Zerrissen

Von mir unbemerkt stand sie neben meinem Auto. Sie war auf einmal da.
Ein leises Lächeln, den Kopf gebettet in den hochgezogenen Schultern.
In den Taschen ihrer Latzhose die Hände tief vergraben schaute sie mich an.

Ich drehte den Zündschlüssel nach links und stieg aus.

Sie sprach mich sofort an: „Was ist das für Kunst, die du machst?“  Mit einer Kopfbewegung wies sie auf das Heck meines Autos. „Ich hab‘ das gelesen und ich dachte, ich frag einfach mal.“
Ich sagte es ihr und spürte, sie war irgendwie interessiert, jedoch mit ihren Gedanken nicht bei meinen Worten.
Sie schwieg. Ihr Blick wanderte über den großen Dreiseitenhof auf der anderen Straßenseite.

„Ich bin Kirchenmalerin und Restauratorin. Mache aber schon lange nichts mehr. Als Bäuerin hast du keine Zeit für sowas. Kannst ja davon nicht leben. Brauchst einen Mann, der alles bezahlen kann“, sinnierte sie und versackte in ihren Gedanken.

Ausdruckslos schaute sie auf ihr Bauernhaus, holte tief Luft und zeigte mit ausladender Bewegung auf die rechte Tür des Hauses.
„Das habe ich gemacht! Kunst!“, kam es zynisch, „die Tür rot gestrichen!“
Sie schaute mich herausfordernd an.

„Du musst wissen, das war die Tür meines Schwiegervaters. Wir haben uns nie gut verstanden. Er hasste meine rot gestrichenen Fensterläden.
Erst, als er verdammt alt war und ich irgendwie älter wurde, kamen wir uns näher.
Viel zu spät! Drei Tage vor seinem Tot haben wir beide auf dem Sofa gesessen und über Gott und die Welt gesprochen. Er meinte, er werde bald sterben. Wir haben noch Witze darüber gemacht, dass das noch lange nicht dran sei. Wir tranken einen über den Durst und amüsierten uns, wie es wohl sei, wenn man sich die Radieschen von unten ansehen würde.“

Sie holte tief Luft und ließ diese verzweifelt stöhnend wieder frei.
Der kühle spätherbstliche Abendwind griff sie auf und trug sie fort.

Ihr stumpfer Blick traf mich, als sie sagte:

„Er ist vor nicht einmal zwei Wochen gestorben. Seine Tür habe ich rot gestrichen und
auf sein Grab säte ich Radieschen.“

Fast körperlich spürte ich ihre Zerrissenheit, ihre Wut auf das Vergangene, und die verstrichene Chance der endgültigen Versöhnung.

Bright Red Arched Door in a Stone Wall

 Einen schönen Samstag wünscht Euch, Eure Petra Kolossa.

 

 

 

Zwetschgen, Pflaumen – oder wie?

Früher, ganz früher, kaufte ich immer Pflaumenkuchen. Wenn ich welchen gebacken habe, war es einfach nur Pflaumenkuchen.

Später glaubte ich, es wäre eine regionale Spezifikation. Die einen sagen so, die anderen eben so.

Neulich hat mich das Leben eines besseren gelehrt.

In Ravensburg haben wir einen schicken Supermarkt. Dort erledige ich gern meine Einkäufe. Gutes Angebot, angenehme, höfliche, saubere Atmosphäre ist das eine. Das andere, es ist so toll zu erleben, wie viele Menschen verschiedenster Nationalitäten dort beschäftigt sind und auch einkaufen. Deutsch ist Firmen- wie auch Kundensprache.
Und außerdem gibt es dort meinen Lieblingsbäcker.

