Was war das schwierigste persönliche Ziel, das du dir gesetzt hast?
Ich habe aufgehört, mir Ziele zu setzen, denen hinterherzujagen, sich als Loser zu fühlen, wenn man das Ziel nicht oder nur unter Krampf irgendwie erreicht hat.
Das ganze Prozedere mit kurzfristigen, mittelfristigen, langfristigen Zielen und letztendlich Lebenszielen kenne ich alles. Nicht nur einmal nahm ich an diversen Kursen, Seminaren, Coachings und weiß der Teufel, was noch, teil. Schließlich gehört das zum guten Ton, sich selbst zu stählen und konsequent zu sein.
Ich bin es nicht ausreichend. Einmal hörte ich von einem Seminarleiter, dass keiner, der es nicht einmal schafft, sein eigenes Körpergewicht vernünftig zu halten, es jemals schaffen wird, seine Ziele konsequent zu erreichen. Solche Menschen seien dafür zu schwach. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich gerade zum Glück ein gesundes Gewicht. Ich hätte wahrscheinlich beschämt sofort abgebrochen. Vielleicht hat er sogar recht. Wer nicht mit sich selbst hart sein kann … Übrigens habe ich zur Zeit etliche Kilogramm zu viel auf meinen Rippchen 😉
Auf einem anderen Seminar, bei dem es unter anderem um Ziele ging, sagte der Coach, dass einer, der pleite gegangen ist oder Insolvenz anmelden musste, sich gleich erschießen könne. Der habe keine Chance, wieder auf die Füße zu kommen. Diese Leute hätten sich die falschen Ziele gesetzt oder waren nicht ausreichend strebsam.
Das ist Quatsch. Es gibt ausreichend Beispiele, dass eine Pleite parallel ein Lernprozess sein kann, um danach erfolgreich zu sein. Wie zum Beispiel Henry Ford, Walt Desney, Bill Gates. Unter diesem Link findest Du diese und weitere Beispiele. Außerdem gibt es ausreichend Beispiele für politisch-gesellschaftliche Unebenheiten, die Unternehmen, vor allen Dingen die kleinen, in eine schlimme Schieflage bringen können. Aus der jüngsten Vergangenheit sei an die bis heute nicht bewältigten Folgen der Corona-Krise erinnert.
Ach herrje, was ich für Listen schrieb, mir Ziele setzte, diese kontrollierte, korrigierte, visionierte und, und, und.
Ich denke, dass jeder entsprechend seines Wesens seinen Weg finden muss. Diese ganzen Seminare, Workshops, Coachings zur Persönlichkeitsentwicklung laufen einem Muster hinterher: Es gibt ein Vorbild. Sei wie dieser, mache es wie dieser, erfinde nichts erneut, es ist schade um die Zeit, hinterfrage nicht, passe es auf deine Situation an, tue es einfach und du wirst erfolgreich sein wie dieser. Es mag funktionieren. Mir spreizen sich dabei die Federn. Ich ersticke in einem solchen Korsett.
Ich schrieb schon oft darüber. Meine Stammleser wissen, dass ich von diesen Choaches nicht viel halte. Es ist nur die Frage, ob jeder selbst den Prozess durchlaufen muss, um zu der Erkenntnis zu kommen, dass das Jagen nach etwas Gewaltigem, wie Ruhm, Macht, Geld und so weiter für das Leben letztendlich sekundär ist.
Ich setze mir keine Ziele mehr. Es sind Orientierungen, die ich vor Augen habe. Hier freue ich mich über jeden Erfolg. Dabei ist es so egal, wann, wenn überhaupt, das vermeintliche „non plus ultra“ erreicht sein wird.

Ja, natürlich hatte ich auch ein solches schwieriges Ziel. Welches? 2004 hatte ich für mich formuliert, bis zum Jahr 2024 komplett befreit in den Ruhestand gehen zu können. Das war tatsächlich das schwierigste persönliche Ziel, das ich mir setzte.
Ob ich es erreicht habe? Danach wird oben nicht gefragt 😉
Welches war Dein schwierigstes persönliches Ziel?
Habt einen fantastischen Tag.
Herzlich, Eure Petra Kolossa.
Oh Petra, da hast du ja mal wieder den Nagel auf den Kopf getroffen – oder eher den Hammer weggeworfen, weil er dir gesagt wurde, wo der Nagel zu sitzen hat.
Ja, diese ganze Zielsetzungs-Mentalität ist eine herrliche Farce. Man hetzt sich Jahrzehnte ab, schreibt To-Do-Listen länger als ein Steuerbescheid und am Ende? Sitzt man da, umgeben von Seminarkram, der einem beibringen sollte, wie man erfolgreich wird – während der Typ auf der Bühne für 5.000 Euro pro Ticket erklärt, dass der wahre Erfolg in einem selbst liegt. Aber natürlich nur, wenn man vorher sein 12-Wochen-Programm durchgezogen hat, weil ohne ihn schafft man es ja eh nicht.
Und dieses herrliche Urteil über Menschen, die mal finanziell auf die Nase gefallen sind – grandios! Nach deren Logik wäre jeder zweite erfolgreiche Unternehmer schon längst unter der Erde. Henry Ford? Elon Musk? Steve Jobs? Alles hätte man denen in einem der beliebten „Du-bist-selber-Schuld“-Seminare bestimmt geraten. Schade, dass sie es nicht wussten, sonst hätten sie sich das mit dem Erfolg nochmal überlegt.
Aber ich muss sagen, Petra, deine Wandlung gefällt mir. Von der Sklavin des Zielsystems zur weisen Frau der Orientierungsphilosophie. Kein selbstverordneter Frondienst mehr am Diktat der Disziplin! Du hast es erkannt: Es gibt einen Unterschied zwischen einem Wegweiser und einem Gefängniswärter – viele verwechseln das leider.
Also genieße deinen Weg ohne Ketten aus Ziel-Tabellen und Motivations-Post-its. Und falls mal wieder ein Seminar-Coach kommt und dir sagt, dass du scheitern wirst, weil du nicht mit dir selbst „hart genug“ bist – erinnere ihn einfach daran, dass das Leben für Menschen gemacht ist, nicht für Maschinen.
In diesem Sinne, weiterhin viel Erfolg – oder auch nicht, je nachdem, wie du das jetzt definieren würdest. 😄
Vielen Dank für Deine erfrischenden Zeilen, lieber Markus. Ich denke, dass dieser Drang nach Selbstentwicklung, nach der Stärkung der eigenen Persönlichkeit bei uns selbstkritischen Deutschen auf fruchtbaren Boden fällt und diese selbsternannten Coaches auf die Matte ruft. Das sich „selbst verkaufen müssen“ züchtet Egoisten. Die Introvertierten quälen sich ein Leben lang, mithalten zu können, die Extrovertierten werden als Führungskräfte wahrgenommen … Ich könnte stundenlang zu dem Thema plappern. Letztendlich ist das Ganze ein sozialgesellschaftliches Thema.
Es wird einige Generationen andauern, bis sich die heutige verkorkste Situation glätten wird. Oder auch nicht 😀
Hab‘ einen wunderbaren Sonntag. Liebe Grüße, Petra.