Worin bist du gut?
Ich weiß, wir Deutschen sind von Natur aus etwas zurückhaltend, wenn wir von uns selber sprechen. Unsere eigenen Vorzüge hervozuheben und gar ein Lob auf uns zu singen, ist nicht unser Ding. Meins auch nicht. Ich übe mich da eher in vornehmer Zurückhaltung.
Ich denke, ich bin ganz gut darin, zu beobachten, zuzuhören und meine Gedanken in Worte zu fassen. Ich bin nicht nachtragend. Das heißt, ich vergesse nicht, aber ich kann verzeihen. Ich habe ein gewisses Organisationstalent und kann mich in der Regel ganz gut durchsetzen. Alles andere, was ich „abliefere“ mache ich so gut ich kann und es vermag. Ob es letztendlich gut ist? Keine Ahnung. Mögen andere darüber richten. Lobhudelei ist nicht mein Ding, dafür bin ich wahrscheinlich zu deutsch.
Schwierigkeiten, ob groß oder klein sind nicht schön, aber letztendlich lasse ich mich nicht ins Bodenlose reißen. Krönchen richten und weiter!
Es sind ein paar Stunden ins Ländle gegangen und ich muss an die gestrige Mittagszeit denken. Es waren nur zwei oder drei Stunden, die ich besonders intensiv wahrnahm. Dinge, die ich beobachtete, wo ich zuhörte, wo es nicht ganz glatt lief und dennoch war es eine Erfahrung, die in die heutige Zeit gehört. Es sind Kleinigkeiten aneinandergereiht, die letztendlich ein Ganzes ergeben.
Unser Ziel war Ravensburg. Es ist nur knapp zwanzig Kilometer entfernt. Ein paar unserer Flyer für die Ausstellung „Kunstmix“ mit ARTverwandt wollten wir in der Touristeninformation am Marienplatz hinterlegen. Nur fünf Stück nahm mir die Mitarbeiterin ab. Es mache ja keinen Sinn, wenn so viele der Flyer vernichtet werden müssten. Es sei ja schade ums Geld. Mir fehlten die Worte. Wurde mir doch auf diese Weise mitgeteilt, dass sich für unsere Kunstausstellung keine S.. interessiere. So verließ ich sprachlos die großzügig, hochmoderne, nüchterne, kühl wirkende Touristeninformation, in der ich heute, wie auch vor fünf Jahren außer zwei Beschäftigten keinen einzigen Touristen antraf.
Ganz ehrlich, ich war enttäuscht. Jede andere Touristen-Info nahm unsere Flyer gern entgegen. Bieten diese doch somit den interessierten Touristen eine Vielzahl von Ausflugsmöglichkeiten in die nahe Umgebung an. In unserem Fall an den nur knapp fünfundzwanzig Kilometer entfernten Bodensee nach Eriskirch. Das nicht nur wegen unserer einwöchigen Kunstausstellung ein toursitisches Hihglight ist. Denn zur Zeit ist die bekannte Irisblüte und es gibt noch so viele andere Gründe mehr, dorthin einen Abstecher zu machen. Ganz sicher werden die meisten Gäste Ravensburgs Ausflüge an den Bodensee unternehmen.
Egal, es ist wie es ist. Nun hatte ich also die restlichen Flyer in der Hand und keine passende Tasche dabei, in die ich diese unterbringen konnte. So trug ich sie in den Händen.


Wir nutzten die Gelegenheit, um ein wenig in Ravensburg herumzustiefeln. Früher, also vor vier, fünf Jahren waren wir sehr oft in der Altstadt. Wir besuchten die Kinos, verbrachten den Abend in einem sympathischen französischen Restaurant, aßen auf der Veitsburg oder beim Italiener (das Eis ist unschlagbar), bummelten durch die Stadt, waren bei etlichen Buchlesungen im sympathischen und individuellen „Ravensbuch“, die leider während der Corona-Zeit 2021 fussionierten und nun zum großen Thalia gehören, tranken einfach nur ein Glas Wein zu ein paar Zeppelin-Käsestückchen und zogen weiter, wir besuchten zu gern das Theater …
Kurz und gut: Ravensburg war für uns immer eine gemütliche Kleinstadt mit einer warmen Atmosphäre.
Bis gestern war ich seit der Zeit des Lockdowns nie wieder aus privaten Gründen in der Altstadt. Ich kann es nicht erklären. Mich zog es instinktiv nicht dahin.
Als ich aus der Tiefgarage nach oben stapfte, schlug mir in dieser mit Menschen überfüllten Altstadt ein unangenehm hoher Geräuschpegel entgegen. Vor den vielen Restaurants standen wie in Ausflugslokalen lange Tische, an denen sich die Leute pferchten. Dazwischen versuchten die Kellner ihren Job zu erledigen. Es wurden lauthals Gespräche in allen möglichen Sprachen geführt. Kinder rannten spielend und kreischend zwischen den Leuten umher. Aus den Lautsprechern etlicher Bistros, Kneipen und Restaurants schallte irgendwelche Musik. Eine Partei hatte ihren Wahlstand mitten auf dem Marienplatz aufgestellt, für den sich allerdings kein Mensch interessierte.
Ich fand keinen Ruhepol. Es war laut, zu viele Leute, zu unruhig, zu hektisch, zu fremd. Es erschöpfte mich unendlich.