Ich reihte mich also in die Schlange ein. Vor mir wurde lebhaft diskutiert. Meine Neugier ließ meine Ohren spitzen. Aha, es ging um den Zwetschgenkuchen, der im Angebot ist. „Noi!“, rief eine Frau im schwäbischen Dialekt. „Zwetschgen sind Zwetschgen und Pflaumen sind Pflaumen! Das hier sind Zwetschgen.“ Ein kräftiger großer Mann mit einer tiefen Stimme, im russischen Slang, die er aus seinem mächtigen Körper holte, meinte bestimmt: „Zwetschgen sind Pflaumen. Alles sind Pflaumen. Ihr sagt nur Zwetschgen.“ Die Dame vor mir wehrte sich: „Zwetschgen sind Zwetschgen. Die werden zum Backen genommen. Pflaumen sind Pflaumen, die werden zu weich beim Backen. Da kann man nur Mus draus machen.“ Ein anderer drehte sich um. „Ich glaube“, sagte er, „irgendwie sind das alles Pflaumen. Da gib es verschiedene Sorten. Aber wie das mit den Zwetschgen ist, ob das hier wirklich nur so gesagt wird? Ich weiß es nicht.“ Die Dame vor mir wandte sich an mich: „Was meinen sie?“ „Ich weiß es nicht“, sage ich und schaue fragend die Verkäuferin hinter dem Tresen an. Die hebt die Schultern, schüttelt den Kopf. „Ich weiß es auch nicht so genau. Irgendwie sind das bei uns immer nur Zwetschgen. Wenn einer einen Pflaumenkuchen will. Bekommt er den Zwetschgenkuchen. Ich glaube, das ist das Gleiche.“

Aha, ist es wirklich so? Ich bin der Sache mal nachgegangen.

Es gibt da tatsächlich einen Unterschied. Die Zwetschge ist eine Unterart der Pflaume.

Die Pflaume ist etwas größer, eher rund. Die Zwetschge etwas kleiner und oval. Der Stein der Pflaume lässt sich schwer vom Fruchtfleisch lösen, hingegen ist es bei der Zwetschge kein Problem. Das Fruchtfleisch der Pflaume ist süß, locker und weich; das der Zwetschge fest und trockener. Und das ist der Hauptpunkt, weshalb die Zwetschge zum Backen verwendet wird. Das feste Fruchtfleisch mit weniger Saft lässt den Boden des Kuchens nicht durchweichen. Und die Dame, die meinte, dass die Pflaume gut ist, um Mus zu kochen (natürlich auch Konfitüren, Marmeladen u. ä.), hat recht.

        (links Zwetschge, rechts Pflaume)

Heute bin ich etwas schlauer.
Lasst Euch Euren nächsten Zwetschgenkuchen schmecken.

Herzlich, Eure Petra Kolossa.

Die Poscht und so

Mein kleines Wohnörtchen hat mit allem Drum und Dran, auch dank der Gemeindereformen so etwa 5.600 Einwohner. Ich selbst lebe in einem solch eingemeindeten Fleckchen, wo es nix, außer Ruhe, Grün, ein paar Viecher und eine Kirche gibt.

Habe ich etwas zu erledigen, ist ein kleiner Plan vorteilhaft, denn die nächste Gelegenheit, zum Beispiel einen Supermarkt zu finden, oder gar die Poststelle, sind fünf Kilometer entfernt.

Also hopse ich ins Auto und düse zum Farbenfachmarkt, denn dort ist die Poststelle.
Eine halbe Stunde vor Schließzeit springe ich in den Laden, schlage zielstrebig einen Haken nach rechts und … Ähm, nix. Ich kullere meine Augen durch das Geschäft. Keine Poststelle. Einfach weg. Ich frage nach und erfahre,  dass diese ein paar Straßen weiter gezogen sei. Ich schaue auf die Uhr. Oh, da muss ich mich aber beeilen.

Ein großzügiger Raum, zweckmäßig eingerichtet. Zwei Damen empfangen mich. Ich lege meine dicken Briefe auf den Tisch und bitte, die noch einmal zu wiegen. Die Ältere, ich schätze Mitte vierzig, übergibt die „Angelegenheit“ der Jüngeren, etwa zwanzig. Sie wird eingearbeitet.

