Hey Du, mein altes Ich. Deine liebe Post erhielt ich vor ein paar Tagen. Ich habe mich riesig gefreut, als ich meinen digitalen Posteingang prüfte und Deine Zeilen vorfand. Heute nun endlich will auch ich Dir ein paar Zeilen senden.
Es ist wirklich toll, dass Du Dich der rasanten technischen und digitalen Entwicklung nicht verweigerst und all das nutzt, was Dir Dein Leben leichter macht. Deine Hände wollen den Stift nicht mehr ruhig halten. Du sprichst Deine Briefe einfach in das Mikrofon. Den Rest macht Deine App. Weißt Du, dass ich früher nie solche langen und interessanten Briefe von Dir erhalten habe? Das ist keine Kritik. Ich bin stolz auf Dich, dass Du Deinen Alltag so gut meisterst.
Wenn Du meinen Brief bekommen hast, denke bitte daran, die Schrift zu vergrößern, damit Du besser lesen kanst. Du weißt ja wie es geht. Wenn’s nicht so gut klappt, rufe mich einfach an. Ich helfe Dir dabei. Schließlich kann man sich nicht alles merken.
Wer weiß, wie fit ich in gut dreißig Jahren sein werde. Ich bin wirklich froh, dass die Medizin inzwischen richtig gut ist. Diese Drei-Klassen-Medizin war doch ein Elend. Mensch ist Mensch. Ein einziges gesundheitliches Versorgungssystem brachte den Sinn der Medizin zurück. Wir werden ganz sicher Deinen nächsten runden Geburtstag feiern können.
Ach ja, worum ich Dich bitten wollte, Du musst mir unbedingt zeigen, wie Du das tolle Häkelmuster für die Küchengardine gemacht hast, die Du mir zu meinem Geburtstag geschickt hast. Ich staune wirklich, dass Dir Deine Hände so gut bei den Handarbeiten gehorchen. Ich bin begeistert.
Du fragtest mich, ob ich mein Buch mit autobiographischen Zügen fertigstellen konnte. Nein, mein liebes altes Ich, noch immer habe ich es nicht geschafft. Fast schäme ich mich dafür. Ich möchte viel stärker und konsequenter sein. Immer wieder bremst mich etwas aus.
Aber die Vorbereitungen zur Galerie-Ausstellung mit Deinem künstlerischen Lebenswerk steht vor dem Abschluss. Das mediale Interesse ist unglaublich groß. Es wird eine großartige Ausstellung sein. Da bin ich mir sicher. Hoffentlich geht es Dir am Tag der Vernissage gut und Du kannst dabei sein.
Und was ich Dir noch erzählen wollte …
Einhundert Jahre alt zu werden ist eine große Herausforderung. Klopfen doch die Zipperlein hier und da bereits heute an der Tür. Ich wünsche mir insbesondere auch im (hoffentlich) hohen Alter einen fitten Kopf und klaren Verstand zu haben.
Neunzig Jahre ist eine relativ lange oder eben eine relativ kurze Zeit. Für die einen ist es eine gigantische Größe, für andere hingegen scheinen diese Jahre irgendwie noch so greifbar nah.
Ich zähle mich zu der zweiten Gruppe. Selbst die Zeit meiner Oma, die Mitte 1880 in Ostpreußen geboren wurde und bis zur Vertreibung im zweiten Weltkrieg dort lebte, ist mir nah. Ich fühle mich mit diesem Jahrhundert und dem Norden verbunden. Es gibt so einige Angewohnheiten und Handlungen, die ich von ihr übernahm, die mir bis heute wichtig sind. Also kann doch diese Zeit gar nicht so weit weg sein 😉
Aber zurück ins Jetzt. Neulich erzählte ich Euch von meinen Eindrücken anläßlich eines neunzigsten Geburtstages. Zu diesem Anlass schenkten wir der Jubilarin eine Stadtrundfahrt mit einem VW-Bulli. Siglinde durfte sich die Route zu ihren wichtigsten Lebensstationen in ihrer Heimatstadt selbst zusammenstellen.
Und so trafen wir uns, die es ermöglichen konnten, ziemlich kurzfristig in Chemnitz zu dieser Tour.
