Petitesse – Randnotiz – 2025-02-23

Heute ist also der Tag, an dem wir alle zur Wahl gerufen wurden. Ein trüber, fönig-warmer Tag. Die Störche kamen zurück und wir hörten sie heute das erste Mal klappern.

Auf dem Rückweg vom Wahlbüro fing ich sie mit ein paar Schnappschüssen ein.

Könnt Ihr sie auf dem Kirchendach entdecken?

Einmal in vier Jahren, sollen die Bürger ihre Stimme für einen potentiellen Politiker und eine Partei abgeben.

Inzwischen wissen wir, dass letztendlich die ganze deutsche demokratische Regierungsbildung ein Wurschtelwerk von Zahlenspielerei ist und nix wirklich dem Willen der Mehrheit entsprechen muss. Es ist absolut möglich, dass sich alle nicht gewählten Parteien zusammenpacken können, wenn es rechnerisch reicht, und wir letztendlich genau das bekommen, was die Mehrheit der Deutschen nicht wollte. Eine Minderheitenregierung, welch ein Gruselstück.

Keinen wesentlichen Unterschied ergibt eine andere Konstellation, wenn die Brandmauer aufrecht erhalten wird.

Ich will nicht weiter spekulieren. Heute am späten Abend werden wir ein wenig schlauer sein.

Warten wir geduldig ab.

Es ist Februar, jedoch guckt der Frühling bereits um die Ecke. Die Natur wird bald erwachen.

Petitesse – Randnotiz – 2025-02-22

Heute Abend waren wir Künstler wieder zum Künstlertreffen verabredet.

Ich fuhr also vom Parkplatz vor unserem Haus den Hang herunter, blinkte links, um in Richtung Ravensburg zu fahren. Als ich den Gang hochschaltete hätte ich mich fast dabei verstolpert.

Was ich da sah, war ein so ungewöhnliches Bild, das sich glattweg in meinem Kopf abspeicherte.

Eine große Deutschlandflagge wurde an einem Mast im Ortskern hochgezogen. Tatsächlich! Das sah ich seit Jahren nicht mehr. Diese schien niegelnagelneu und leuchtete in schwarz, rot, gold. Es war keine in blau-gelb, oder in total bunt, oder eine der Narrenzunft. Nein! Es war die Flagge unseres Landes.

Eigentlich ist es traurig, dass mir das so sehr auffiel. Jedoch will ich es als Omen sehen und hoffe, dass die morgige Wahl eine ehrliche, eine für die Menschen unseres Landes, sein wird und kein Würfelspiel.

… bis später, Eure Petra Kolossa.

Petitesse – Randnotiz – 2024-11-13

Mich regen Filme oder Gechichten, die von intriganten Spannungsbögen getragen werden mehr auf, als irgendwelche Kriminalstorys. Wenn in den Handlungen hinterlistig intrigiert wird und diese Intriganten dadurch auch noch für sich Erfolge herausschlagen, macht mich das völlig fassungslos.

Letztendlich: Willkommen in der Wirklichkeit, im Hier und Jetzt, im besten Deutschland aller Zeiten.

Wir alle haben das Ampel-Desaster verfolgt. Ich denke, die meisten von uns verspürten im ersten Augenblick so etwas wie eine Erleichterung, als wir von dem Aus hörten. Könnte dieses Chaos doch endlich ein Ende finden.

Auch ich dachte: „Endlich!“

Nur wenige Stunden später, als ich die Statements der Involvierten hörte, relativierte sich meine Gedankenwelt. Herr Scholz hofft auf ein „weiter so“, Herr Habeck kürt sich von einem fiktiven Küchentisch aus mit einer naiven Rede zum Kanzlerkandidaten. Herr Lindner zieht den Schwanz ein. Und da gibt es einen, der sich in seiner überheblichen und verlogenen Eitelkeit bereits als Kanzler sieht. Friedrich Merz.

Jeder dieser Politiker sieht ausschließlich sein eigenes Ego und seine Partei. Erst dann, viel, viel später kommt Deutschland.

