Wenn das Hirn spazieren geht

Es ist spät geworden. Erschöpft und müde falle ich auf meinen Sessel. Mit einem starken herrlich duftendem Kaffee in der Hand reflektiere ich meinen Tag. Unweigerlich sitzt mir ein Lächeln im Gesicht, weil mir bewusst wurde, wie viele Kilometer und Stunden ich heute wieder im Auto verbracht habe. Es sind Stunden, in denen mein Kopf unablässig zu tun hat. Ein Gedanke jagt den nächsten. Mein Hirn kommt nicht zur Ruhe. Es ist permanent mit Belanglosem, Halbgegorenem, Flüchtigem und machmal Wichtigem beschäftigt, schuftet und schuftet. Es wäre eine tolle Sache, wenn man am Abend diese gesamte Denkleistung downloaden könnte, kommt mir so in den Sinn.

… boah, ist das stürmisch. Schön die Autotür festhalten. Stopp! Die Adresse. Ach hier. Hach, wie lustig! Fünfundachtzig Kilometer in einer Stunde und zweiundzwanzig Minuten. Die Navigation kennt Deutschlands Straßenbaumarathon nicht. Also los!

Mein Gott, faucht der Wind! Idiot, dieser Radfahrer. Bei dem Sturm bergauf auf der Bundesstraße. Geht’s noch? Hoffentlich weht’s ihn nicht gleich an meinen Spoiler. Man traut sich kaum, diesen Kerl auf dieser kurvenreichen Strecke zu überholen. 

Russich Roulette. Mag nicht darüber nachdenken, wenn jetzt solch ein Baum vom Sturm geknickt auf die Straße kracht. Also zügig durch, vorn ist freies Feld.  

Kann’s nicht mehr hören dieses Wort „Narrativ“. Ist wie in den 1980ern, als plötzlich jeder nur von Innovation sprach und man sich aussuchen konnte, welches deutsche Wort sich dahinter verbarg. Was jeder wohl erkannte: Es ging um irgend etwas Neues. Aber egal. Jetzt ist es „Narrativ“.  Jaaa und das Wörtchen „tatsächlich“ darf in keinem Dialog fehlen. Auch ein Phänomen. Kein Gespräch ohne diesem Wort,  so, wie es gerade wieder zu hören war. Es wird inzwischen sogar als Füllwort benutzt. Es nervt. Ich werde einen Blog schreiben zu Narrativ und tatsächlich. 

Sendersuchlauf. Nicht Schlager. Radio Vorarlberg. OK. Die viele Werbung bei denen nervt. Vorübergehend geht’s.

Mein Gott, der Wind schüttelt aber das Auto. Muss an die Überfahrt mit dem Katamaran nach Helgoland denken. Liebe ja den Wind. Jedoch nicht ausgeliefert in einer solchen Nussschale auf dem Wasser. Nie wieder! Weiß ja nun, wie es sich anfühlt auf hoher See, wenn der Geist die Kontrolle über den Körper verliert. Konnte nicht einmal die Augen mehr gerade halten. Die rutschten immer irgendwohin. Seekrank zu sein, ist echt blöd.

Immer noch über vierzig Kilometer. Nachdenkzeit im Auto ist schon nicht schlecht. Würde dennoch jetzt lieber stattdessen etwas anderes erledigen. Viele Dinge kommen zu kurz. Malen, Schreiben, mein Online-Shop, der Haushalt, Ruhe, Zeit für mich selbst.

Verdammt! Hundert, Junge! Du darfst Hundert! Was machst du???  Bremst vor jeder Kurve auf vierzig runter, beschleunigst dann auf immerhin sechszig, um gleich wieder auf vierzig zu gehen. Warum fährt dieser Typ einen Mercedes GLK 220? Ohhhh zum Glück,  er will rechts raus.

