Petitesse – Randnotiz – 2026-01-23

Beschmutze nicht Dein eigenes Nest!

Es ist ein Selbstverständnis, so glaubte ich bisher. Ein ungeschriebenes globales Gesetz, das so etwas, wie Ehre, Stolz und Liebe mit sich führt.

Nur charakterschwache, eitle, blasierte, selbstgefällige Menschen erheben sich über andere und führen diese vor Fremden vor.

So geschehen auf dem World Economic Forum 2026 in Davos.

Noch nie habe ich erlebt, dass ein Staatsoberhaupt sein eigenes Volk vorführt oder sich gar über seine Landsleute beklagt. Und das Ganze außerhalb seiner Staatsgrenzen in einem anderen Land.

Im Gegenteil, diese sprechen von ihren großartigen Landsleuten, fleißigen, starken Menschen und so weiter.

Was macht der deutsche Bundeskanzler? Er beschwert sich auf dem World Economic Forum vor allen hohen Staatsrepräsentanten über die Faulheit der Deutschen. Sie würden zu wenig arbeiten. Wo doch die Schweizer zweihundert Stunden mehr im Jahr arbeiten. Er hinterfragt es polemisch, sinngemäß, ob denn die Genetik der Deutschen so viel anders sei. Als ich das hörte, wuchs mein Groll noch mehr an.

Ganz am Rande möchte ich erwähnen, dass zweihundert Stunden im Jahr etwa vierzig Minuten pro Tag länger arbeiten bedeutet. Die Schweizer haben grob gerundet durchschnittlich 1500 Euro mehr monatliches Netto-Einkommen, als die Deutschen. Hinzu kommen die wesentlich geringeren Steuerlasten für die Bürger. In Deutschland zahlt ein Alleinstehender 47,8 % Steuern, in der Schweiz 23,4 %. Oder das Beispiel einer Familie, also zwei Erwachsene und zwei Kinder: In Deutschland 40,8 % und in der Schweiz 17,7 %. Hier könnt Ihr gern nachlesen.

Unserem Bundeskanzler scheinen die faulen Deutschen seit kurzem als Sündenböcke in den Sinn gekommen sein. Die, die ständig blau machen und sich krankschreiben lassen, die faulen Säcke, die nicht ausreichend Stunden schrubben, die Alten, die mal nicht so faul ihre Rente einsacken, sondern sich weiter irgendwo verdingen sollten.

So referierte er neulich auf innerdeutschen Veranstaltungen und ereiferte sich darüber. Auch das ist nicht die feine englische Art. Aber soll er sich von mir aus, seinen aufgestauten Frust von der Seele reden. Jedoch ein internationales Treffen der Weltelite zu nutzen, und sich über sein eigenes Volk zu beschweren und dieses als faul vorzuführen, macht mich mehr als sprachlos.

Wenn wir manches Mal im Spaß sagen: Lehrer ohne Schüler wäre ein entspannter Job oder Verkäufer ohne Kunden und so weiter, denke ich, unser Bundeskanzler wäre glücklich, ein König ohne Volk zu sein. Nur wer wäre dann der Sündenbock für all den Trödel, für all das, was nicht rund läuft?