Herr Merz ist aus meiner Sicht nicht unbedingt ein Sympathieträger. Nun gut, das ist mein subjektives Gefühl. Darf aber erwähnt werden. Er steht außerdem für eine unsägliche Politik. Friedrich Merz will keinen Frieden. Er droht, wenn er an der Macht sei, würde er Russland ein 24-Stündiges Ultimatum stellen. Wenn darauf nicht eingegangen würde, veranlasse er den Krieg in das tiefe Innere Russlands. Mir lief die Gänsehaut, als ich das aus seinem Munde hörte.

Er will ein Prozent vom Lohn für die Aufbauhilfe der Ukraine. Die übrigens gerade jetzt, in dieser Zeit, ein Luxus-Ski-Gebiet für 1,5 Milliarden US Dollar baut, das 2028 fertig sein soll. Immerhin mit 25 Hotels, die 5500 Zimmer beinhalten, einer 2,8 Kilometer langen Gondelbahn und der längsten Skipiste des Landes. Hier der Link. Da stehen in meinem Gesicht so einige Fragezeichen. Und Herr Merz will weitere Milliarden aus Deutschland in dieses Land pumpen.

Was will Herr Merz noch so? Rente mit 70, Abschaffen der Rente nach 45 Jahren Arbeit, also mit 63. Lastenausgleich. Es sind zu viele Ersparnisse bei den Deutschen. Er denkt über eine Koalition mit den Grünen nach. Erhöhung der CO-2-Steuer und er will an der E-Mobilität festhalten, also nix Verbrenner, und so weiter.

Mit Friedrich Merz holen wir uns Krieg ins Land.

Hach, und da ist ja noch Boris Pistorius, der beliebteste Politiker Deutschlands. Seine Parteigenossen hätten gern ihn statt Olaf Scholz als Kanzler, aber dieser ziert sich noch. Mal schauen, wie lange.

Und nicht zu vergessen: Kanzlerkandidatin Alice Weidel. Sie ist eine sehr kluge und eloquente Persönlichkeit, die ganz genau weiß, was sie für Deutschland will.

Die Minderheitsparteien, also die Verliererparteien haben heute einen weiteren Verbotsantrag für die AfD, der zweitstärksten Partei in Deutschland gestellt. Das ist eine Ohrfeige für die Menschen in unserem Land, die an die Demokratie glauben und ihre Stimme und ihr Vertrauen in die Hände dieser Politiker legen. Ich hoffe sehr, dass eine Entscheidung nach dem Recht und Gesetz getroffen wird. Was soll ein Bundestag ohne Opposition? Dann brauchen wir auch nicht zu wählen. Denn ohne einer starken Opposition verbleibt nur die vereinigte Partei „weiter so“. Wollen wir das wirklich?

Die vorgezogenen Wahlen sollen bereits am 23. Februar 2025 sein. Das steht jedoch noch im Konjunktiv. Denn die Vertrauensfrage wurde noch nicht gestellt. Und bis dahin kann noch so viel geschehen.

So weit und furchtbar …

Herzlich, Eure Petra Kolossa.

Dagegen! – aus Prinzip

Erst neulich hörte ich einen Vortrag, in dem der Politiker erläuterte, welche Vorstellungen er und seine Partei haben, dem demografischen Desaster unseres Landes sinnvoll entgegenzuwirken. Er sprach unter anderem davon, dass man jungen Familien einen Kredit für den Start in eine gesicherte Zukunft gewähren könne. Mit der Geburt jedes Kindes in diese Familie könne dem Kredit dann eine großzügige Summe erlassen werden.

Diese Idee ist nicht neu. Denn ich, wie viele, viele andere, die in der DDR aufgewachsen sind, nahmen den zinslosen Kredit, den es seit 1972 bis zum Ende der DDR gab, in Anspruch. Alle jungen Ehepaare, die nicht älter als sechsundzwanzig Jahre alt waren und bei der Eheschließung kein höheres gemeinsames Einkommen als eintausendvierhundert Mark hatten (Das durchschnittliche Einkommen lag damals etwa in diesem Bereich.), erhielten diesen Ehekredit in Höhe von fünftausend Mark, später siebentausend. Für das erste geborene Kind wurden eintausdend, für das zweite eintausendfünfhundert Mark der Kreditsumme erlassen und mit der Geburt des dritten Kindes wurde der Kredit gelöscht. Die Abzahlung waren fünfzig Mark monatlich. Ich selbst zahlte damals die Hälfte zurück.

