Leider kann ich ihn nicht mehr fragen

Wenn du eine historische Persönlichkeit treffen könntest, wer wäre das und warum?

Es ist Manfred Baron von Ardenne. Er wurde neunzig Jahre alt und verstarb 1997. Seinen Namen hörte ich zum ersten Mal, als ich sieben oder acht Jahre alt war. Im Laufe meines Lebens kreuzten sich immer wieder unsere Wege, auch wenn wir uns nie persönlich kennenlernten.

Mein Mutter erkrankte am Morbus Hodgkin. Sie verbrachte  1966 / 1967 viele Monate in der damaligen Medizinischen Akademie Dresden, der heutigen Universitätsklinik. Dort bekam sie etliche Bestrahlungen. Ich war noch sehr klein und durfte in den zwei Jahren meine Mutti nur selten sehen. Erinnern kann ich mich noch an die roten aufgemalten Striche, die sich auf ihrer Haut am Hals befanden. Meine Omi, also ihre Mutter, sagte immer, sie sei ein Versuchskaninchen für die Kobaltkanone von Ardenne. So hörte ich zum ersten Mal seinen Namen. Meine Mutti konnte ihre Krankheit nicht besiegen. Sie starb, als ich neun Jahre alt war.

Später, auf einem Jugendtreffen in Berlin, es war irgendwann 1980 oder 1981, nahm ich an einem Forumsgespräch teil, bei dem Manfred von Ardenne der besondere Gast war. Ich wollte ihn unbedingt sehen. Wie sieht der Mensch aus, der angeblich diese Kobaltkanone zur Anwendung brachte?

Ich muss erwähnen, dass es zu dieser Zeit kein Internet und irgendwelche digitalten Recherchemöglichkeiten gab. Wenn ich etwas wissen wollte, hätte ich Bibliotheken und Archive aufsuchen müssen.

Aber zurück. Manfred von Ardenne saß als über Siebzigjähriger inmitten der Runde von Jugendlichen. Ganz unverkrampft, natürlich und mit einem Augenzwinkern. Er beantwortete jede Frage, die ihm gestellt wurde in einfacher verständlicher Weise, in keinem Fachchinesisch. Ich kann mich erinnern, dass er eine Frage richtig gut fand, weil die Lösung aus seiner Sicht seit langer Zeit gefunden wurde und es keinen Sinn ergebe, sich darüber noch Gedanken zu machen und Lebenszeit zu verschwenden. Ein Jugendlicher fragte, ob es irgendwann eine elektronische Lösung für das Öffnen von Büchsen geben wird. Er bekam die Antwort, dass die sinnvollste Lösung, solange noch Büchsen verwendet werden, eine Schwachstelle an eben dieser sei. Mit minmalstem Aufwand könne diese mit Druck oder Zug einfach geöffnet werden. Alles andere sei aus seiner Sicht Schnick-Schnack.

Mich beeindruckte, dass er das Thema nicht als banal vom Tisch wischte, sondern ernsthaft beantwortet hat. Dieses Podiumsgespräch war viel zu kurz. Er hatte einen weiteren Termin und verabchiedete sich nach etwa einer Stunde.

Ich traf ihn nie wieder persönlich. Als Dresdnerin las ich immer wieder von ihm und seinen Erfolgen. Wenn sein Name irgendwo fiel, spitzte ich meine Ohren. Auch wenn es weit hergeholt scheint, verband ich ihn mit meiner Mutter, die ich so wenig kennenlernen durfte.

Ich würde gern Manfred Baron von Ardenne treffen. Ich würde ihn natürlich nach dieser Kobaltkanone und die tatsächlichen Erfolge oder Misserfolge fragen, insofern diese wirklich durch ihn dort installiert wurde. Ich würde gern wissen, wie wichtig ein Abitur oder ein abgeschlossenes Studium aus seiner Sicht ist, um Erfolge wie er zu haben. Ist es möglich, ohne Beziehungen, ohne Adelstitel, ohne Geld? In Deutschland besteht auf diese Weise aus meiner Sicht eher keine Chance.

Er brach sein Abitur ab und holte es nie nach. Über Beziehungen erhielt er die Möglichkeit, zu studieren. Er brach auch sein Studium ab. Dennoch hatte er 600 Patente, war Professor für elektronische Sonderprobleme an der Technischen Universität Dresden und ein anerkannter Wissenschaftler. Er war eine besondere Persönlicheit.

Würdest auch Du gern eine historische Persönlichkeit treffen? Erzählst Du uns, welche es wäre?

Heute mit einem Gute Nacht✨️

Herzlich, eure Petra Kolossa.

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