Diese nimmt den ersten Brief, zeigt mit dem Finger auf die Adresse und richtet fragend einen Blick an die Ältere. „Ja, Chemnitz“, sagt diese. „Wo ist das?“, fragt die Jüngere. „Im Osten.“, bekommt sie zur Antwort. „Was muss da drauf geklebt werden?“, fragt sie. „So wie hier.“
Sie greift den nächsten Brief. „Bonn ist hier.“, sagt sie und klebt die Marke drauf. „Wo ist Rothstein?“, fragt sie. Die Ältere schaut auf die Postleitzahl und sagt: „Im Osten.“ Die Jüngere: „Also auch die Marke wie hier?“

In mir wächst langsam der Groll. Was ist das denn!?  Ich sage zu der Älteren: „Hier habe ich noch zwei Briefe in den Norden und einen in den Westen. Es bietet sich also an zu prüfen, was es kosten wird, von hier aus dem Süden die Post innerhalb von Deutschland zu versenden.“

Ich wende mich an die Jüngere und erkundige mich nach ihrem Alter. Sie sagt mir, sie sei einundzwanzig Jahre. Okay, dachte ich. „Können sie mit dem Begriff ‚Osten‘ innerhalb von Deutschland etwas anfangen?“, frage ich. Sie meint, sie hätte in der Schule mal was davon gehört, ihr sei das aber egal.

Der Älteren wird es sichtbar peinlich. Ich sage zu ihr, dass ich auf ihr Denken keinen Einfluss nehmen möchte, das sei ganz allein ihre Sache. Nur empfinde ich das ganze Getue nach mehr als einem Vierteljahrhundert sehr fragwürdig. „Ihre junge Kollegin ist in dieses Deutschland hinein geboren. Sie kennt die politische Vergewaltigung unseres Landes von damals nur aus den Geschichtsbüchern. Ich glaube, sie tuen ihr damit keinen Gefallen.“

Die Kirchenglocken läuten 18:00 Uhr. Ich zahle, wünsche mit der neuen Filiale viel Erfolg und ziehe ab.

… eine Erinnerung aus dem Frühsommer, die mir am 03. Oktober wieder in den Sinn kam. Und das Verrückte ist, ich habe diese Filiale nie wieder betreten. –  Ich wohne in einem kleinen Ort, wo die nächste Postfiliale in die andere Richtung ebenfalls fünf Kilometer entfernt ist.

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Nach dem Norden, Westen, Süden, Osten und die Mitte grüßt, Eure Petra Kolossa.

 

 

 

 

 

Zum Haare raufen

Vor etlichen Monaten hatte ich die Idee, eine Kategorie

„aufgeschnappt und ausgespuckt“

in meinem Blog aufzunehmen. Heute ist es soweit. Anekdoten, die das Leben schreibt …

Gestern traf ich auf eine nette Fünfzigerin. Das Thema Bildung in unserem Lande stieß ihr ungemein auf und das in ihr angestaute Ärgernis machte sich Luft.

„Das ist doch idiotisch!“,  schimpft sie. „Jeder soll unter allen Umständen Abitur machen. Wer kein Abi hat ist in den Augen der meisten unfähig. Wie bescheuert ist das denn?!“ Sie schaute mich fragend an. Ich verkniff mir eine Antwort. Sie legte auch gleich nach: „Wir brauchen das Handwerk! Dringend! Ich will mal sehen, wie es ausschaut, wenn sich meine Ärztin ihre Hose selber nähen wird oder ein Häuslebauer versuchen will eine gerade Wand hochzuziehen.“ Sie machte dicke Backen: „Ich kann ihnen sagen: Vor ein paar Wochen hatte ich eine junge Frau aus der Nachbarschaft im Geschäft. Im letzten Jahr hat sie ihren Bachelor gemacht, eine Studierte, also.  Ich sagte ihr, sie möge das Medikament kühl und dunkel lagern. Sie überlegte kurz und fragte mich, ob es reiche, wenn sie es in den Keller stelle. Ich meinte, nun ja, wenn ihr Keller so kalt ist, sei es in Ordnung. Dennoch fragte ich verwundert, warum sie es nicht in den Kühlschrank stellen wolle. Da sagte sie zu mir, sie habe keinen dunklen Kühlschrank. Ihrer habe Licht.“ …

Ohjeohje, wenn das nicht zum Haare raufen ist …

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Mit grübelnden Grüßen

Eure Petra Kolossa.