Der Tag war komplett verregnet. Hatte ich zunächst Bedenken, dass Siglinde das Wetter zu schaffen machen könnte, musste ich mich sehr schnell eines Besseren belehren lassen.
Die Tour führte uns entsprechend eines Zeitstrahls durch ihre Lebensstationen. Franziska machte mit ihrem Bulli Halt an den entsprechenden Punkten. Oftmals stiegen wir aus und stiefelten im Regen herum. Es störte keinen von uns, da es viel zu spannend war, in die jeweilige Zeit einzutauchen und den vergangenen Erlebnissen an diesen Orten zu lauschen. Es war gelebte Geschichte einer Zeitzeugin.
Erfuhren wir so, dass einige der im zweiten Weltkrieg Vertriebenen aus Schlesien, das heute zu Polen gehört, im Schloss Klaffenbach ein Zuhause fanden, wie auch ihre Schwiegereltern. Beim großen Hochwasser 1954 wurde das Areal überschwemmt und sie brauchten eine neue Unterkunft.
Wir lieben das Wasserschloss Klaffenbach. Dort sind heute einige Kunst- und Handwerkerateliers untergebracht, die wir gern besuchten. Ein Golfhotel mit einer hervorragenden Gaststätte nehmen dort inzwischen einen Großteil des Gebäudes ein. In dieser Gaststätte aßen wir vor etwa fünfzehn Jahren mit Siglinde zu Mittag. Ich erinnere mich, wie sie lächelnd sagte: „Wir sitzen jetzt hier im Schlafzimmer.“ Es war die ehemalige Wohnung ihrer Schwiegereltern, die zu einem Gastraum umgebaut wurde.
Wasserschloss Klaffenbach von hinten.Im Erdgeschoss links befand sich die besagte Wohnung.Vier Generationen imRegen, Regen, Regen
Wir erfuhren von den Lebensbedingungen in den ersten Jahren nach dem Krieg. Davon, wie die Textilindustrie wieder aufgebaut wurde und wie sie in einem Haus unter dem Dach lebten und sich mit einer anderen Familie im Haus ein Bad teilten.
Hier erzählt Siglinde von der Dachgeschosswohnung.
Wir fuhren zu ihrem Garten, den sie vor dreißig Jahren aufgab und nie wieder besuchte, weil sie so sehr an diesem hing. Ich konnte ihre starken Emotionen beobachten, als sie sah, wie wunderschön und gepflegt dieser auch heute ist und sie nun ein zweites Mal Abschied mit gutem Gefühl nahm.
Der Blick über den Gartenzaun.
Die Fahrt führte uns weiter durch Chemnitz, das sich seitdem stark verändert hat, wie wir erfuhren. Wie zum Beispiel neu gebaute Wohnkomplexe, Straßenbahngleise, der Flughafen und so viele Dinge, die heute anders, neu oder nicht mehr in dieser Art vorhanden sind.
Franziska in ihrem Bulli „Ruthi Tuuti“ ganz in ihrem Element.
Auf jeden Fall haben wir Sigline mit diesem Geschenk, die Lebensstationen so kompakt zu erleben, eine riesengroße Freunde gemacht. Und für mich als Nicht-Chemnitzerin war es ein Vergnügen, das alles aus meinen Augenwinkeln heraus zu beobachten und den emotional berührenden Zeitensprung mitzuerleben.
Franziska Schirrmeister ist die Inhaberin von „Scheunenfund Die KulTourGarage“ und fährt selbst ihren geliebten Bulli. Sie ist eine unglaublich erfrischende, einfühlsame und charmante Akteurin. Ich kann Dir, wenn Du aus der Region Chemnitz bist, dieses Erlebnis wärmstens ans Herz legen. Sie und Ruthi Tuuti könnt Ihr für alle möglichen Events buchen, wie Hochzeiten, Fotos, Feiern und so weiter. Sie ist offen für fast jede Idee, wie zum Beispiel unsere. Hier noch einmal der Link zu ihrer Webseite. Dort findest Du die Kontaktdaten zu ihr.
Wenn ich einmal neunzig sein werde? Wer weiß, was das Leben noch bereithält. Eine solche Tour würde sich bei mir ein paar Tage quer durch Deutschland strecken. Ich war tatasächlich ein Unruhegeist.
