Fast ein Jahrhundert

Neunzig Jahre ist eine relativ lange oder eben eine relativ kurze Zeit. Für die einen ist es eine gigantische Größe, für andere hingegen scheinen diese Jahre irgendwie noch so greifbar nah.

Ich zähle mich zu der zweiten Gruppe. Selbst die Zeit meiner Oma, die Mitte 1880 in Ostpreußen geboren wurde und bis zur Vertreibung im zweiten Weltkrieg dort lebte, ist mir nah. Ich fühle mich mit diesem Jahrhundert und dem Norden verbunden. Es gibt so einige Angewohnheiten und Handlungen, die ich von ihr übernahm, die mir bis heute wichtig sind. Also kann doch diese Zeit gar nicht so weit weg sein 😉

Aber zurück ins Jetzt. Neulich erzählte ich Euch von meinen Eindrücken anläßlich eines neunzigsten Geburtstages. Zu diesem Anlass schenkten wir der Jubilarin eine Stadtrundfahrt mit einem VW-Bulli. Siglinde durfte sich die Route zu ihren wichtigsten Lebensstationen in ihrer Heimatstadt selbst zusammenstellen.

Und so trafen wir uns, die es ermöglichen konnten, ziemlich kurzfristig in Chemnitz zu dieser Tour.

Der Tag war komplett verregnet. Hatte ich zunächst Bedenken, dass Siglinde das Wetter zu schaffen machen könnte, musste ich mich sehr schnell eines Besseren belehren lassen.

Die Tour führte uns entsprechend eines Zeitstrahls durch ihre Lebensstationen. Franziska machte mit ihrem Bulli Halt an den entsprechenden Punkten. Oftmals stiegen wir aus und stiefelten im Regen herum. Es störte keinen von uns, da es viel zu spannend war, in die jeweilige Zeit einzutauchen und den vergangenen Erlebnissen an diesen Orten zu lauschen. Es war gelebte Geschichte einer Zeitzeugin.

Erfuhren wir so, dass einige der im zweiten Weltkrieg Vertriebenen aus Schlesien, das heute zu Polen gehört, im Schloss Klaffenbach ein Zuhause fanden, wie auch ihre Schwiegereltern. Beim großen Hochwasser 1954 wurde das Areal überschwemmt und sie brauchten eine neue Unterkunft.

Wir lieben das Wasserschloss Klaffenbach. Dort sind heute einige Kunst- und Handwerkerateliers untergebracht, die wir gern besuchten. Ein Golfhotel mit einer hervorragenden Gaststätte nehmen dort inzwischen einen Großteil des Gebäudes ein. In dieser Gaststätte aßen wir vor etwa fünfzehn Jahren mit Siglinde zu Mittag. Ich erinnere mich, wie sie lächelnd sagte: „Wir sitzen jetzt hier im Schlafzimmer.“ Es war die ehemalige Wohnung ihrer Schwiegereltern, die zu einem Gastraum umgebaut wurde.

Wir erfuhren von den Lebensbedingungen in den ersten Jahren nach dem Krieg. Davon, wie die Textilindustrie wieder aufgebaut wurde und wie sie in einem Haus unter dem Dach lebten und sich mit einer anderen Familie im Haus ein Bad teilten.

Wir fuhren zu ihrem Garten, den sie vor dreißig Jahren aufgab und nie wieder besuchte, weil sie so sehr an diesem hing. Ich konnte ihre starken Emotionen beobachten, als sie sah, wie wunderschön und gepflegt dieser auch heute ist und sie nun ein zweites Mal Abschied mit gutem Gefühl nahm.

Der Blick über den Gartenzaun.

Die Fahrt führte uns weiter durch Chemnitz, das sich seitdem stark verändert hat, wie wir erfuhren. Wie zum Beispiel neu gebaute Wohnkomplexe, Straßenbahngleise, der Flughafen und so viele Dinge, die heute anders, neu oder nicht mehr in dieser Art vorhanden sind.