Wohnmobile, Fahrradfahrer, landwirtschaftliche Fahrzeuge, LKW, Mopeds plus der ganz normale Wahnsinn auf den einspurigen Straßen unseres Landes. Pünktlich am Ziel zu sein ist definitiv eine Herausforderung. Die Tugend Pünktlichkeit der Deutschen lässt sich nur mit einem Zeitplus realisieren. Und da klemmt es bei mir oftmals. Ich meine, es klemmt an der Zeit, an der Tatsache, dass ein Tag nur 24 Stunden hat, dummerweise …

Schluss und aus mit diesen Aufträgen in den weiten Entfertungen. Frisst nur Zeit und Kraft. Bringt doch nicht wirklich was. Konzentriere dich auf dein Umfeld. Verdammt! Ich weiß, bin Schnellentscheider. Nicht immer gut. Wirst es vielleicht bereuen. Ja, vielleicht. Heute war die Entscheidung richtig. Was morgen ist? Keine Ahnung …

… und so weiter und so weiter. Ein Gedankenfetzen treibt den nächsten.

Kennst Du das? Was macht Dein Hirn mit Dir, wenn Du Auto fährst? Ich meine, wenn das Autofahren zur Routine geworden ist und einfach nur eine Art der Fortbewegung ist?

Schreibe es einfach unten ins Kommentarfeld. Ich bin ganz neugierig.

Heute nahm ich Euch mit auf eine wilde Gedankenreise, nichts Komplettes, nur Brocken.

Ich bin überzeugt, dass das jeder meiner Leser von sich selbst kennt …

Herzlich, Eure Petra Kolossa.

Einfach nur autofahren

„Kannst du autofahren?“, fragt mich der kleine Mann. „Ja, na klar.“, sage ich. „Meine Mama kann nicht autofahren.“, stellt er fest.

„Deine Mama wird eines Tages autofahren können. Du weißt, sie hat ein krankes Handgelenk und starke Schmerzen.“, erkläre ich ihm. „Mein Papa kann auch mit einer Hand autofahren!“, kommt es prompt.

„Weißt Du“, versuche ich zu erklären und die Situation seiner Mama zu entschuldigen: „Es gibt kritische Momente, in denen man dringend zwei Hände auch beim Autofahren braucht. Und wenn eine Hand nicht gut festhalten kann, weil sie voller Schmerzen ist, kann es sehr gefährlich werden. Eines Tages wird die Hand Deiner Mama wieder gesund sein. Dann wird deine Mama auch autofahren können.“

Nach einer kurzen Pause von wenigen Sekunden: „Egal, ob Schmerzen oder nicht Schmerzen. Meine Mama kann nicht autofahren!“, erhärtet der fast Sechsjähre.

Ich muss das Gehörte zunächst herunterschlucken und diese nüchterne Feststellung verdauen. Ich bin sprachlos. Diese wenigen Sätze geistern eine ganze Weile in meinem Kopf herum. Was habe ich erwartet? Eine gefühlvolle Bestätigung und Verständnis für die Situation seiner Mama? Dass er verstünde, dass alles irgendwann einmal anders sein wird, wenn dies und das …? Letztendlich muss ich sagen, dass der kleine Mann auf rationaler Ebene komplett Recht hat. Ganz sachlich: Seine Mama kann nicht autofahren. Punkt. Aus. Fertig.

Warum neigen wir Erwachsenen dazu, auf emotionaler Ebene nach Erklärungen zu suchen, Dinge zu entschuldigen, gar Mitleid zu schüren, Zusammenhänge zu finden, die Meinung zu beeinflussen und alles zu begründen? – Wäre es nicht besser gewesen? Ich hätte einfach nur gesagt: „Das stimmt. Sie kann nicht autofahren. Vielleicht wird sie es einmal lernen, wenn ihre Hand wieder gesund ist.“

Während ich diese Zeilen schreibe, huscht ein Lächeln über mein Gesicht. Danke, kleiner Emil, für diese „Lehrstunde“.

… widmen wir Großen den Kleinen gegenüber einfach etwas mehr Aufmerksamkeit in dem, was und wie wir es kommunizieren.

Einen fantastischen Sonntag Euch allen.

Herzlich, Eure Petra Kolossa.