Vor sechszig Jahren wurde ich in in meiner Heimatstadt Dresden eingeschult. Davor hatte ich bereits drei Wohnadressen. Zwei davon knapp dreihundert Kilometer entfernt.
Eines wünsche ich mir zeitnah, auf jeden Fall noch vor meinem neunzigsten (hoffentlich 🙈) Geburtstag: Ein paar Tage Aufenthalt in der Stadt, in der ich das Sprechen und Laufen lernte. Das war bei meinen Großeltern in Rathenow.
Schwesterlein, das machen wir auf jeden Fall 👭
Für heute soll es genug sein. Bis zum nächsten Mal,
herzlich, Eure Petra Kolossa.
PS: Vielen Dank liebe Siglinde und Franziska für Eure Erlaubnis, die Bilder in meinem Blog verwenden zu dürfen 🫶
Vor vierzehn Tagen war ich auf einem Kurztrip in Sachsen. In meinen Beiträgen berichtete ich kurz davon. Diese nur drei Tage berührten mich emotional sehr stark.
Auslöser dieser Reise war eine Einladung zum neunzigsten Geburtstag. Ebenso wird mein Vater im Spätherbst dieses Jahres seinen neunzigsten Geburtstag feiern und natürlich schaute ich auch bei ihm vorbei.
In diesen wenigen Tagen prasselten derart viele Eindrücke auf mich ein, die ich im Nachhinein zunächst einmal verdauen musste.
Mein heutiger Beitrag soll sich jedoch nur auf ein Thema beziehen. Das Altern.
Dem Anlass gegeben, treffen sich bei einem neunzigsten Geburtstag in der Regel vier Generationen. Die Gastgeberin lud ein und tatsächlich folgten alle achtunddreißig der Einladung.
Bis ich Siglinde vor zwanzig Jahren traf, kannte ich derartige Menschen nur aus Büchern oder Filmen. Sie ist eine Frau, die bis ins hohe Alter von nun neunzig Jahren ihre große Familie mit viel Liebe, Verständnis, Humor und Loyalität zusammenhält. Sie hat immer ein offenes Ohr und die passenden Worte, ganz gleich, ob ihr Gegenüber noch ganz klein ist oder selbst schon im Rentenalter. Sie ist beliebt und jeder, der der Feier beiwohnte, mag sie sehr und zeigt seinen vollen Respekt und seine Dankbarkeit.
Warum schreibe ich das? Siglinde ist, auch wenn sie es nie nach außen trägt, schwer krank und ich machte mir Sorgen, dass dieses für sie großes Ereignis zu anstrengend sein könnte. Aber sie wollte es unbedingt. Sie freute sich darauf, ihre zwei Jahre jüngere und vier Jahre ältere Schwester zu treffen und alle lieben Menschen, mit denen sie sich eng verbunden fühlt.
Um es vorweg zu nehmen: Es war eine wunderschöne Feier für Siglinde und für uns Gäste. Natürlich war es anstrengend und sie brauchte im Anschluss ein paar Tage, um sich zu erholen. Aber die ganze Anstrengung war für sie wichtig. Es gab ihr in ihrem Zirkel, in dem sie ihr ganzes Leben lang einen großen Einfluss hatte, Herzenswärme und Geborgenheit. Sie wird niemals allein sein.
In den Stunden während des Zusammenseins kam ich mit vielen der Gäste ins Gespräch. Ich musste unter anderem immer wieder lächeln, wie die vierundneunzig Jahre jung gebliebene ältere Schwester mit unglaublich viel Witz und Charme immer noch ihrer bereits pensionierten Tochter, die sie begleitete, sagte, wo der Hase langzulaufen hat.
Ich unterhielt mich mit den Kindern der jüngeren, achtundachtzigjährigen Schwester. So erfuhr ich die näheren Umstände ihres Weges in ein Pflegeheim. Diese Geschichte hat mich sehr berührt. Umso mehr, nachdem die RKI-Files aus der Corona-Zeit seit wenigen Tagen ungeschwärzt zu lesen sind und die Absurdität, der Machtmissbrauch und die ganzen Lügen endlich offen vor aller Augen liegen. Aber der Reihe nach:
Du könntest ein sehr langes Leben führen. Wie stehst Du dazu?