Auf jeden Fall haben wir Sigline mit diesem Geschenk, die Lebensstationen so kompakt zu erleben, eine riesengroße Freunde gemacht. Und für mich als Nicht-Chemnitzerin war es ein Vergnügen, das alles aus meinen Augenwinkeln heraus zu beobachten und den emotional berührenden Zeitensprung mitzuerleben.

Franziska Schirrmeister ist die Inhaberin von „Scheunenfund Die KulTourGarage“ und fährt selbst ihren geliebten Bulli. Sie ist eine unglaublich erfrischende, einfühlsame und charmante Akteurin. Ich kann Dir, wenn Du aus der Region Chemnitz bist,  dieses Erlebnis wärmstens ans Herz legen. Sie und Ruthi Tuuti könnt Ihr für alle möglichen Events buchen, wie Hochzeiten, Fotos, Feiern und so weiter. Sie ist offen für fast jede Idee, wie zum Beispiel unsere. Hier noch einmal der Link zu ihrer Webseite. Dort findest Du die Kontaktdaten zu ihr.

Wenn ich einmal neunzig sein werde? Wer weiß, was das Leben noch bereithält. Eine solche Tour würde sich bei mir ein paar Tage quer durch Deutschland strecken. Ich war tatasächlich ein Unruhegeist.

Vor sechszig Jahren wurde ich in in meiner Heimatstadt Dresden eingeschult. Davor hatte ich bereits drei Wohnadressen. Zwei davon knapp dreihundert Kilometer entfernt.

Eines wünsche ich mir zeitnah, auf jeden Fall noch vor meinem neunzigsten (hoffentlich 🙈) Geburtstag: Ein paar Tage Aufenthalt in der Stadt, in der ich das Sprechen und Laufen lernte. Das war bei meinen Großeltern in Rathenow.

Schwesterlein, das machen wir auf jeden Fall 👭

Für heute soll es genug sein. Bis zum nächsten Mal,

herzlich, Eure Petra Kolossa.

PS: Vielen Dank liebe Siglinde und Franziska für Eure Erlaubnis, die Bilder in meinem Blog verwenden zu dürfen 🫶

Vom Affen zur Gitarre – nur ein kleiner Zeitsprung

Gibt es einen Gegenstand, zu dem Du als Jugendlicher eine unglaubliche Bindung hattest? Was ist daraus geworden?

Ich denke, dass uns zu jeder Lebensphase ein Gegenstand begleitet, der uns unglaublich wichtig ist, so etwas wie ein Seelenschmeichler.

Von klein an schleppte ich meinen Affen Bimbo mit mir herum. Das mit Holzwolle gestopfte Wesen mit seinen braunen Glaskulleraugen durfte niemals fehlen. Irgendwann war er dermaßen abgeknuddelt, dass meine Omi dem Kerlchen die Filznase stopfte und hier und da diverse lebenserhaltende Reparaturen vornahm.  Als ich etwas älter wurde häkelte ich ihm natürlich auch modische Accessoires. Teeny und Kuscheläffchen passte nicht mehr so gut zusammen. Also durfte er zwar in meinem Bett schlafen, war aber für die Welt da draußen zu uncool.

Was später aus ihm wurde weiß ich leider nicht. Er ist seit meinem zeitigen Fortzug aus dem Elternhaus im Nirwana verschwunden. Heute fragte ich meine Schwester, ober er vielleicht bei ihr geblieben ist und ob sie ein paar Fotos für meinen heutigen Blog machen könne.

Das Äffchen ist nicht bei ihr, aber sie hat einen ähnlichen, nur etwas heller und mit einer spitzeren Nase. Sie holte den extra aus dem Verborgenen, um ein paar Fotos dieses über sechszig Jahre alten Kerlchens für Euch zu machen und schickte mir diese. Vielen lieben Dank, Schwesterlein 🫶

Aus heutiger Sicht war es ein kleiner Zeitsprung vom Kind zum Jugendlichen. Ich liebte meine Gitarre.

