Hast Du es vermisst, …

… ich meine, die Kunst und Kultur. Wie sehr haben Dir tatsächlich das Theater, die Galerien, das Kino, die Konzerte, die Lesungen etc. in den letzten vierzehn Monaten gefehlt? Ganz ehrlich. Auf einer Skala von eins – steht für überhaupt nicht vermisst  und fünf – hat mir total gefehlt, wie würdest Du antworten? Gern darfst Du es unten im Kommentarfeld schreiben.

Gestern sprach ich einen Podcast für mein Hör-Cafè ein. Währenddessen kamen mir Tausend Gedanken in meinen Kopf. Die obige Frage stellte ich unter anderem auf meiner Facebookseite und erhielt sehr viele Antworten. Die Ehrlichkeit überraschte mich und es öffnete mir auch die Augen.

Kunst und Kultur wird selbstverständlich von den Machern dieser sehr, sehr vermisst. Sie konnten es vierzehn Monate nicht öffentlich tun. Im Augenblick gibt es eine Lockerung. Es ist unter besonderen Auflagen möglich und ein Aufatmen ist zu spüren. Und es sind natürlich auch diese Menschen, die Kunst und Kultur als ihre Leidenschaft auch als Verbraucher genießen.

Hingegen wird die Kunst und Kultur von den Konsumenten selbst weniger vermisst. Ich hinterfragte das. Es stellte sich heraus, dass man fast alles digital, wie zum Beispiel auf YouTube, gratis bequem zu Hause erleben kann. Man könne Museumsrundgänge mit ausführlicher Beschreibung erleben, komplette Konzerte hören, Theaterstücke, Kabarett, Lesungen … eigentlich alles. Und das komplett kostenfrei!

Ich brauche Euch nicht sagen, dass mir da ein fetter Kloß im Hals hängt. Das, was die Künstler derzeit tun, ist eine reine Selbsterhaltung. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als auf diese Weise auf sich aufmerksam zu machen. Das Schlimme ist, dass sie dabei, digital, nicht einmal einen „Hut“ herumgehen lassen können. Sie tun es unter einem riesigen Aufwand komplett lau für nichts, immer in der Hoffnung auf bessere Zeiten.

Die Antwort, dass es schon immer so gewesen sei, dass Künstler auf einen Mäzen angewiesen waren und sind, es sei ja schließlich nichts Neues. Kunst wird in diesem Moment nicht als Wert angesehen und anerkannt, sondern als etwas, das einer gutmütigen Unterstützung bedarf. Ich sage: Wenn jeder, der Kunst und Kultur konsumiert, ganz gleich in welchem Genre, einen Betrag für die erbrachte Leistung löhnen würde, hätten wir diesen Zustand, dass Künstler sich mit einem Zweit- oder Drittjob über Wasser halten müssen, nicht. Keiner der Kunst- und Kultur-Konsumenten arbeitet für „lau“ und hofft, dass er einmal irgendwann für seine erbrachte Arbeit eine kleine Bezahlung erhält.

Ich empfinde es wirklich lästig, dass sich Künstler immer wieder anbiedern müssen, um wahrgenommen zu werden. Ich denke, da muss ein großes Umdenken geschehen.  Nicht nur bei den Konsumenten, auch bei den Künstlern selbst. – Kunst und Kultur ist keine Selbstverständlichkeit!

Würden Künstler ab sofort nur noch mit einem Auftrag in der Hand arbeiten, also mit einem Vertrag, wäre die Kunst und Kultur für lange Zeit tot. Keine Musik, keine Grafiken, keine Comics, kein Kino, kein Theater, keine Werbung, keine Bilder, Skulpturen, kein Tanz, kein YouTube, Spotify & Co., keine Filme im heißgeliebten Fernsehen, keine Bücher, keine Konzerte, Märkte … Es wäre eine trostlose Zeit.

Wir alle wissen, dass das nicht geschehen wird. Kunst ist eine Ausdrucksform auf vielen Ebenen. Künstler brauchen die reale Kommunikation, um Inspiration, Energie und das Warum für ihren Schaffensprozess zu tanken. Ein Künstler, der in seinem Kämmerlein ausschließlich für das World Wide Web arbeitet, wird Stück für Stück verkümmern.

Kunst und Kultur ist immer irgendwie da. Und hier spreche ich nicht nur von den vergleichsweise wenigen Stars auf diesem Planeten. Man dreht das Radio auf, schaltet den TV ein, wählt einen Streamingdienst, man schaut zu YouTube oder Google … Kunst kommt aus dem Netz … Viele Menschen vermissten es in den vergangenen Monaten auch deshalb nicht.

Und mir ist sehr bewusst, dass Kunst und Kultur eine Leidenschaft, eine Liebhaberei, eine Nische ist. Also lasst uns diese Nische füllen mit guter, anspruchsvoller und aussagekräftiger Kunst und Kultur.

Wir Künstler und Kulturschaffenden freuen uns auf Euch, die nach so langer Zeit durstig und hungrig auf kreativ Erschaffenes seid.

Herzlich, Eure Petra Kolossa.

