Auto teilen – und so

„Lasst doch paar Leute mitfahren in eurem Auto“, so neulich ein Kollege auf einem unserer letzten Meetings, als wiederholt die Pausendiskussion aufkam, dass wir alle viel zu oft und viel zu weit herumfahren, um nur einen Auftrag zu erledigen. Er täte das bereits seit langer Zeit.

Nun gut. Ich plante kurzfristig einen Tripp nach Dresden und entschied mich, das Ganze auszuprobieren. Ich meldete mich bei BlaBlaCar an und gab meine geplante Reise ein. OK, ich entschied mich, das nur mit der Rückreise zu testen.

Kurz nachdem ich das freigegeben habe, meldete sich die erste Mitfahrerin. Ich kam Ana entgegen und versprach, sie vom Bahnhof abzuholen. Der liegt fast auf der Strecke. Das ist in Ordnung. Sie wollte bis Ansbach mitreisen. In der Nacht vor der Rückfahrt von knapp sechshundert Kilometern meldeten sich noch zwei Interessenten. Der junge Mann wollte noch ungefähr einhundert Kilometer weiter und die Dame bis Neu Ulm.

Gut. Also nahm ich in den frühen Morgenstunden Kontakt auf. Michael war bereit, von einem Ende zum anderen in Dresden mit der Straßenbahn zum Treffpunt zu kommen. Das war in Ordnung. Tanja wollte mitten in Bayreut abgeholt werden und zu einer bestimmten Adresse in Neu Ulm gebracht werden. Das lehnte ich ab.

Ich glaubte, alles erledigt zu haben. Als mein Smartphone einen Anruf signalisierte. Michael wusste nicht genau wie er zum Treffpunkt kommen könne. Ich erklärte es ihm und versprach, ihn von der Haltestelle der Straßenbahn abzuholen. – Gut, fertig. Dachte ich. Eine WhatsApp wurde signalisiert. Ich schaue nach. Aha, Ana. Es gibt einen Verletzten im Zug. Man warte auf den Notdienst. Der Zug käme später an. – Ich tippe zurück. Dass ich eine halbe Stunde geben könne. Jetzt alles gut. Dachte ich. – Nein. Michael ruft an. Er käme bereits zehn Minuten vor dem Treff. Er wollte nur Bescheid geben. – „Dankeschön.“, sage ich freundlich. Jetzt noch schnell einen Kaffee und dann los! Befehle ich mir. – Eine WhatsApp. Ana: Sie schaffe es nicht. Der Zug würde noch stehen. – Ich kann nicht warten. Tippe ich zurück. Michael müsse bereits 14 Uhr bei einem Termin sein. Die Fahrt war bei BlaBlaCar so angemeldet. – Ana tippt: Schade. Ich mache mich bereit und will gehen. Mein Smartphone klingelt. – Ana: „Der Zug fährt wir kommen fünf nach an. Geht das noch?“ „Ja, Ana alles gut. Ich hole Dich am Bahnhof ab.“ Ich entschließe mich, noch schnell tanken zu fahren. – Ich steige ins Auto. Die Freisprecheinrichtung meldet einen Anruf. Michael: „Ich wollte nur sagen, dass ich an der Haltestelle warte.“ „Ist gut. Ich bin in fünf Minuten da.“ – Ich lege das Phone beiseite und sehe eine WhatsApp. Ana: Es geht alles klar. In zehn Minuten ist der Zug da. …

Und so war ich den zeitigen Morgen beschäftigt …

Beide waren taktvolle und sehr angenehme Mitfahrer. Ana freute sich, dass wir pünktlich ankämen und sie ihren Tanzkurs besuchen könne. „Boggie-Woggie“, erklärte sie auf meine Frage. Eigentlich sei sie nur für ihre Schwester eingesprungen. Sie habe keine Lust mehr gehabt. So tanzt sie inzwischen mit ihrem Schwager. – An der Autobahnabfahrt wird sie von ihrer Schwester abgeholt. Sie umarmt mich zum Abschied. Für neunzehn Euro ist sie von Dresden bis Ansbach komfortabel gereist.

