Petitesse – Randnotiz – 2024-10-15

Eine Hand für mich. Eine Hand fürs Schiff. – Das ist eine alte Seefahrerweisheit.

Kümmere Dich zuerst um Dich! Du kannst nur helfen, wenn es Dir selbst gut geht. Wenn Du selbst krank bist, oder selbst nichts hast, kannst Du keinem etwas Gutes tun. – Das bekommt man in jedem Business-Kurs oder -Seminar gepredigt und kann es in entsprechenden Publikationen lesen.

Das erinnert mich an ein Erlebnis, das ich als Kind mit meinen Eltern hatte. Es war Winter. An einer steilen Straße irgendwo in den Bergen ging nichts mehr. Die Autos fuhren sich fest und kamen auf der glatten Straße nicht weg. Meine Eltern halfen einem nach dem anderen und schoben die Fahrzeuge  von hinten an. Das taten sie solange, bis sie selbst dastanden und nicht wussten, wie sie von der Stelle kommen sollten. Es war keiner mehr da. Und die Autos, die gefahren kamen, überholten das stehende Fahrzeug meiner Eltern, weil sie den Schwung nutzten, um nach oben zu kommen. Sie würden Gefahr laufen, wenn sie anhielten, um zu helfen, dann selbst nicht mehr wegzukommen.

Ich weiß leider nicht mehr, wie das Ganze ausging. Aber das beschreibt die Situation ziemlich genau. Du kannst nur helfen, wenn Du selbst abgesichert und real in der Lage bist, das zu tun.

„America first!“, „Ungarn zuerst.“ und so weiter. Was ist verwerflich an dieser patriotischen Aussage? Was ist verwerflich, wenn sich jedes Land in Europa, oder dieser Welt, zunächst um seine eigenen Baustellen kümmert und das eigene Land stark und sicher macht, bevor es beginnt mit irgendwelchen Sprüchen klugzuscheißen und das Geld, das nicht vorhanden ist, in der ganzen Welt zu verteilen? Und was bitte ist an diesem Gedanken räääächts? Und was macht den, der dieser Logik folgt, zum vermeintlich bösen N..i?

Heute mal wieder etwas nachdenklich.

Herzlich, Eure Petra Kolosssa.

Knapp zwei Stunden

Es gibt Stunden, die sind schon irgendwie verrückt. Und man könnte denken, es spinne sich ein roter Faden hindurch.

Ich lenke mein Auto durch Ravensburg in Richtung Post am Bahnhof. Seit vielen Monaten geben sich dort die Baustellen die Klinke in die Hand. Vor einigen Wochen war es noch relativ großzügig bebaut. Jetzt entstehen typische Straßenschluchten. Ich verstehe, dass gebaut wird. Es ist schließlich wichtig. Nur Parkplätze sind Baustellendepots und ich muss irgendwo entfernt parken und etliche Meter laufen. Das frisst vermeintlich Zeit und nervt mich im Augenblick.
Ich komme aus der Post und bin in Gedanken bereits beim nächsen Termin, als ich von einem jungen Mann in den Dreißigern angesprochen werde: „Bitte. Haben sie etwas Kleingeld? Ich möchte mir eine Kleinigkeit zu essen kaufen. Ich habe Hunger.“
Ich spüre, dass es für ihn keine Routine ist. Er spricht ein sauberes dialektfreies Deutsch. Seine Scham merke ich ihm deutlich an, als ich aufschaue und in sein Gesicht sehe.
Ich krame nach meiner Geldbörse. „Halten sie ihre Hand auf.“, sage ich.
Er hält mir seine Hände langsam entgegen. Ich schütte den Inhalt des Hartgeldes in seine Handflächen. Er umschließt das Geld in seinen Händen. „Sie sind eine gute Frau.“
Ich sehe in feuchte Augen. „Alles gut. Sie werden es eines Tages weitergeben.“
Als ich ins Auto steige, sehe ich ihn zur Bäckerei am Bahnhof gehen.

Auf dem Weg will ich schnell meinen kleinen Einkauf erledigen. Ich stoppe am Supermarkt und eile, um mir einen Einkaufswagen zu greifen. Den Wagen, den ich mir nehmen möchte lässt sich mit Hilfe eines Chips nicht lösen. An der anderen Reihe versucht ein Zwanzigjähriger einen Einkaufswagen aus dem Schloss zu bekommen. „Verdammt, mit einem zwei-Euro-Stück geht das nicht.“, sagt er zu mir. „Nein. Das geht nicht.“ Ich zeige auf den Hinweis an dem Einkaufswagen. „Ich habe es nicht anders. Können sie das bitte wechseln?“, fragt er mich. Ich muss lächeln. „Nein. Ich habe leider keinen Cent Kleingeld einstecken. Aber warten sie, einen Chip habe ich für sie.“ Ich krame an meinem Schlüsselbund. „Wollen sie einen in Orange oder in Grün?“, frage ich ihn. Er muss schallend lachen. „Das ist nicht ihr Ernst? Sie wollen mir einen Chip schenken und fragen mich auch noch, welche Farbe ich bevorzuge?“ „Ja, na klar. Sie haben die Wahl.“ Er entscheidet sich für den in Orange. „Vielen, vielen Dank! Das ist echt total großzügig von ihnen.“ „Alles gut“, sage ich. „Sie werden irgendwann einmal daran denken und den Chip weitergeben.“

Ich bezahle meinen Einkauf mit der Karte, packe alles ein und stelle mich beim Bäcker an, um noch ein Brot zu kaufen. Die Verkäuferin nennt mir den Preis. Ich reiche ihr einen zwanzig-Euro-Schein. „Haben sie es nicht etwas kleiner?“, fragt sie mich. „Nein, leider. Ich habe kein Kleingeld einstecken.“, sage ich ich und muss wieder grinsen. „Wirklich, haben sie gar nix?“, fragt sie nochmals. „Nein. Tatsächlich. Nix.“
Sie wechselt und legt mir einen kleinen Berg Münzen auf die Theke …

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Herzlich, Eure Petra Kolossa