Supermarkt am Morgen

In der Regel erledige ich meine Einkäufe im Supermarkt am Abend. Da ist es ruhig, bis auf solche, wie mir oder Jugendliche, die auf die Schnelle ein Mixgetränk, ein paar Chips oder ähnliches besorgen.

Heute sollte es nicht so sein. Bereits kurz nach neun Uhr schnappte ich einen Einkaufswagen, entsorgte wie meistens irgendwelche Reste aus diesem in den Papierkorb, zückte meinen Einkaufszettel und marschierte in den Laden.

Eine einzige Kasse ist geöffnet. „Na toll“, denke ich. Während ich Obst und Gemüse in den Einkaufswagen lege, höre ich die Mütter, die ihren Kindern laut und deutlich erklären, was sie tun und tun werden. Die Kinder reagieren ebenso laut. Ich frage mich, ob sie in ihren Wohnungen genauso lautstark argumentieren. Schrecklich! Ich gehe die Gänge ab und sammele das ein, was auf meinem Zettel steht. Am Regal mit den Milchprodukten verharre ich. Eine kleine Frau mit vom Alter gekrümmten Rücken hatte ihren Einkaufswagen quer in den Gang gestellt. Sie stützte sich auf diesem ab und hangelte nach einem Produkt im Regal. Ich sprach sie mehrfach an, aber sie reagierte nicht. So kehrte ich um und nahm den Einkaufsweg in die andere Richtung.

Eine korpulente Mutter erklärte in langsam gesprochenen Worten, überdeutlich und verdammt laut ihrer Fine weshalb nicht diese Wurst, sondern jene in den Einkaufswagen soll, weil doch das Essen morgen gekocht würde, das es vor einer Woche gab, das doch alle so sehr mochten. „Du erinnerst dich doch?“ Fine erinnerte sich nicht. Sie sah mich. Strahlte mich an: „Du bist aber eine schöne Oma. Ich bin Fenja. Und das dort ist mein Schwingling Torben. Wie heißt Du?“ Ich sagte ihr, dass ich Petra sei. Sie plapperte gleich weiter. „Guck mal. Die Wurst ist nicht so lecker wie die.“ Sie lief los und zeigte mir, welche sie meinte. Ich sagte ihr, dass ich diese auch mehr mag. Die Mutter schaltete sich in das Gespräch ein. „Ja, sie mag auch luftgetrockneten Schinken. Wer verdient so viel Geld, so etwas zu kaufen?“  Ich redete mich raus, um für sie nicht kontraproduktiv zu sein. Verabschiedete mich von Fenja und nahm den Gang zu den Milchprodukten.

Die alte Dame, ich muss es erwähnen, war schick zurecht gemacht. Tolle Frisur, bescheiden geschminkt, modern gekleidet, hangelte noch immer nach dem Creme fraiche und blockierte den Gang. Ich sprach sie nochmals an. Sie reagierte nicht. So berührte ich ihren Arm, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Sie schaute mich aus blassblauen Augen an, ohne ihre Hand aus dem Regal zu nehmen. Ich sah, wie stark ihre Finger vom Alter gezeichnet sind. So nahm ich einfach diese Packung aus dem Regal, legte sie in den Einkaufswagen und fragte, ob es ihr reiche, oder ob sie noch eine zweite brauche. Nein, es war in Ordnung so. Sie begann, sich zu rechtfertigen. Ich sagte ihr lachend, dass nicht jeder Mensch so groß sei, wie ich, um bequem die Dinge aus dem Regal nehmen zu können. Ich wollte die Situation für sie entschärfen. Ich sah genau, wie schwer es ihr fiel, mit den Händen Gegenstände zu greifen und zu halten. Sie stützte sich auf den Wagen und schob den zur Kasse.

Ich sammelte die letzten Dinge ein, die auf meinem Zettel standen. Vor mir an der Kasse war Fenja mit ihrem Bruder Torben und ihrer Mama, die laut erklärte, was sie tat und was ihre Kinder tun sollen. Als sie gingen rief mir Fenja zu: „Tschüss Petra!“, und ich war froh, dass sie nicht wieder Oma sagte. Sicher, ich bin Oma und ganz bestimmt in diesem Oma-Alter. Mag es dennoch nicht, wenn ich außer von meinen Enkeln so angesprochen werde. Sicher eitel, das gebe ich zu, aber ich stehe dazu. So winkte ich Fenja zu und kümmerte mich um meinen Einkauf.

Als ich meinen Einkauf auf dem Parkplatz im Auto verstaute, bemerkte ich, wie die ältere Dame ihren Einkauf aus dem Wagen angelte, um den mühsam in ihr Auto zu verstauen. Ich beobachtete sie und konnte es kaum glauben. Sie brachte in kleinen Schritten, gestützt auf diesem den Einkaufswagen zurück. Den Weg zum Auto bewältigte sie ohne Stütze, sehr gekrümmt. Sie stieg auf der Fahrerseite ihres kleinen Mercedes ein. Startete den Motor und fuhr los.