Michael ist inzwischen nervös. „Schaffen wir das bis 14 Uhr?“, fragt er. „Wenn es uns die Straße erlaubt, werden wir pünktlich sein.“, sage ich und frage, weshalb er so sehr pünktlich sein muss, wenn er seinen Sohn besuchen darf. Er könne doch der Mutter Bescheid geben, dass es ein paar Minuten später werden könnte. „Mein Sohn ist im Heim.“ „Oha. Hat er ein gesundheitliches Problem?“ „Nein. Er kam mit dem Neuen meiner Ex nicht klar.“, stößt er aus. „Warum hast du ihn nicht zu dir genommen?“, frage ich. „Ich bin nicht erziehungsberechtigt.“, sagt er leise. „Hm, er mag dich?“ „Ich weiß es nicht.“, flüstert er. „Das verstehe ich nicht. Erkläre es mir.“ „Ich sehe ihn seit vier Jahren das erste Mal. Wir hatten nur Kontakt über WhatsApp ab und zu.“, er macht eine kurze Pause und ergänzt: „Und für heute habe ich zwei Stunden Besuchszeit bekommen.“ Ich muss darüber kurz nachdenken. „Freust du dich?“ „Ja.“ Ich schaue auf die Navigation und sage: „Wir schaffen das ziemlich auf den Punkt.“ Ich spüre, wie er mich von der Seite ansieht. „Petra, nimm mich mit bis zur nächsten größeren Stadt. Ich kann da nicht hingehen.“ „Höre auf mit dem Quatsch!“, sage ich. Du bist jetzt fast über vierhundert Kilometer gefahren. Du hast dich gefreut. Ach, sag mal, wie alt ist dein Sohn?“, frage ich. „Vierzehn.“, und er ergänzt: „Nimm den Weg in deine Richtung und lasse mich an der nächsten größeren Stadt raus.“ „Michael, ich lasse Dir jetzt fünf Minuten zum Nachdenken. Er nimmt seine Kopfhörer und schaltet Musik vom Smartphone zu. Er hat die Hosen voll, denke ich. Je näher wir kommen, desto aufgeregter ist er.

„Ich habe nachgedacht.“, höre ich ihn. „Kommst du mit rein?“, fragt er mich unvermittelt. „Oha, wie meinst du das?“ „Ich kann da nicht alleine reingehen. Wenn du dabei bist … Bitte komme einfach mit.“ Ich muss schlucken. Boah, was tue ich? „Gut, ich komme mit.“ Warum ich mich so entschied, weiß ich bis heute nicht. Es war eine Entscheiung aus dem Bauch heraus. Wir kamen nur fünf Minuten zu spät. Der Junge wartete im Foyer. Die Männer gingen aufeinander zu, sahen sich in die Augen. Schlugen sich immer wieder auf die Schultern und Arme. Sie umarmten sich. Ich musste mit den Tränen kämpfen, als ich Michaels Blick auffing. Ich hob meine Hand zum Gruß und ging hinaus in den strömenden Regen.

Meine Finger suchen auf der Navigation meine Adresse. Ich nehme einen großen Schluck Mineralwasser, wickele meinen Schal um die Schultern, starte mein Auto und fahre los.

Noch zu erwähnen wäre, dass Michael 22 Euro für seine Fahrt bezahlte. – Ich nenne diese Preise, weil BlaBlaCar einen nicht kommerziellen Zweck verfolgt. Und ich denke, nirgendwo kann man günstiger und komfortabler reisen, als auf diese Weise. Zum Beispiel vierzig Kilometer für einen einzigen Euro. Ich habe diese Fahrt eingetragen und biete sie an. Ich habe keine Ahnung, was es mit dem Überlandbus kosten würde. Aber ich bin mir ziemlich sicher, nicht nur einen Euro. Bei 120 Kilometer bis nach Zürich ist man bereits für fünf Euro dabei.

Ich fuhr in strömendem Regen und hielt mich an meinem Cafe to go hell wach. Es war eine verdammt anstrengende Fahrt.

Bereue ich diese Erfahrung? Nein. Jedoch gehört eine Portion „Glauben an das Gute“ dazu, es zu wiederholen. Neben dem Zeitfaktor, dem Hineinfühlen in die Menschen, die sehr nahe in Deinem Auto sitzen, kommen noch die positiven Argumente, das Auto mit anderen geteilt zu haben. Denn wie in meinem Fall wären theoretisch zusätzlich zwei weitere Fahrzeuge unterwegs gewesen. Nun gut und meine Tankrechnung wurde um 41 Euro gemindert.

Habt Ihr Euer Auto schon einmal mit anderen geteilt? Oder habt Ihr Erfahrung genau aus anderer Sicht, nämlich als Mitfahrer, gesammelt? Ich bin ganz neugierung von Euch zu lesen.

Ich nehme mir jetzt ein Kuschelkissen und mache es mir bequem. Einen schönen Abend Euch allen 🤗

Herzlich, Eure Petra.

Bitte verfasse hier Deinen Kommentar. Vielen Dank!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s