Zu meinem sechszehnten Geburtstag bekam ich sie von meinen Eltern geschenkt. Eine Konzertgitarre, zwölf Zentimeter hoher Körper, mit weichen Saiten. Sie hatte einen warmen Klang. Diese war immer dabei, wo es nur ging. Mein Vater legte mir damals ein Büchlein mit Gitarrengriffen auf den Tisch und brachte eine Stimmgabel mit. Alles weitere war mein Bier. Und das war nicht so einfach, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich konnte die Gitarre nicht stimmen. Das bekam ich allein nicht hin. Somit konnte ich auch nicht die Grifftabelle ausprobieren. Ich wusste nicht, wie und wo ich anfangen sollte. Eine Freundin nahm mich mit in eine Songgruppe. Dort lernte ich von den anderen, wie das geht. Learning by doing im wahrsten Sinne des Wortes. Später spielte ich in einer anderen Gruppe und lernte wiederum von anderen Neues. Letztendlich war das, was ich konnte ausreichend für das, was ich tat, jedoch aus heutiger Sicht entsprach es eher der Qualität einer Begleitung am Lagerfeuer.

Wie ging es weiter mit dem Gegenstand, mit dem ich so sehr verbunden war?

Meine Gitarre kam mit auf Reisen, begleitete mich bei allen möglichen Treffen. Immer dort, wo ein paar Töne erklingen, zieht es Menschen an und es schafft eine ganz besondere Stimmung, eine unvergessliche Atmosphäre. Ein zwei Stunden, die man gemeinsam verbringt, es genießt und glücklich ist, um zufrieden auseinanderzugehen.

Vier Jahre später sah ich mein so sehr lieb gewordenes Stück das letzte Mal. Ein vermeintlicher Freund hinterließ meine Gitarre bei seiner jüngeren Schwester als Pfand für seine Schulden bei ihr. Sie ließ ihm einige Zeit, um seine Schulden zu begleich. Er tat es nicht. Sie verkaufte meine Gitarre …

Danach spielte ich nur noch sehr selten, nämlich dann, wenn ich eine Klampfe in die Hände bekam. Inzwischen behaupte ich, dass ich fast nie in die Saiten greife, weil ich es nicht mehr beherrsche. Es ist eine sympathische Erinnerung an die Zeit zwischen Jugendlichesein und dem Frauwerden.

Das Bild hier habe ich soeben fix für Euch gemacht. Ja, na klar, ich habe eine Gitarre, die über einen ganz besonderen Weg zu mir fand. Irgendwann werde ich Euch davon erzählen 😉

Welcher Gegenstand war es bei Dir? Schreibe es einfach in das Kommentarfeld.

Für heute aber genug!

Herzlich, Eure Petra Kolossa.

Alma, das alte Ding – Ende –

„Hach, wer hätte das gedacht! Du erinnerst dich also wieder.“, murmelt Alma. „Mein schöner Bauch war ruiniert!“ und etwas wehmütig erhärtet sie: „Bis heute.“


„Sage das nicht, Vater hat dich mit einem Holzklötzchen schön ausgebeult damals. Ist doch fast nix mehr zu sehen davon.“, tröste ich die Blechkanne und komme mir ziemlich blöd dabei vor.


„Dein Fury haben deine Eltern ja nur über die Wintermonate weggesperrt. Aber mich habt ihr bis heute achtlos in irgendeinem Schub verkramt.“, brubbelt Alma vorwurfsvoll.

Ja, das stimmt. Irgendwie war Alma nicht mehr schick. Einfach nur ein verbeultes altes Ding. Aber wegwerfen wollte sie keiner. So, wie das nach dem Krieg in den Köpfen verankert war. Schließlich war das Teil noch funktionstüchtig, irgendwie noch gut. Nur eben etwas hässlich.