Diese Unterstützung von staatlicher Seite für junge Familien ist auch aus meiner Sicht eine gute Lösung, dem Überaltern und dem derzeit (unkontrollierten) künstlichen Fremdübervölkern entgegenzuwirken.

Einen Haken hat die Sache. In der Regel wird in dem heutigen Deutschland spät geheiratet. Das Durchschnittsalter liegt bei etwa fünfunddreißig Jahren. In der DDR lag es bei etwa dreiundzwanzig Jahren. Die Deutschen bekommen im Durchschnitt ihr erstes Kind mit knapp dreißig Jahren. In der DDR lag das Alter der jungen Mütter bei der Geburt ihres ersten Kindes im Durchschnitt bei dreiundzwanzig Jahren. 

War in der DDR die Familie und das gesellschaftliche Leben die Priorität Nummer eins, ist die Situation heute eine andere. Erst selbst das Leben auskosten, dann Ausbildung, Studium und der eigene Karriereweg, möglichst viel Geld verdienen, dann Haus, Auto und anderes Konsumgut und so weiter. Dann bemerken viele, das etwas fehlt und bekommen spät, oftmals unter Schwierigkeiten und mit medizinischer Hilfe, ihr erstes Kind. Wenn die Kinder erwachsen sind und das Haus verlassen, sind die Eltern meistens zwischen fünfzig und sechszig Jahre alt.

In der erst beschriebenen Situation sind die Eltern etwas über vierzig Jahre alt, wenn die Kinder ihre eigenen Wege gehen. Genügend Zeit, noch jung genug (auch als Großeltern) und dennoch lebenserfahren können sie nun all das wahrnehmen, worauf sie zu Gunsten ihrer Wunschkinder „verzichteten“, weil das ihre Priorität Nummer eins war.

Ich erwähnte noch nicht, dass dieser zu Beginn genannte Politiker Björn Höcke ist. Er ist aus meiner Sicht ein sehr gebildeter, kluger und weltoffener Mensch.

Aus Prinzip generell „dagegen!“ schreien ist die dümmste und undemokratischste Strategie, die in unserer Regierung betrieben wird, weil das Parteibuch ein blaues und nicht grün, rot, bunt oder sonst etwas ist. Die Droge Macht ist ein teuflisches Spiel und die Verlustangst treibt zu absurden Handlungen.

Ich wünsche mir, die Menschen würden sich selbst eine Meinung zu den Dingen bilden, über die Situationen nachdenken und sich nicht, wie es leider noch immer ist, die Meinung bilden lassen und als gegeben hinnehmen.

Für heute genug. Wie immer freue ich mich über Deine Meinung, über das, wie Du die Dinge siehst.

Euch allen wünsche ich einen schönen Samstag.

Herzlich, Eure Petra Kolossa.

Made in Germany

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich seit guten zwanzig Jahren den Fußballsport recht oberflächlich verfolge. Die letzte Mannschaft, die mir ans Herz gewachsen war, wurde damals von Volker Finke trainiert. Die meisten von Euch werden sofort wissen, dass ich vom FC Freiburg spreche. Ein paar Jahre lebte ich dort und verbrachte hin und wieder Zeit im Arial des Stadions. Es lag auf meinem Weg und ich nahm dort in diesem Sportcasino manches Mal einen Snack, einen Kaffee oder ein erfrischendes Getränk. Von dort aus konnte man die Mannschaft beim Training beobachten. Ich sah auch am Rande des Spielfeldes das harmonische Miteinander der Frauen der Spieler und deren Kinder und Familien. Diese Mannschaft war besonders. Sie machte einen freundschaftlich verbundenen Eindruck und das Spiel wirkte leicht mit Spaß an dem, was sie taten. Und der Trainer war unglaublich sympathisch. Ich mochte den Verein. Das alles erlebte ich kurz nach der Jahrtausendwende. Im Jahr 2003 verließ ich Freiburg wieder. Auch wenn ich diesem Verein immer irgendwie verbunden blieb, änderte sich doch so einiges mit dem Trainerwechsel und dem Druck, den der profitorientierte Sport mit sich bringt. Das Stadion besuchte ich danach nie wieder. Ich denke, auch dort wird sich vieles verändert haben.

