Alma, das alte Ding

Erste wärmende Sonnenstrahlen in diesem März verkünden das Ende des Winters. Ein Winter, der keiner war. Nun gut, ein wenig kühl, jedoch kein Schnee, keine Eiszapfen und all dem, was eigentlich dazu gehört. Es ist der zweitwärmste Winter seit der Wetteraufzeichnung, wird in den Medien verkündet. Seit 139 Jahren also, das ist nicht lange, denke ich.

Das Gefühl des nahenden Frühling drängt mich, etwas aufzuräumen, Luft zu schaffen für das Frische, für das Neue. Ich ziehe den großen Schub des Küchenschrankes auf. Um es zu säubern entnehme ich die hohen Gefäße und stelle sie beiseite. Ach je, die alte Blechkanne, denke und streichele die Delle in ihrem dicken Bauch. Der Deckel sitzt ein wenig verklemmt auf dem Hals, als ich den abziehe. Mein Gott, das alte Aluminiumding ist immer noch da.

Ich erinnere mich, wie ich mit dieser Kanne zum Milchauto gegangen bin. Der Milchmann nahm sein Maß und füllte den weißen Trunk in diese Kanne. Er bekam seine  Pfennige und ich schlenkerte die Kanne nach Hause.

Mein Daumen streichelt noch immer unbewusst diese Delle. Die war schon damals in der Kanne. Wie ist die dort hingekommen? Ich habe keine Ahnung. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht, als ich bemerke, dass mein linker Daumen schwarz gerieben ist.

Ich denke, dass es Zeit ist, das Teil zu entsorgen. Es findet in der heutigen Zeit keine Verwendung mehr.

„Höre auf, den kleinsten Gedanken daran zu verschwenden!“, werde ich angezischt.
Ich schreie erschrocken auf und das Blechding fällt scheppernd zu Boden.
„Mein Gott! Hab‘ dich nicht so!“, schnarrt es nun vom Boden.
Ich haue mir abwechselnd links und rechts auf meine Backen. Ich habe Halluzinationen, denke ich.
„Kneife dich in den Arm. Dann wirst du bemerken, dass du in Ordnung bist.“, kommt es wieder vom Boden. Ich starre das silbergraue Ding an. „Na, mach schon!“, meldet es sich wieder. Und ich bin so blöd und tue es. „Autsch. Das ist alles nicht wahr!“, quieke ich.
„Hebe mich auf! Und denke nie wieder an entsorgen!“, werde ich angewiesen.
Ich bücke mich, hebe diese Kanne mit spitzen Fingern auf und murmele vor mich hin, dass das alles nicht wahr ist, dass ich anfange verrückt zu werden, dass das schließlich bei manchen Leuten zeitig anfangen kann. Shit, ich gehöre wohl dazu und so weiter. Kurzentschlossen schmeiße ich das Ding in den Karton für den Wertstoffhof.

„Höre auf mit dem Mist! Nimm mich sofort hier raus!“, befiehlt die Kanne.
„Was bist du für ein Ding?“, wispere ich und stelle es auf den Tisch.
„Na geht doch!“, meldet sich die Kanne hörbar zufrieden und ergänzt: „Alma.“
„Was Alma?“, frage ich.
„Ich bin Alma. Ganz einfach!“

„Kannst du dich nicht mehr erinnern, wie du mit meinem hübschen Deckel Blaubeeren sammeln gegangen bist?“, fragt mich Alma.
Mein Gott, jetzt personifiziere ich das Teil. Unglaublich!
„Ja, na klar erinnere ich mich.“

Meine Omi sammelte Anfang der Sechziger im Sommer immer Blaubeeren für die Bäckerei. Daraus wurde leckerer Kuchen gebacken. Es war ein kleiner Zuverdienst zum schmalen Budget. Ich bekam den Deckel, um die Beeren hinein zu sammeln. Omi füllte den Bauch der Blechkanne.

„Alma“, VI-2020, Petra Kolossa, 30 x 30 cm, Acryl auf Leinwand, Spachtelarbeit

„Siehst du. Wir haben doch eine Menge Gemeinsamkeiten. Jetzt spüle mich aus. Ich habe das Gefühl gleich niesen zu müssen!“
„Alma!!!“ schreie ich.
„Jo, was geht?“
„Gib mir keine Befehle!“
„Rede nicht rum, mach schon! Der Staub kitzelt mich.“
„Wenn du nicht gleich die Klappe hältst, sorge ich für eine zweite Delle auf deinem Bauch!“, fluche ich.

„Du weißt nicht woher der erste Schlag auf meinen Bauch gekommen ist und willst mir einen weiteren verpassen, tst, tst, tst.“, meldet sich Alma.

◇ Das war der erste Teil zu „Alma“. Lasst Euch überraschen. Morgen kommt der zweite Teil, den Alfons Müller für Euch geschrieben hat.

Wenn Ihr so viel Spaß beim Lesen hattet, wie ich beim Schreiben, freue ich mich sehr über Euer Feedback im Kommentarfeld. – Ok, wenn nicht, natürlich auch 😉

Wir sehen uns morgen.

Herzlich,

Eure Petra Kolossa.

2 Gedanken zu “Alma, das alte Ding

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