volk wird moralisch klein gehalten für Dinge, die es seit Generationen nur aus den Geschichtsbüchern kennt. Denn selbst mein Vater war Kind, als er mit seiner Familie von ihrem Gut aus Insterburg vertrieben wurde. Die deutschen Vertriebenen kamen mit ihren schnell zusammengeklaubten Köfferchen hier in ihrem eigenen  Land Deutschland unter. Sie umwehte dennoch der Ruf der vertriebenen Habenichte, obwohl sie, wie alle anderen Deutschen im gleichen Boot saßen. All mein Wissen um diese Zeit erfuhr ich nicht von meinem Vater, sondern aus diesen Geschichtsbüchern, von Fremden oder wenn einer der Alten aus der Familie hier und da etwas erzählte, das er einst erlebte. Mein Vater vertritt die Ansicht: „Lass die Vergangenheit ruhen!“ Er spricht darüber nicht. Es gehe keinen etwas an.

Muss ich es wissen? Nein, ich muss es nicht. Dennoch interessieren mich meine Wurzeln, von denen ich leider nicht viel weiß. Damals, vor über fünfzig Jahren, war Neugier keine Tugend, sondern eine schlechte Eigenschaft für die man gerügt und zurechtgewiesen wurde. Heute nennen wir es wissbegierig und aufgeschlossen und sind voller Lobes für Kinder und Jugendliche, die den Eltern und Großeltern Löcher in den Bauch fragen.

Was animierte mich heute für meinen Blogbeitrag? Es war ein Zitat, das ich las. „Wenn Du vergibst, änderst du nicht die Vergangenheit. Du änderst die Zukunft.“ Ich weiß nicht, von wem diese Aussage wirklich ist. Ich recherchierte. Es soll Bernhard Meltzer gesagt haben. Dafür kann ich aber nicht bürgen.

Dieses Zitat trifft den Nagel auf den Kopf. Ich selbst trage einen ganzen Rucksack solcher Dinge mit mir herum. Und je älter ich wurde, desto mehr glaubte ich, die Last zu spüren. Erst als ich für mich beschlossen habe, zu vergeben, ging es mir besser. Ich habe vergeben, jedoch nicht vergessen.

In meinem Buch „Frag einfach!“, schrieb ich eine Geschichte, in der ich darüber spreche, dass man die Vergangenheit nicht verändern kann. Die ist geschehen. Diese war. Darauf kann ich nicht einfach zugreifen und irgendetwas korrigieren. Ich kann nur im Jetzt etwas verändern. Das, was ich jetzt tue, beeinflusst die Zukunft. Was in der Zukunft einmal tatsächlich sein wird, das wissen wir alle nicht. Aber eines ist sicher: Mein Handeln heute hat großen Einfluss darauf. Und genauso ist es mit dem Vergeben. Ich kann die Vergangenheit nicht verändern, indem ich vergebe. Diese ist verdaut. Aber ich kann vergeben und damit eine Chance für die Zukunft bahnen.

Diese weiße Rose ist die letzte der diesjährigen Saison aus dem kleinen Garten am Haus. Und diese Rose hat eine besondere Geschichte, von der ich Euch demnächst erzählen möchte.

Für heute soll es genug sein.

Ich wünsche Euch einen guten und erfolgreichen Tag.

Herzlich, Eure Petra Kolossa.

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Zerrissen

Von mir unbemerkt stand sie neben meinem Auto. Sie war auf einmal da.
Ein leises Lächeln, den Kopf gebettet in den hochgezogenen Schultern.
In den Taschen ihrer Latzhose die Hände tief vergraben schaute sie mich an.

Ich drehte den Zündschlüssel nach links und stieg aus.

Sie sprach mich sofort an: „Was ist das für Kunst, die du machst?“  Mit einer Kopfbewegung wies sie auf das Heck meines Autos. „Ich hab‘ das gelesen und ich dachte, ich frag einfach mal.“
Ich sagte es ihr und spürte, sie war irgendwie interessiert, jedoch mit ihren Gedanken nicht bei meinen Worten.
Sie schwieg. Ihr Blick wanderte über den großen Dreiseitenhof auf der anderen Straßenseite.

„Ich bin Kirchenmalerin und Restauratorin. Mache aber schon lange nichts mehr. Als Bäuerin hast du keine Zeit für sowas. Kannst ja davon nicht leben. Brauchst einen Mann, der alles bezahlen kann“, sinnierte sie und versackte in ihren Gedanken.

Ausdruckslos schaute sie auf ihr Bauernhaus, holte tief Luft und zeigte mit ausladender Bewegung auf die rechte Tür des Hauses.
„Das habe ich gemacht! Kunst!“, kam es zynisch, „die Tür rot gestrichen!“
Sie schaute mich herausfordernd an.

„Du musst wissen, das war die Tür meines Schwiegervaters. Wir haben uns nie gut verstanden. Er hasste meine rot gestrichenen Fensterläden.
Erst, als er verdammt alt war und ich irgendwie älter wurde, kamen wir uns näher.
Viel zu spät! Drei Tage vor seinem Tot haben wir beide auf dem Sofa gesessen und über Gott und die Welt gesprochen. Er meinte, er werde bald sterben. Wir haben noch Witze darüber gemacht, dass das noch lange nicht dran sei. Wir tranken einen über den Durst und amüsierten uns, wie es wohl sei, wenn man sich die Radieschen von unten ansehen würde.“

Sie holte tief Luft und ließ diese verzweifelt stöhnend wieder frei.
Der kühle spätherbstliche Abendwind griff sie auf und trug sie fort.

Ihr stumpfer Blick traf mich, als sie sagte:

„Er ist vor nicht einmal zwei Wochen gestorben. Seine Tür habe ich rot gestrichen und
auf sein Grab säte ich Radieschen.“

Fast körperlich spürte ich ihre Zerrissenheit, ihre Wut auf das Vergangene, und die verstrichene Chance der endgültigen Versöhnung.

Bright Red Arched Door in a Stone Wall

 Einen schönen Samstag wünscht Euch, Eure Petra Kolossa.