Mit der Jahrtausendwende ging mein Ex und mit ihm das Interesse für den Fußball, das in meinem Leben fast fünfundzwanzig Jahre eine dominante Rolle spielte.

Heute weiß ich nur vage Bescheid. Nicht, dass ich den Fußballsport ablehne. Nein. Ich lehne den Missbrauch des Sports ab. Ich spreche über die riesigen Summen von Geld, die hin- und hergereicht werden. Ich meine das Verhökern von Spielern von einem Club in den anderen. Deutsche Fußballclubs sind oftmals mehr international, als deutsch. Ich spreche vom unglaublichen Druck, der dadurch aufgebaut wird. Und ich meine den verdammten politischen Missbrauch der Deutschen liebsten Sport, den Fußball. Allen voran die „Ampel“, denen ideologiegetrieben nix zu blöd ist, ihren woken Mist der gesamten Welt zu demonstrieren und Deutschland der Lächerlichkeit preiszugeben.

Die deutsche Fußballmannschaft, also „unsere Jungs“, wird aus der ganzen Welt zusammengerufen. Es sind deutsche Spieler. Es sind die besten deutschen Spieler. Es ist unsere Nationalmannschaft, die Fußballmannschaft Deutschlands, unseres Heimatlandes.

Spielt unsere, die deutsche Fußballmannschaft, so vertritt sie in unserem Namen Deutschland, unser Land. Und es sollte unser aller Anliegen sein, unserer Mannschaft unsere Verbundenhet zu zeigen und diese zu motivieren, ihr Bestes zu geben.

Natürlich, sind es Berufssportler und sie spielen auch in ihrem eigenen Interesse. Denn die Überweisung auf ihr Bankkonto wird nicht zu gering ausfallen, wenn sie den Titel holen.

Aber warum hole ich so weit aus? Weil ich den Eindruck habe, dass sich unserer Leute schämen, zu zeigen, dass sie hinter unserer deutschen Mannschaft stehen, weil es irgendwie unpassend sei, es sich nicht gehöre, unerwünscht ist. Was ist geschehen mit diesem Land in den wenigen Jahren?

Eine deutsche Flagge sieht man nur selten. Trotzig und mutig gehisst.  Ein lautes Jubeln, wenn die deutsche Fußballmannschaft ein Tor geschossen hat ist nicht zu hören. Keine Knallkörper, kein Jäääääähhh! oder irgendetwas, einfach nur Stille. Unglaublich!

Vorgstern spielte Deutschland gegen Dänemark. Sie gewannen 2:0. Es war ein heißer Tag. Es war schwül bis in die tiefe Nacht. Wir hatten alle Fenster weit geöffnet und ließen einen Windhauch durch die Wohnung wabern. Bei keinem geschossenen Tor rührte sich etwas da draußen. Vor wenigen Jahren gingen Knallkörper durch die Luft, man hörte von überall her freudige Rufe. Stolz fuhren die Deutschen an ihren Autos Fähnchen in den deutschen Nationalfarben, schmückten die Spiegel an den Autos damit. Überall waren Fußball-Partys in den Kneipen, im Freien auf Plätzen und so weiter und so fort. In diesem Jahr scheint es so, als wäre es unangenehm, fast peinlich, zur deutschen Mannschaft zu stehen.

Heute führte mich mein Weg über Friedrichshafen, Konstanz und Singen. Es sind etwa zweihundertzwanzig Kilometer, die ich auf den Rädern war. Mir begegneten insgesamt vier Fahrzeuge mit Deutschlandfähnchen. Insgesamt herrscht eine sehr verhaltene, gedämpfte Fußball“euphorie“.

Deutsch – ein Stück Cancel Culture. Aus „Made in Germany“ wurde „Hergestellt in der Europäischen Union“. 

Wir Deutschen sind inzwischen ziemlich entwurzelt. Die Fußball-Europameisterschaft ist nur ein weiterer und verdammt deutlicher Ausdruck der erbärmlichen Situation, in die wir uns haben bringen lassen.

