Sicher hast Du schon einmal etwas von 15-Minuten-Städten gehört. Gelegentlich keimt das Thema in den Medien auf. Und jedes Mal, wenn ich davon hörte, nahm ich mir vor, einen Blogbeitrag zu diesem Thema zu schreiben. Heute nun soll es endlich sein.
Eine kleine Rückblende in die 1970er Jahre und folgende. Damals wohnte ich mit meiner Familie in einem sechsgeschossigen Wohnblock in einem Wohngebiet, oftmals auch Neubaugebiet genannt oder auch Wohnkomplex. Von diesen Wohngebieten gab es unendlich viele. Dort fand man derartige Wohngebäude mit mehreren Hauseingängen vier-, fünf, sechsgeschossig oder auch Hochhäuser mit acht Etagen und mehr. Abwertend wurden diese Gebäude auch „Platte“ genannt. Um den Wohnungsbedarf zu decken, wurden diese Häuser mit vorgefertigten Betonplatten hochgezogen. Selbst das Bad war bereits einbaubereit. Als sogenannte Nasszelle wurde es während des Bauprozesses eingelassen. Die Wohnungen hatten in den Gebäuden immer den gleichen Schnitt. Es war letztendlich eine rationelle Lösung, ein schneller Wohnungsbau, um den vielen Wohnungssuchenden zeitnah eine Wohnung zur Verfügung stellen zu können. Wohneigentum, also Häusle bauen, war in dem getrennten Teil Deutschlands, der DDR, nicht die Regel, eher sogar eine Ausnahme.
Diese Wohngebiete wurden landschaftlich begrünt und wenige Jahre später wirkten die Gebiete sympathisch gut eingewachsen. Bäume und Sträucher spenden Schatten, es gibt Blumenrabatten, weitläufige Wiesen. Durch manche Wohngebieten schlängelt sich ein kleiner Bach.
Entsprechend der Größe der Gebiete lebten dort zwischen fünfzehn- und dreißigtausend Menschen. Die Städteplanung berücksichtigte alles Notwendige. Es gab eine Kinderkrippe, einen Kindergarten, eine Schule, eine Sporthalle, Kinderspielplätze, ein Einkaufszentrum, einen Friseur, Kosmetik, Schuster, eine Reinigung, ein Blumengeschäft, eine Poliklinik mit allen notwenigen Ärzten, Labor und Röntgen, es gab eine Apotheke, eine Wohngebietsgaststätte, eine Diskothek, eine Kegelbahn. Weitere Geschäfte, ein Kino, ein Theater, die Kirche, das Rathaus und so weiter, befanden sich nur wenige Gehminuten entfernt im alten Ortskern. Die Straßenbahn und der Linienbus hielt auf der Hauptverkehrsstraße. Damals hatten die wenigsten Leute ein eigenes Auto.
All das, was ich gerade aufzählte, war innerhalb von fünfzehn Minuten erreichbar. Das engere Leben spielte sich im eigenen Wohnumfeld ab. Die Menschen kannten sich, waren sich nachbarschaftlich, teils freundschaftlich, verbunden. Man achtete auf einander, half sich und verbrachte Zeit miteinander.
Waren das 15-Minuten-Städte? Aus der heutigen Sicht betrachtet, behaupte ich, es waren welche.
Nun wird behauptet, das dieses Konzept einer 15-Minuten-Stadt erstmals 2016 von Carlos Moreno von der Sorbonne-Universität formuliert wurde. Das wundert mich sehr. Der Begriff mag neu sein. Die Idee ist es nicht.
Natürlich sind über dreißig Jahre ins Land gegangen. Denn diese Wohnkomplexe wurden nach der sogenannten Wende Deutschlands verteufelt. Die „Platten“ wurden zum Teil rückgebaut und Wohnraum genommen. Es war nicht mehr schick in derartigen Wohnungen zu leben. Wer etwas auf sich hielt, schaffte Eigentum, oder wohnte wenigstens entsprechend zur Miete. Diese Wohngebiete wurden zu „typisch DDR“ dekradiert. Selbst für die Schufa war es wichtig. Wer in solchen Wohngebieten lebte, hatte nicht genug Geld, sich etwas angemessenes zu leisten und wurde im Ranking entsprechend bedacht.
Heute sind solche Wohnungen im Vergleich relativ preiswert und werden gern für die sogenannten Wohnberechtigungsscheine benutzt. Die verbliebenen Häuser wurden mit Aufzügen versehen und modernisiert. Leider haben sich die Wohnkomplexe bzw. Wohngebiete zu Satellitenstädten entwickelt. Es ballen sich die verschiedensten Kulturen, die dort ihr eigenes Ding leben und das Umfeld verleben.
Ohne der Digitalisierung ist die Vision der heutigen modernen 15-Minuten-Städte nicht vorstellbar. Und natürlich läuten da bei vielen Menschen nicht ohne Grund die Alarmglocken. Schlägt es doch unweigerlich den Bogen zum gläsernen Menschen.
In China arbeitet man intensiv an derartigen Projekten. Aber wir wissen auch, dass dort das „social credit system“ bereits Normalität ist. Übrigens, auch Russland will das „soziale Kreditsystem“, wenn auch auf Freiwilligenbasis, testen. Aber das ist ein anderes Thema.
Paris soll eine 15-Minuten-Stadt werden und in Deutschland versucht sich Hamburg an dem Ziel. Hamburg will seine Stadtteilzentren auf diese Weise attraktiver machen. Der Bund fördert die 15-Minuten-Städte übrigens für zwei Jahre, genau bis Dezember 2026.
Mein Fazit: Ich mag 15-Minuten-Städte. Damals lebte ich gern in einer solchen und sie hatte sich tatsächlich bewährt. Das, was nun angestrebt wird, ist eine bereits erprobte und bewährte Sache, modernisiert, zeitgemäß, mit etwas frischer Farbe, neu lackiert, also nicht wirklich neu.
Wie stehst Du zu 15-Minuten-Städten? Vielleicht hast auch Du einmal in einer solchen gelebt? Lass es uns bitte wissen. Schreibe es einfach in die Kommentare.
Heute ist ein wunderschöner Tag. Angenehme vierundzwanzig Grad, Sonne, ein laues Lüftchen.
Genießt den ☀️igen Tag. Herzlich, Eure Petra Kolossa.

Das heutige Bild:
Eine Städtelandschaft, die ganz sicher keine 15-Minuten-Stadt ist. Es ist ein Bild aus meiner Werkgruppe „Calligari“. Hier also meine Interpretation von „Miami“. 2018, 100 x 70 cm, Acryl auf Leinwand. Du bist an dem Bild interessiert? So kontaktiere mich bitte einfach.
Vermutlich ist ein Teil der Fragestellung von „Leben in Deutschland“ genau dieser Idee von der 15 Minuten Stadt geschuldet
Liebe Britta, das ist gut möglich. Auch wenn die 15-Minuten-Stadt eigentlich ein alter Hut ist, scheinen die Gedanken im Jetzt einen futuristischen Zug anzunehmen.