Zu viele ältere Menschen höre ich sagen: Bloß nicht! Bevor ich gebrechlich und vergesslich werde, will ich gehen.
Ob das tatsächlich so gemeint ist, wie es gesagt wird? Ich kann es mir nicht vorstellen. Wenn Menschen in diesem Zustand einmal sein werden, erst dann wird wahrscheinlich der Wunsch des „Gehendürfen“ aufkommen. Bis dahin wollen wir doch alle weiter atmen und den Puls der Zeit fühlen.
Oder denkst Du anders darüber?
Ich selbst wünsche mir ein langes Leben. „Träume nicht Dein Leben! Lebe Deinen Traum!“ Das habe ich bisher nicht geschafft und ich möchte es zu gern erleben, wie es sich anfühlt, meinen Traum in meiner Wunschwelt zu leben, ein Rädchen davon sein zu dürfen. Also will ich noch so einige Jährchen dabei sein.
Meine Mutter durfte nur zweiunddreißig Jahre auf diesem Planeten weilen, bis das Lymphcarcinom ihren Lebenswillen brach. Symbolisch möchte ich etwas von dem, was sie viel zu zeitig verlor für sie leben.
Jedoch nach der statistischen Lebenserwartung nach Geburtsjahr in Deutschland, habe ich nur noch sechs Jahre zu leben. Das ist nicht besonders viel. Meine Lebensplanung sieht tatsächlich etwas anders aus. Ich will Euch nämlich noch wenigstens dreißig Jahe auf den Keks gehen 😀
Alter Pinsel, reifer Wein. vergehende Tulpen und meine immer älter werdende Hand.
Die Frage ist: Wann beginnt das „Alter“? Als Senior oder Seniorin werden bereits die Sechzigjährigen bezeichnet. Nach Wünschen der agierenden Politiker sollte das erst zehn Jahre später der Fall sein. Aber das ist wohl das Wunschdenken, um den Anteil der Jahrzehntelang eingezahlten Beiträge in die Rentenkassen erst später und vor allen Dingen kürzere Zeit an die Alten zurückgeben zu müssen.
Ich entscheide mich mit „Alter“ die Zeit zu wählen, wo ich selbst nicht mehr einen großen Teil meiner Lebenszeit in die Einkommen generierende Arbeit investieren muss. Ich meine, den Tausch Zeit gegen Geld. Das ist also der Zeitpunkt, wo ich eine Rente erhalten werde. Das heißt nicht, dass ich dann alle Finger gerade lassen werde. Jedoch ist der Druck, irgendwie Geld verdienen zu müssen, um das Leben finanzieren zu können etwas entspannter. Das ist also der erste Punkt. Ich glaube, das wird im Alter besser.
Ein zweiter Punkt ist die eigene Gelassenheit. Ein älterer Mensch muss keinem mehr etwas beweisen. Er ist gefüllt mit Lebenserfahrungen, Wissen und sieht der Welt mit einer gewissen Weisheit entgegen. Es liegt eine diverse Ruhe im Alter. Das Kämpfen und Hinterherjagen nach Irgendetwas ist beendet. Darin sehe ich den zweiten Punkt.
Das angesammelte Leben in einem alten Menschen führt zu Sensibilität und oftmals einer Weitsicht, die nicht zu unterschätzen ist. Einen dritten Punkt sehe ich in der Macht des Alters, das auszusprechen, was die wahren Gedanken sind. Spätestens jetzt ist der Zeitpunkt gekommen. Die „Alten“ haben nichts mehr zu verlieren. Keinen Job oder sonst etwas.
Nun ist die Zeit gekommen, von der seit vielen Jahren mit Grausen gesprochen wird. Es sind die geburtenstarken Jahrgänge der Nachkriegszeit, die jetzt die „Alten“ sind, die Babyboomer. Die Politik betrachtet diese gewaltige Macht der nicht reformierbaren, uneinsichtigen Alten, die die Großzahl der Klimaleugner stelle und den sonstigen Verschwörungen anhängig sei, mit Argwohn. Es ist die Masse, die entsprechend wähle und dadurch ihre Interessen durchdrücke und die Interessen der Jugend benachteiligen würde. Wählen mit sechszehn, gar mit vierzehn Jahren steht zur Debatte, um diesem Drama begegnen zu wollen.