Ich kenne diese Frau nicht und ich sah sie zum ersten Mal. Es sind nur Gedanken und Vermutungen, die meinen Kopf frequentieren. Es ist das Leben auf dem Lande. Man kann es mit dem Leben in einer Stadt nicht vergleichen. Ich bin Großstädter und lebe seit dem Jahr 2011 hier. Seitdem konnte ich mir ein Bild machen. Ohne dem eigenen Auto, wird den Menschen hier die Selbstbestimmung, die Selbständigkeit genommen. Hier fährt keine Straßen-, U- oder S-Bahn. Der Bus in stundenlangen Abständen. Das neun-Euro-Ticket oder wie der Nachfolger auch immer heißen mag, ist für die Menschen im ländlichen Raum komplett uninteressant. Den Dörfern, Gemeinden und Orten wurden die Tante-Emma-Läden genommen. In meinem Fall ist in zwei Richtungen der nächste Supermarkt jeweils fünf Kilometer entfernt. So ist es mehr als verständlich, dass sich ältere Menschen so lange, wie es nur möglich ist, an ihr Auto klammern. Wenn dann noch hinzu kommt, dass die Angehörigen sehr weit entfernt leben und man auf sich selbst angewiesen ist, wird es einen harten Lebenseinschnitt und eine große Veränderung geben müssen.

Zum einen erschreckt es mich, dass diese Frau, die sehr schlecht hört, ihre Hände und Finger kaum bewegen kann und ihr Körper so stark gekrümmt ist, dass sie fest das Lenkrad umklammert und verkrampft hinter dem Steuer sitzt, am Straßenverkehr teilnimmt. Zum anderen kann ich sie sehr gut verstehen.

Heute sehr nachdenklich … Aus meiner Sicht ist noch verdammt viel zu tun in Sachen Infrastruktur im ländlichen Raum. Wenn man jedoch davon ausgeht, dass 77,4 % der Deutschen im städtischen Raum leben, verschwinden die Belange des ländlichen Raumes zu nebensächlichen Peanuts 😉

Einen schönen Montag und einen guten Wochenstart wünscht Euch,

Eure Petra Kolossa.

Einfach tabu

Auf dem Weg nach Hause denke ich: „Ahhh, kein Brot mehr im Haushalt!“ Ich nehme den nächsten Supermarkt.  Auf einem Hinweisschild, lese ich, dass auf dem Parkplatz und im gesamten Areal des Marktes Maskenpflicht herrscht. Noch im Auto setze ich mir diese geforderte FFP2 ins Gesicht.

Ich greife nach einem Einkaufswagen, denn ohne  solch einem ist der Zutritt verboten. Das kann ich verstehen, schließlich ist es die einzige Möglichkeit, die geforderte maximale Anzahl an Kunden im Geschäft zu kontrollieren. Ich desinfiziere meine Hände und den Griff des Wagens und haste in den Markt. Zielstrebig steuere ich den Backwarenstand an. Ich streife mir zum Entnehmen einen dafür vorgesehenen Folienhandschuh schützend über die Hand, angele mir damit hygienisch ein frisch duftendes Kürbiskernbrot aus dem Fach und lege es in die Schneidemaschine.

Während die Maschine mein Brot in gleichmäßige Scheiben teilt, nehme ich mir ein hauchdünnes Plastiktütchen, das ich über das zerschnittene Brot ziehen will.

Ich versuche es zu öffnen. Immer wieder zupfe ich an der vermeintlichen Öffnung und hoffe, die aufeinanderliegenden Flächen der Tüte auseinanderziehen zu können. Es will mir nicht gelingen. Ich reibe mit zwei Fingern die Flächen des Tütchens. Es öffnet sich nicht. Instinktiv will ich die Finger anfeuchten und greife ins Gesicht. Oha, klar, das geht nicht. FFP2 ist im Wege. Kurz schaue ich mich um, ob vielleicht einer zu mir hersieht. Es schaut keiner. Dennoch hält mich das schlechte Gewissen zurück, die Maske anzuheben und das zu tun. So entscheide ich mich dafür, ein zweites Tütchen zu nehmen. Es wird sicher besser gehen. – Nein, es geht nicht besser. Ich werde ungeduldig. Die Situation nervt mich. Mein Brot liegt in sauberen Scheiben in der Maschine und ich schaffe es nicht, eine blöde Tüte zu öffnen, um es darin zur Kasse zu transportieren. Verzweifelt lege ich diese Folientüte zwischen meine Handflächen und reibe sie hastig aneinander … Yeahhh das ist die Lösung. Die aufeinanderklebenden Flächen lösen sich und ich kann die Tüte auseinanderziehen …

Während ich das Brot in die Tüte schiebe, denke ich, wie sehr sich unser aller Handeln in den letzten zwölf Monaten verändert hat.

Allein diese unbewusste Geste, fix die Finger an den Lippen zu befeuchten, um eine Seite im Buch oder einer Zeitung umzublättern, ein Blatt vom Tisch aufzunehmen, einen Faden besser durch das Nadelöhr fädeln zu können … sind uns sehr bewusst geworden und werden in der Öffentlichkeit ganz sicher als großes Faupax verurteilt.

Gesten, die über Generationen weitergegeben wurden, fast vererbt. Dinge, die die Großeltern bereits taten, die wir von den Eltern einfach nur nachahmten und in unser tägliches Leben aufnahmen, sind heute tabu. Wir trainieren es uns nun ab.

Hast Du ähnliche Erfahrungen gemacht? Erzähle uns doch einfach davon. Ich bin ganz neugierig. Bitte nutze dafür einfach das Kommentarfeld unten.  Vielen lieben Dank 😊

Herzlich, Eure Petra Kolossa.