Ich denke, uns fehlt es an Leichtigkeit. Wir Menschen brauchen eine Erdung, eine Verbundenheit. Man nennt es auch Heimat. Es ist ein Gefühl, das man sich nicht aus ideologischem Gehorsam  verwehren darf.

Made in Germany, ein Gütesiegel, auf das wir stolz sein können.

Wenn Euch das zu groß erscheint, fangt einfach klein an. Made in … Bayern, Thüringen, Sachsen … Wählt die Region, mit der Ihr Euch verbunden fühlt. Zeigt es und steht dazu. Es wird Euch gut tun und Euch stärken.

Übrigens: Am Freitag spielt um 18 Uhr Deutschland gegen Spanien 😉 …

Für heute genug!

Herzlich, Eure Petra Kolossa

Hineingeboren

Welch coole Musik heute in meinem Liebelingssender, denke ich flüchtig und tanze mit meiner Tasse Kaffee durch die Küche. „Wir spielen heute den ganzen Tag Musik aus dem Jahr 1989.“, höre ich die Moderatorin. Ach, stimmt! Heute wird der Tag der Einheit begangen. Es ist Feiertag. Als freiberuflicher Einzelkämpfer zelebriere ich diese freien Tage nicht. Und dieser beschlossene Feiertag liegt mir als mittelprächtiger Kloß im Bauch. Ich halte mich an meiner Tasse Kaffee fest und reflektiere dieses Jahr 1989 und das darauffolgende, die ich an exponierter Stelle verbrachte. Ich erlebte live, wie gierig Heuschrecken das fraßen, was noch brauchbar war und wie Trampeltiere das platt machten, was im Weg lag. Mit einem schrägen Grienen im Gesicht beobachtete ich die zweit-, dritt- und viertklassigen Experten, die ihr Non plus Ultra in die getötete Wirtschaft streuten und ihre zu diesem Zeitpunkt in einer Rezession befindlichen Situation aufpeppten. Ich sah, wie ein ganzer Menschenschlag aus der euphorischen Illussion in eine Schockstarre fiel, um sich später als abgestempeltes Volk aufzurappeln …

Ich wurde in diese Welt, an diesem Ort geboren. Du wurdest an einem anderen Ort in dieser Welt geboren. Ich hatte keinen Einfluss darauf, wo es geschehen wird. Du hattest keinen Einfluss darauf, wo es sein wird. Wir alle haben unsere Aufgabe in unserer Lebenszeit, die wir mehr oder weniger gut erfüllen wollen. Kein einziger unter uns hat ein Recht, einen Menschen wegen seiner Herkunft zu verurteilen oder gar zu klassifizieren. Mir ist kein Land bekannt, das sich selbst dermaßen killt und würgt, wie mein Geburtsland Deutschland.

Die Oktobersonne strahlt durchs Fenster. Ein fantastischer Tag. Ich lehne mich zurück, nehme von meinem Kaffee. Eine Begebenheit aus den Sommermonaten kommt mir in den Sinn. Mein Auftraggeber bat mich, ein Interview im Bodenseekreis zu führen …