7 Gedanken zu “Petitesse – Randnotiz – 2026-01-23

  1. Habe den Beitrag weiter geschickt bekommen und möchte gerne meine Meinung dazu abgeben.

    Wenn der Kanzler auf einem Wirtschaftsgipfel Missstände im eigenen Land anspricht empfinde ich es nicht als ,,Nestbeschmutzung,, sondern als Benennung von Fehlentwicklungen und klarem Verstand .
    Diese Empörungsretorik ist für mich viel zu viel und ein heutiger Reflex auf alles .
    Es ist nun mal eine Tatsache das die Krankentage in Deutschland im Europäischen Vergleich höher ist.
    Für mich ist die Ursache viel aussagefähiger . Mangelnde Wertschätzung und Überlastung sind oft die Ursache. ,,ist doch egal wenn ich nicht da bin,, .
    Die Ursache ist vielfältig.
    Personalknappheit , Personalkosten, Bürokratiewahnsinn,
    Gewinnmaximierung und natürlich
    unüberlegtes Kundenverhalten.
    Homebanking hat zum Abbau von tausender Jobs im Bankensektor geführt.
    Der Verkauf von Nonfood bei Aldi und Lidl zum Wegfall von Fachgeschäfte.
    Bestellung bei Amazon zu leeren Geschäften in Innenstädten.
    Dazu noch prekäre Jobs bei Amazon und Lieferanten.
    Aber ich ja so bequem und chic .
    Die nächste Scheisse geschied jetzt bei Mc Donald und Einzelhandel. Selbstbedienungskassen .
    Ganz bestimmt nicht weil es keine Menschen für die Arbeit gibt sondern um die Lohnkosten und Begleitkosten einzusparen. Und wir finden es cool es selbst zu machen.
    Gewinnmaximierung ist das . Ich finde es verrückt das die eigenen Mitarbeiter die Kunden schulen und damit ihre eigene Existenz gefährden und es überhaupt nicht erkennen.
    Diese Beispiele nenne ich weil wir als Endverbraucher es beeinflussen können.
    Weniger Jobverlust , mehr Arbeitsplätze die ordentlich bezahlt werden können. Mehr Jobzufriedenheit und dadurch weniger Frustkrankentage .
    Das wäre die Lösung für das Problem ,wie die Politik UND Bevölkerung zusammen es ändern könnten wenn sie es richtig erkennen würden.
    Es ist doch erschreckend wie viele Firmen und Geschäfte schließen
    (müssen) . Da hätten wir als Gesellschaft großen Einfluss wenn wir uns wirklich bewusst sind und nicht nur billig , billig hinterher laufen. Da hätten wir mit unserem Verhalten viel Einfluss, aber es ist ja viel einfacher auf die Politik zu meckern und seine Bequemlichkeit nicht zu hinterfragen. Produkte aus Deutschland können nicht mit China konkurrieren. Bestes Beispiel dafür ist Trigema .
    Fazit, weniger Empörung und mal weiter und zu Ende denken.
    Wünsche ein Nachdenkliches Wochenende .

    • Hallo Erwin
      Das hast du interessant und auch richtig beschrieben, auch wenn ich trotzdem nicht der Meinung bin, dass auf einem Weltwirtschaftsgipfel über die Bevölkerung des Landes, dessen Regierungschef ich bin von eben diesem so gesprochen werden sollte. Die Ursachen für manche Fehlentwicklung sind vielfältig, aber damit geht man nicht bei den Nachbarn hausieren.

    • Vielen Dank für Ihre Meinung zu meiner Petitesse. Es ist gut, dass Sie sich mit der gesellschaftspolitischen Situation in unserem Land beschäftigen.

      Mein Beitrag bezieht sich nur darauf, dass ein vom Volk gewählter (wenn auch nicht direkt gewählter) Bundeskanzler im Ausland vor hochrangigen Persönlichkeiten betont, dass seine Landsleute zu wenig arbeiten und das auch noch ein bissle zynisch mit der angesprochenen Genetik abrundet. Das finde ich nicht gut. Zumal die Außenwahrnehmung unseres Landes augenblicklich aus meiner Sicht nicht so optimal ist.
      Ich erwarte von meinem Bundeskanzler, dass er sein Land nach außen als ein ganz besonderes widerspiegelt und nicht die Menschen, die einer Arbeit nachgehen ins Verhältnis zu einem anderen Land mit völlig anderen Arbeits- und Steuerbedingungen setzt und letztendlich vorführt. Hinzu kommt, dass diese Art und Weise wahrscheinlich die wenigsten arbeitenden Menschen motivieren wird, ihren Arbeitgeber aufzusuchen und um Arbeitszeitverlängerung zum nächsten des Monats zu bitten.
      Das, was der Bundeskanzler innerhalb Deutschlands sagt, auch auf einem innerdeutschen Wirtschaftsgipfel, ist aus meiner Sicht völlig in Ordnung. Schließlich leben wir in der Demokratie, in der jeder Politiker, ganz gleich welchem Couleur, seine Meinung, seine Ansichten, seine Erkenntnisse äußern und sich einbringen darf. Und selbstverständlich darf und soll der Bundeskanzler dort „Missstände im eigenen Land“ ansprechen.

      Auf Ihre vielen anderen Erwähnungen möchte ich nicht eingehen, da diese nicht im unmittelbaren Kontext zu meinem Beitrag stehen.
      Ich wünche Ihnen ein erholsames Wochenende.