Die Menschen im Alter, sind die, die den ganzen Schlamassel am ehesten durchschauen und dem suggestiven und manipulativen Gequake aus den Medien eher resistent sind. Sie stecken voller Lebenserfahrungen und können die Zusammenhänge erkennen und verstehen. Auch wenn sie nicht mehr die physische Kraft und Energie haben. Sie haben einen klaren Verstand. Und ich wünsche mir sehr, sie haben den Mut, das auszusprechen, was sie denken. Das sind sie unseren jungen Menschen unbedingt schuldig. Das ist ein vierter und wichtiger Punkt.
Wie zu sehen ist, gehöre ich bereits zu diesem „Alter“.
Mein Blog begleitet mich durch mein kreatives sowie schreibende Leben und all dem, was meinen Alltag so streift. Er ist ein kleines Rädchen im Ganzen. Meine Worte richte ich an Dich, an Dich und auch an Dich. Und ich wünsche mir sehr, dass viele Menschen, insbesondere unseres reifen Alters, mutig ihre Gedanken äußern. Ich meine nicht das Herumnörgeln und Meckern 😉
… heute wieder mit noch feuchtem Haar. Der Sommer verführt zum Lufttrocknen …
In der Regel erledige ich meine Einkäufe im Supermarkt am Abend. Da ist es ruhig, bis auf solche, wie mir oder Jugendliche, die auf die Schnelle ein Mixgetränk, ein paar Chips oder ähnliches besorgen.
Heute sollte es nicht so sein. Bereits kurz nach neun Uhr schnappte ich einen Einkaufswagen, entsorgte wie meistens irgendwelche Reste aus diesem in den Papierkorb, zückte meinen Einkaufszettel und marschierte in den Laden.
Eine einzige Kasse ist geöffnet. „Na toll“, denke ich. Während ich Obst und Gemüse in den Einkaufswagen lege, höre ich die Mütter, die ihren Kindern laut und deutlich erklären, was sie tun und tun werden. Die Kinder reagieren ebenso laut. Ich frage mich, ob sie in ihren Wohnungen genauso lautstark argumentieren. Schrecklich! Ich gehe die Gänge ab und sammele das ein, was auf meinem Zettel steht. Am Regal mit den Milchprodukten verharre ich. Eine kleine Frau mit vom Alter gekrümmten Rücken hatte ihren Einkaufswagen quer in den Gang gestellt. Sie stützte sich auf diesem ab und hangelte nach einem Produkt im Regal. Ich sprach sie mehrfach an, aber sie reagierte nicht. So kehrte ich um und nahm den Einkaufsweg in die andere Richtung.
Eine korpulente Mutter erklärte in langsam gesprochenen Worten, überdeutlich und verdammt laut ihrer Fine weshalb nicht diese Wurst, sondern jene in den Einkaufswagen soll, weil doch das Essen morgen gekocht würde, das es vor einer Woche gab, das doch alle so sehr mochten. „Du erinnerst dich doch?“ Fine erinnerte sich nicht. Sie sah mich. Strahlte mich an: „Du bist aber eine schöne Oma. Ich bin Fenja. Und das dort ist mein Schwingling Torben. Wie heißt Du?“ Ich sagte ihr, dass ich Petra sei. Sie plapperte gleich weiter. „Guck mal. Die Wurst ist nicht so lecker wie die.“ Sie lief los und zeigte mir, welche sie meinte. Ich sagte ihr, dass ich diese auch mehr mag. Die Mutter schaltete sich in das Gespräch ein. „Ja, sie mag auch luftgetrockneten Schinken. Wer verdient so viel Geld, so etwas zu kaufen?“ Ich redete mich raus, um für sie nicht kontraproduktiv zu sein. Verabschiedete mich von Fenja und nahm den Gang zu den Milchprodukten.