Aber bald kamen die ersten wirklich großartigen Plastikmilchkannen auf. Vater brachte eine mit. Eine hellgrüne mit einem weißen Deckel zum reindrücken.
Wenn die Kanne mit Milch gefüllt war, musste man schön aufpassen. Der Henkel dehnte sich, der Körper der Kanne verformte sich, der Deckel schnipste von der Öffnung. Aber keiner von uns kam auf die Idee, diese moderne, jedoch für diesen Zweck völlig ungeeignete Kanne gegen die alte verbeulte, aber stabile, zu tauschen.

Nicht viel später erübrigte sich das Thema. Denn wir konnten die Milch im Laden in Flaschen kaufen. Das Milchauto kam nicht mehr, nur noch der Eismann mit den gefrorenen Wasserblöcken für den Eisschrank. Die einst neue Milchkanne aus dem weichen Kunststoff wurde hin- und hergeräumt, für nutzlos erklärt und weggeworfen. Von Alma konnte sich keiner trennen. Alma war schon immer in diesem Haushalt und blieb auch da.

Es klingelt an der Tür. Ich lege das Geschirrtuch beiseite und stelle die Kanne auf dem Tisch ab.

„Oh Resi! Welch eine Überraschung!“, begrüße ich meine Freundin.
„Ich war in deiner Nähe und dachte mir, ich klingele einfach bei dir.“ Sie hält einen großen bunten Strauß Tulpen in der Hand. „Schau, die sind für dich. Ich weiß, dass du Tulpen so sehr liebst.“
Ich nehme den wunderschönen Strauß und schnuppere daran. Tulpen haben nur einen zarten, kaum wahrnehmbaren Duft.
„Lass uns in die Küche gehen Resi. Ich mache einen Kaffee.“

„Ohhhh wow! Was hast du denn hier?!“, ruft sie begeistert und nimmt die Blechkanne bewundernd in ihre Hände.
„Ach, du meinst die alte Milchkanne?“
„Jaaaa! Das ist ein Schätzchen. Ein absolutes Deko-Objekt! Weißt du, dass die Dinger inzwischen richtig teuer sind? Wo hast du die her?“

Ich muss lächeln und sage ihr, dass das alte Ding schon immer bei uns ist. Sie muss schon während der Kriegszeit bei uns eingezogen sein.
Resi nimmt die Tulpen aus meinen Händen. Lässt Wasser in die Blechkanne, und stellt die Blumen hinein. Sie ordnet diese liebevoll und stellt die nun dekorative Vase auf den Küchentisch.

„Na endlich hat jemand begriffen, wie schön ich bin!“, meldet sich Alma und ich kann hören, wie erleichtert und glücklich sie ist.
„Du hast recht. Du siehst mit dieser Blütenpracht fantastisch aus. Ich werde dich mit etwas Farbe wunderschön machen.“, antworte ich ihr.

„Wie meinst du das, du wirst mich mit etwas Farbe wunderschön machen?“, fragt mich Resi.
„Nicht dich, Resi! Alma natürlich.“, sage ich.
„Ähhhm, wer ist Alma?“ …

◇ Das ist nun das Ende unserer ersten Ping-Pong-Story.

Ich bedanke mich herzlich bei Alfons. Es war mir ein Vergnügen, mit Dir die „Lebensgeschichte“ einer alten Milchkanne zu spinnen.

Ihr hattet Spaß beim Lesen? Ihr möchtet wieder einmal eine Ping-Pong-Story?

Schreibt uns einfach unten im Kommentarfeld. Wir freuen uns riesig über Euer Feedback.

Bild: „Alma II“, 2020, Petra Kolossa, Aquarell auf Karton, 21 x 29 cm

Herzlich, Eure Petra Kolossa.

PS: Ihr wollt keinen Beitrag verpassen? So abonniert einfach mit Eurer Email-Adresse meinen Blog. Ihr werdet über meine aktuellen Beiträge ganz automatisch informiert. Toll, stimmt’s 😊