Mein Unwort des Jahres 2020

Meine Hände habe ich tief in die Manteltaschen vergraben und meine Nasenspitze im hochgezogenen Schal versteckt. Ich stehe in der feuchten Januarkälte in der langen Schlange vor einem Postamt und warte, irgendwann in das warme Innere gelassen zu werden. Der Einlass ist auf fünf Personen beschränkt und wird von einem Mitarbeiter des Security überwacht. Möge dieser Covid-Mist bald ein Ende haben, denke ich.

Einer der Wartenden vor mir zündet im Windschatten seiner Hände eine Zigarette an. Der Qualm zieht durch die kalte Luft. Ich mag das nicht. Als hätte er im Unterbewusstsein etwas bemerkt, dreht er sich noch einmal um und entdeckt dabei einen Bekannten. Sie begrüßen sich höflich mit Abstand. Ungewollt werde ich stiller Zuhörer ihres Gespräches.

Sie unterhalten sich über geschlossene Kneipen und überhaut, es sei zur Zeit auch sonst nix los mit Kultur. Der eine sagt, dass einem die Leute aus dieser Kunstbranche schon leid tun können. Die seien echt hart betroffen. Meint der andere, die sollen sich mal nicht ins Hemd machen. Schließlich sei das ja nicht neu, dass von Kunst keiner leben könne. Wer bis heute keinen zweiten Job habe, sei selbst schuld. So werden sie es spätestens jetzt begreifen. Der erste bestätigt die Meinung und sagt, dass die Künstler, die er kenne meistens noch irgend etwas anderes tun müssen, um ihre Rechnungen bezahlen zu können …

Sie debattieren noch eine ganze Weile. Bei mir trifft es einen wunden Punkt und ich frage mich, warum ist das so? Inzwischen wird selbst den Stars von Kunst und Kultur die Luft dünner. Denn sie haben oftmals ein großes Team um sich herum, das dafür sorgt, dass sie das sein können, was sie sind. Nur will auch dieses Team bezahlt werden. Monat für Monat … Wie wichtig ist den Menschen Kunst und Kultur tatsächlich? Und was ist es ihnen wirklich wert? Diese Fragen möchte ich zu gern jedem Menschen auf der Straße stellen.

Heute Morgen hörte ich im Radio eine Sendung, in der die Hörer gefragt wurden, welche Job-Veränderung sie auf Grund von Corona vorgenommen haben. Ein Jazz-Saxophonist baut jetzt Gemüse auf kleinster Fläche an und vermarktet es. Eine Schauspielerin liefert Pakete aus. Eine Friseurin arbeitet jetzt als Postzustellerin, ein anderer hat sich bei einem Discounter verdingt … und so weiter und so fort. Die Moderatorin verknüpfte die Gespräche frisch und fröhlich und ich musste abschalten. Ich konnte das nicht mehr mit anhören, wie Menschen mit Studien-, Meister- und Facharbeiterabschlüssen aus „systemunrelevanten“ Berufen notgedrungen in irgendwelche Beschäftigungen geschubst werden und die Moderataorin es auf diese Weise auch noch beschönigt. Es findet Beifall, wie rührig doch die Betroffenen seien und es sich doch immer eine Lösung fände und eine neue Tür aufginge, wenn eine zufällt …

Es ist einfach unglaubich. Und mir wird jeden Tag bewusster, wie schnell es einem die Füße wegziehen und wie hart ein solcher Aufschlag sein kann.

Das hässlichste Wort aus dem Jahr 2020 ist aus meiner Sicht „SYSTEMUNRELEVANT“. Dieses Wort hörte ich zuvor nie. Es scheint ein Kunstwort zu sein, kreiert in irgendwelchen Debatten sich wichtig glaubenden Personen, die sich anmaßen darüber zu verfügen, welche Fähigkeiten dieses derzeitige System benötigt und welche einfach mal wurscht sind. Eben unrelevant.

Jeder von uns braucht und sucht eine Berechtigung, sich einzubringen in die Gesellschaft, in die Gemeinschaft und braucht Anerkennung. Die „systemunrelevanten“ Berufsbranchen strampeln, um sich zu behaupten, suchen nach Nischen und Möglichkeiten.

Um überhaupt die Butter auf dem Brot zu verdienen, finden sie zum Teil vorübergehende Beschäftigungen, die höchstwahrscheinlich zum großen Teil nach dem Desaster wiederum im Nirwana verschwinden werden und zu systemunrelevanten Berufsgruppen erklärt werden. Es ist ein Hamsterrad, für die, die es betrifft.

Mir scheint, dass auf uns allen eine bleierne Schwere liegt. Mein Wunsch ist nur: Igelt Euch nicht ein! Das Leben ist nicht das Sofa und das was Euch von früh bis abends durch die Medien getönt wird. Das Leben spielt sich außerhalb Eurer Komfortzone ab. Fragt einfach mal nach, ohne zu urteilen, ohne zu verurteilen.

In diesem Sinne wünsche ich Euch einen schönen Sonntag.

Herzlich, Eure Petra Kolossa.

PS: Wie immer freue ich mich über Eure Gedanken. Schreibt es einfach ins Kommentarfeld.

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