Die alte Dame, ich muss es erwähnen, war schick zurecht gemacht. Tolle Frisur, bescheiden geschminkt, modern gekleidet, hangelte noch immer nach dem Creme fraiche und blockierte den Gang. Ich sprach sie nochmals an. Sie reagierte nicht. So berührte ich ihren Arm, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Sie schaute mich aus blassblauen Augen an, ohne ihre Hand aus dem Regal zu nehmen. Ich sah, wie stark ihre Finger vom Alter gezeichnet sind. So nahm ich einfach diese Packung aus dem Regal, legte sie in den Einkaufswagen und fragte, ob es ihr reiche, oder ob sie noch eine zweite brauche. Nein, es war in Ordnung so. Sie begann, sich zu rechtfertigen. Ich sagte ihr lachend, dass nicht jeder Mensch so groß sei, wie ich, um bequem die Dinge aus dem Regal nehmen zu können. Ich wollte die Situation für sie entschärfen. Ich sah genau, wie schwer es ihr fiel, mit den Händen Gegenstände zu greifen und zu halten. Sie stützte sich auf den Wagen und schob den zur Kasse.
Ich sammelte die letzten Dinge ein, die auf meinem Zettel standen. Vor mir an der Kasse war Fenja mit ihrem Bruder Torben und ihrer Mama, die laut erklärte, was sie tat und was ihre Kinder tun sollen. Als sie gingen rief mir Fenja zu: „Tschüss Petra!“, und ich war froh, dass sie nicht wieder Oma sagte. Sicher, ich bin Oma und ganz bestimmt in diesem Oma-Alter. Mag es dennoch nicht, wenn ich außer von meinen Enkeln so angesprochen werde. Sicher eitel, das gebe ich zu, aber ich stehe dazu. So winkte ich Fenja zu und kümmerte mich um meinen Einkauf.
Als ich meinen Einkauf auf dem Parkplatz im Auto verstaute, bemerkte ich, wie die ältere Dame ihren Einkauf aus dem Wagen angelte, um den mühsam in ihr Auto zu verstauen. Ich beobachtete sie und konnte es kaum glauben. Sie brachte in kleinen Schritten, gestützt auf diesem den Einkaufswagen zurück. Den Weg zum Auto bewältigte sie ohne Stütze, sehr gekrümmt. Sie stieg auf der Fahrerseite ihres kleinen Mercedes ein. Startete den Motor und fuhr los.
Ich kenne diese Frau nicht und ich sah sie zum ersten Mal. Es sind nur Gedanken und Vermutungen, die meinen Kopf frequentieren. Es ist das Leben auf dem Lande. Man kann es mit dem Leben in einer Stadt nicht vergleichen. Ich bin Großstädter und lebe seit dem Jahr 2011 hier. Seitdem konnte ich mir ein Bild machen. Ohne dem eigenen Auto, wird den Menschen hier die Selbstbestimmung, die Selbständigkeit genommen. Hier fährt keine Straßen-, U- oder S-Bahn. Der Bus in stundenlangen Abständen. Das neun-Euro-Ticket oder wie der Nachfolger auch immer heißen mag, ist für die Menschen im ländlichen Raum komplett uninteressant. Den Dörfern, Gemeinden und Orten wurden die Tante-Emma-Läden genommen. In meinem Fall ist in zwei Richtungen der nächste Supermarkt jeweils fünf Kilometer entfernt. So ist es mehr als verständlich, dass sich ältere Menschen so lange, wie es nur möglich ist, an ihr Auto klammern. Wenn dann noch hinzu kommt, dass die Angehörigen sehr weit entfernt leben und man auf sich selbst angewiesen ist, wird es einen harten Lebenseinschnitt und eine große Veränderung geben müssen.
Zum einen erschreckt es mich, dass diese Frau, die sehr schlecht hört, ihre Hände und Finger kaum bewegen kann und ihr Körper so stark gekrümmt ist, dass sie fest das Lenkrad umklammert und verkrampft hinter dem Steuer sitzt, am Straßenverkehr teilnimmt. Zum anderen kann ich sie sehr gut verstehen.
Heute sehr nachdenklich … Aus meiner Sicht ist noch verdammt viel zu tun in Sachen Infrastruktur im ländlichen Raum. Wenn man jedoch davon ausgeht, dass 77,4 % der Deutschen im städtischen Raum leben, verschwinden die Belange des ländlichen Raumes zu nebensächlichen Peanuts 😉
Einen schönen Montag und einen guten Wochenstart wünscht Euch,