Eine interessante, attraktive kleine Frau, die die achtzig Lebensjahre bereits überschritten hat. Mit klugen und wachen Augen folgte sie meiner Gesprächsführung. Ihr Leben führte sie als Kind aus Polen über viele Länder weltweit an diesen kleinen Ort am Bodensee. In einem kleinen gemütlichen Haus mit großem Garten genießt sie gemeinsam mit ihrem Mann das Leben. Wir saßen für dieses Gespräch in diesem wunderschön angelegten Garten. Ich sagte es ihr, wie sehr ich diesen mag. Sie lächelt und erzählt, dass sie das Anwesen kauften, als sie 1987 aus den Staaten nach Deutschland zogen. Und wie entsetzt sie damals zwei Jahre später war, als die vielen Ossis kamen. „Oh, mein Gott, dachte ich damals. Die vielen armen Leute. Ich habe sie nicht verstanden. Sie sprachen so komisch. Die konnten auch nichts. Die hatten ja da keine richtige Bildung im Osten. Und ich dachte, die müssen wir jetzt alle durchfüttern.“  Sie schaut mich an und ergänzt: „Aber die waren irgendwie gelehrig. Und ich muss sagen, dass sie fleißig sind. Keiner von denen ist arbeitslos. Und sie sind ruhige Leute. Die stören keinen.“, sinniert sie. Wahrscheinlich hat sich mein Gesicht etwas verdunkelt. Sie sagt: „Aber das kennen sie ja sicher auch. Es war schon schlimm damals, als die alle kamen.“ Ich sagte: „Nein. Das kenne ich nicht. Ich hatte keine Chance, das zu erleben.“ Sie sieht mich fragend an. „Nein?“
„Nein“, sage ich. „Ich lebe erst seit acht Jahren hier am See.“
„Oh, von wo sind sie?“
„Möchten sie wissen, wo meine Wiege stand? Oder möchten sie wissen, wo ich aufgewachsen bin und wo mich mein Leben in denen vielen Jahren hintrug?“
„Wo sind sie geboren?“
„In Dresden.“
„Oh mein Gott, sie Arme!“, ruft sie sichtlich entsetzt und voller Mitleid. „Aber sie sprechen überhaupt keinen Dialekt! Ich hätte das nie vermutet!“
„Ich muss ihnen nicht leidtun. Mein Leben im Osten dieses Landes war für mich nie eine Last. Existenzangst, Egoismus, Fremdenhass, soziale Ungleichheiten, schlechte Bildung und vieles mehr, waren mir fremd.  Ich konnte nichts vermissen, das ich nicht kannte. Dass viele Dinge aus heutiger Sicht betrachtet unlogisch und fast lächerlich waren sind eine ganz andere Sache. Wir können die Zeit nicht zurückdrehen. Und ich denke, keiner sollte daran denken, es tun zu wollen. Denn diese Erfahrungen waren nötig, um daraus lernen und dem Leben neue Impulse geben zu können. Und ich meine damit die Menschen im Süden, Norden, Westen und Osten unseres relativ kleinen Landes.“
„Aber dass sie aus dem Osten sind, kann ich noch nicht glauben.“, erhärtet sie.
„Hat sich jetzt ihre Meinung über die Person, die mit ihnen über zwei Stunden im Gespräch stand, aus diesem Grund geändert? Bin ich nun ein anderer Mensch?“
„Ich weiß es nicht. Es verwirrt mich.“, sagt sie.
„Es ist nicht schlimm.“, beruhige ich sie. „Wenn sie noch etwas darüber nachdenken, werden sie es als multikulturell aufgewachsener und gebildeter Mensch verstehen …“

Es sind dreißig Jahre vergangen. Die Menschen, die in das wieder vereinte Deutschlandland geboren wurden, sind heute dreißig Jahre alt und haben bereits selbst wieder Kinder geboren. Es ist für sie Deutsche Geschichte, die sie nie selbst erlebt haben, jedoch die Nachwehen bis heute zu spüren bekommen. So, wie unsere Generation die Nachwehen des zweiten Weltkrieges zu spüren bekommen hat, den wir nie selbst erlebten und zu verantworten hatten. Jedoch werden wir und unsere nachfolgenden Generationen moralisch bis heute in die Verantwortung genommen. Uns wird suggestiv schlechtes Gewissen impliziert, dass uns so klein macht, dass ein Stolz auf das eigene Heimatland fast peinlich wirkt.

Mein Wunsch ist es, weniger an der Aufarbeitung irgendwelcher Dinge vor dreißig Jahren und länger kleben zu bleiben, sondern ganz einfach an das Jetzt und Morgen zu denken und zu handeln.
Ich wünsche mir mehr Bewusstsein und Liebe jedes einzelnen Menschen in unserem und für unser Land. Ganz gleich, in welcher Region er heute lebt. Keiner trägt irgendwelche Schuld daran, wo er geboren wurde. Jedoch trägt jeder einzelne die Verantwortung dafür zu sorgen, wie wir miteinander umgehen und uns wertschätzen.

20191003_122244

… so, ich werde mir jetzt einen frischen Kaffee machen.

Ein wenig nachdenkliche Grüße zu Euch in diesen dritten Oktober 2019.