Das Frühstück lag eine ganze Zeit zurück. Wir wollten einen kleinen Snack nehmen und suchten uns ein Plätzchen im sonnigen Freien etwas abseits des zentralen Marienplatz. Auch hier ließ sich die Lautstärke und Unruhe nicht abstellen. Es war, wie es war.
Ich schaute mir die Menschen an und stellte für mich fest, dass die wenigsten Chick, Stolz und Eleganz mit sich trugen. Sie latschten durch die Straßen mit irgendwelchen Stoffbeuteln und Einkaufstaschen, die zum mehrmaligen Benutzen an den Supermarktkassen erhältlich sind, oder trugen die eingekauften Dinge einfach über den Arm oder in ihren Händen. Nur wer in einem Reischmann-Haus einkaufte, erhielt wahrscheinlich eine schicke Papiertragetasche mit seinen neuen Schätzen. Denn das waren die einzigen, die auf den Straßen zu sehen waren.
Das typische Shopping-Bild mit den verschiedensten Einkaufstüten, das man vor Augen hat, ist in unserem Land out und verpönt. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass an den Kassen manchmal gefragt wird, ob man (etwa) eine Tüte wolle und wenn man das bejaht: Es koste aber soundso viel. Es gehört nicht zum woken Ton, eine Tüte zu wollen. Es ist mir einige Male passiert, dass ich vor meinem Berg eingekaufter Dinge stand und nicht wusste, wie ich es bis zum Auto transportieren soll. Einmal versuchte die Kassiererin für mich einen Karton für die vielen kleinen Teile zu organisieren, weil man keine Tüten mehr anbiete. Das andere Mal waren es Bekleidungststücke. Die lagen so einfach bezahlt mit dem Kassenbon darauf auf dem Tresen. Ich schaute die Kassiererin an und wartete. Sie fragte mich dann, ob es so ginge. Ich sagte, dass es unangenehm sei, mit den Sachen über dem Arm loszugehen, ob sie nicht einen Beutel für mich habe. Sie zeigte an einen Ständer mit mehreren Taschen. Ich könne eine davon kaufen. Ich konnte eine solche Tasche wirklich nicht gebrauchen und trug die Sachen zusammengeschlagen über dem Arm zum Auto.
Auch wenn ich inzwischen meistens einen zusammengefaleten kleinen Beutel in der Handtasche habe, passen nicht immer die Dinge dort hinein. Wahrscheinlich bin ich zu altmodisch und nicht grün genug. Ich empfinde es als traurige Abwesenheit von Service, Stil und Wertschätzung.
Ich saß da also und nippte mit dröhnendem Kopf am Rest meines Cappuccinos. Die Wolken zogen weiter und ließen ein großes blaues Loch am Himmel. Die Krone über der Skulptur von Peter Lenk erstrahlte in seiner vollen Pracht, was mich animierte einen Schnappschuss zu machen.


Auf unserer Instagramseite von ARTverwandt stehen wir mit „Haus34“ in Kontakt. Da ich keine Ahnung hatte, wo sie ihren Sitz in Ravensburg haben und vor allen Dingen, wo sich die beiden Kunst-Vitrinen befinden, für die man sich als Künstler für eine kleine Ausstellung bewerben kann, zogen wir los und suchten das Haus34. Vielleicht kann ich dort die Flyer hinterlassen, die ich noch immer in meinen Händen trug.

Das also sind die Vitrinen. Es war gar nicht so einfach, die zu finden. Der Stil erinnert mich an die 1960er. Da gab es solche Wandelgänge und Passagen, die mit vorgebauten Schaufenstern bestückt waren. Das sieht man inzwischen sehr selten. Nun, mal sehen, wie ich mich entscheiden werde, ob ich mich für eine Miniausstellung bewerbe, mit ARTverwandt oder seeArt oder allein, oder ich verzichte darauf. Erst einmal sacken lassen. Dann sehe ich weiter.
Ach ja! Die Flyer durfte ich in dem Geschäft gegenüber hinterlassen. So sind sie doch noch in Ravensburg geblieben.

Die Stunden in dem einst beschaulichen Ravensburg waren für mich unglaublich anstrengend. Ich war erschöpft und müde, als ich wieder zu Hause war.
Darüber habe ich lange sinniert. Wo mag die Ursache liegen? Ich denke, dass die vergangenen letzten Jahre mit ihren zweifelhaften politischen Entscheidungen einen erheblichen Anteil daran haben. Es hat mich in der Wahrnehmung geprägt. Ich bin noch empfindlicher geworden und scheine einer derartigen Reizüberflutung mit Abscheu gegenüberzustehen.
Was kann ich tun? Wahrscheinlich hilft nur Training. Immer und immer wieder ins Getümmel sürzen. Irgendwann wird man wahrscheinlich resistent. Die Frage ist nur, will ich das? Wie wichtig ist es mir?
Heute hilft nur: Krönchen richten und weiter.
Herzlich, Eure Petra Kolossa.