      • Danke für die Rückmeldung
        Auf dem Wirtschaftsgipfel in Davos sind nicht nur Politiker sondern vor allem auch Wirtschaftslenker . Ich kann ihre Empörung darüber,überhaupt nicht nachvollziehen . Eigentlich müsste er noch viel klarer und konkreter reden. Wir stehen wirtschaftlich am Abgrund . Die nächsten 5-10 Jahre werden es aufdecken. Dann sind wir am Arsch.
        Wenn der Kanzler DA nicht über eigene Probleme im Land redet, wo dann .
        Haben Sie selbst schon mal Erfahrung als Arbeitgeber gemacht. Ich mehr als 25 Jahre.
        Dann hat man ein ganz anderes Bild vor Augen. Ich kann mich in beide Seiten versetzen.
        Da sollten sensibele Befindlichkeiten keinen Platz haben. Es wird nicht besser wenn man die Augen davor verschließt und die Realität nicht wahr haben will und sich mit Empörungsretorik über Petitessen aufregt.Wenn es uns wirklich um Deutschland und seine Wirtschaft geht sollten wir freiwillig auf 5 Feiertage und 5 Urlaubstage für eine bestimmte Zeit verzichten um der Wirtschaft und vor allem den Arbeitsplätzen Sicherheit zu geben,wenigstens für eine befristet Zeit. Durch die Globalisierung stehen wir in internationaler Konkurrenz und da nützt alles Gemecker nichts. Das Geld muss erwirtschaftet werden und fällt nicht einfach vom Himmel wie einige wohl glauben.
        Es muss nur gerecht verteilt werden wie Linke und Grüne annehmen.
        Das einzige was ich als Verbesserungen in seiner Kommunikation sehe, ist, das er bei seiner Erklärung des Problems nicht erklärt wie er es sich vorstellt zu lösen oder zu ändern. Das wäre wünschenswert und würde klar machen das die Probleme zu Ende gedacht sind und Lösungen möglich sind,auch wenn es nicht immer leicht ist. Die Politik handelt. Und dann nicht immer jedes Wort auf die Befindlichkeitswaage legen.
        Danke für den Austausch und einen schönen Abend.

        • Vielen Dank, dass Sie Ihre Gedanken mit uns teilen.
          … ja eben, weil es drei nach zwölf ist. Deshalb müsste sich die Regierungskoalition ernsthaft an die wichtigsten Brennpunkte unseres Landes machen und das Parteien-Gezeter, das Machtgerangel, beenden und die Prioritäten wichten.
          Sie fragen, wo denn sonst der Bundeskanzler seine Befindlichkeiten äußern sollte? Ganz einfach, genau dort, wo die Arbeit zu erledigen ist. In der Regierung, den diversen Ausschüssen, im Bundestag, bei der Wirtschaft – in Deutschland. Und dann, wenn man weiß, was man will und internationale Unterstützung für nationale Probleme notwendig würden, dann kann er gern nach außen gehen mit konkreten Lösungsideen. Was bitte soll das Forum in Davos mit dieser Information unseres Bundeskanzlers anfangen? Nun gut, vielleicht die Schlussfolgerung ziehen, dass die Deutschen keine Arbeitsmoral haben, zu wenig tun und sich eine Investition in dieses Land, in dem die Zahlen g’rad eh nicht so gut ausschauen, die Steuern zu hoch, die Ernergie zu teuer, die Bürokratie unendlich, nicht in Erwägung ziehen.
          Nein, das ist keine „Befindlichkeitswaage“. Ich nenne es Diplomatie.
          Und nein, ich war kein Arbeitgeber. Wenn ich in meiner über zwanzigjährigen Solo-Selbständigkeit Hilfe brauchte, habe ich auf andere Selbständige oder Freiberufler zurückgegriffen.
          Einen schönen Abend für Sie.

  2. Da kann ich Dir nur zustimmen !!!
    Würde ich mehr dazu sagen, liege ich Gefahr ausfallend zu werden 😡

  3. Erst einmal, liebe Petra, bin ich nur von der Klarheit deines Beitrags fasziniert. Das muss ich adhoc einfach sagen…..
    und ich werde so viel wie möglich dafür tun, dass diese deine Sicht weiter getragen wird.
    In all dem Wust von Nachrichten und Meldungen ist es vermutlich vielen Menschen viel zu wenig klar, wer oder was ihre Lebensleistung bewertet bzw. abwertet.
    Ich erinnere mich noch sehr, sehr gut an eine Aussage meines Vaters, der ein sehr geradliniger Mensch war: „Selbst ein Vogel beschmutzt nicht sein eigenes Nest“
    Danke für dieses klare Statement

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