Gefangen im System

Es ist sehr spät geworden. Ich sitze im Auto und habe noch etwa fünfzig Kilometer zu fahren. Meine Gedanken sind noch bei meinem letzten Gespräch, das ich bis soeben hatte. Meine Erinnerung treibt mich einige Jahrzehnte zurück, rund vierzig Jahre. Es versetzt mich auch in eine andere Gesellschaftsform. Ich denke an meine Rolle als Mutter zweier Kinder, als Frau, als Ehefrau eines nebenbei studierenden Mannes, als emanzipierte Vollzeit berufstätige Frau. Ich denke daran, wie ich täglich fünf Uhr am Morgen aufgestanden bin, meine Kinder sechs Uhr langsam, behutsam und mühevoll aufweckte. Es tat mir in der Seele weh. Wir frühstückten und verließen sieben Uhr das Haus. Ich gab sie im Kindergarten ab. Fuhr dann über eine Stunde mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit, um sie am Abend siebzehn Uhr nach einem harten und konzentrierten Arbeitstag, der Fahrt stehend in der überfüllen Bahn und dem mit Menschen vollgestopften Bus wieder abzuholen.

Wir trollten nach Hause. Und mein Tag wechselte die Aufgaben. Für die Kinder ein wenig Zeit am Abend finden, gemeinsam Abendessen, Sandmännchen schauen, die Kinder ins Bett bringen. Dann begann der nächste Teil meines Tages. Hausarbeit, Aufräumen, den nächsten Morgen und den komenden Arbeitstag vorbereiten.  Es war ganz normal, dass wir Mütter voll arbeiteten. Die Gesellschaft brauchte auch uns Frauen. Das lernten bereits die Kinder im Kindergarten. Mitternacht kam ich dann zur Ruhe. Die Wochenenden und die achtzehn Tage Jahresurlaub gehörten prinzipiell der Familie. Fand ich Zeit für mich? Irgendwie zwischendurch immer mal ein paar Minuten. Dennoch habe ich nie etwas vermisst. Es war für mich normal. Ich bin in diese Welt hineingeboren worden. Ich kannte nichts anderes. Die Gesellschaft hat meine Gedankenwelt und mein Leben geformt. Ich lebte es so, wie es von mir erwartet wurde, ohne es zu hinterfragen. Hätte man mich damals gefragt, ob ich denke, eine wertvolle Rolle in der Gesellschaft innezuhaben, hätte ich sicher geantwortet: Ja, naklar. Ich gebe meine Leistung und meine Kraft im Beruf und leiste einen wertvollen Beitrag für die Gesellschaft. Hätte man mich gefragt, ob ich denke, dass ich ausreichend Zeit für mich finde, hätte ich wahrscheinlich gesagt, dass ich im Augenblick nicht mehr brauche. Es sei so in Ordnung, wie es ist.

Ich erinnere mich an Gespräche, die ich erst vor wenigen Monaten mit jungen Frauen hatte. Es war ein Sprung ins Jetzt, in die aktuell geltende Gesesellschaftsordnung. Ich sprach mit jungen Müttern eines oder zweier Kinder, in dreijähriger Erziehungszeit, oder die sich entschieden Hausfrau zu sein. Mütter, die nie Zeit haben, die sich ständig überfordert fühlen mit den vielen anfallenden Aufgaben mit den Kindern und dem Haushalt. Frauen, die zu wenig Zeit für sich selbst finden und sich gestresst fühlen. Fragte ich sie, ob sie denken eine wertvolle Rolle in der Gesellschaft inne zu haben, antworteten sie sehr verwundert: Was für eine Rolle in der Gesellschaft? Ich bin zu Hause, was soll ich da für eine Rolle haben? Fragte ich sie, wie es mit der work life balance aussehe, mussten sie lachen. „Sie haben keine Ahnung! Ich habe Kinder. Da bleibt kaum Zeit.“

Heute stellte ich diese Frage auch. Der Dolmetscher übersetzte die Worte der Frau aus dem Arabischen. Ich tauchte also wieder in eine andere Gesellschaftsform. „Ja natürlich habe ich eine sehr große Rolle in der Gesellschaft. Ich bin Hausfrau. Fünf Kinder habe ich großgezogen. Alle haben sie ein Abitur mit einem Durchschnitt von 1,4 bis 1,6. Es ist meine Leistung, dass sie werden konnten, was sie sind. Ich kümmere mich um die Eltern meines Mannes und um meine Eltern. Ich kümmere mich um das Obst um das Gemüse und die Kräuter in dem kleinen Garten. Ich sorge für einen ziemlich perfekten Haushalt. Ich kümmere mich darum, dass mein Mann, am Abend in ein ruhiges und erholsames Zuhause kommt. Denn meine Aufgabe ist hier. Seine Aufgabe ist dort, in der Firma.“ Ich fragte, ob sie ausreichend Zeit für sich habe. Sie sagte: „Ich weiß, was sie damit meinen. Aber so kann ich das nicht beantworten. Mein Blick auf die Dinge ist anders. Ich koche zum Beispiel. Das mache ich wahnsinnig gern. Es ist keine Belastung für mich. Es ist meine Aufgabe, aber es ist auch meine Freizeit. Es tut mir gut. Das Gleiche gilt für meinen kleinen Garten und viele andere Dinge auch. Das kann ich so nicht beantworten.“

Ich fahre routiniert die mir bekannte Strecke. Es ist dunkel und die Straßen sind frei. Ich denke darüber nach, inwieweit wir Einfluss auf unsere Rolle in der Gesellschaft haben. Denn wir alle werden in ein Gesellschaftssystem hineingeboren, in dem wir zu dieser Zeit leben.  Von klein an wird es uns vorgelebt. Wir wachsen in diese Situation hinein. Es ist für uns so gegeben, wie es ist und es scheint für uns so in Ordnung. Wir kennen nichts anderes. Erst viel später, wenn wir selbst reifer werden, beginnen wir viele Dinge zu hinterfragen. Wir haben im Laufe der Jahre über den Tellerrand geschaut. Dank der uns inzwischen zur Verfügung stehenden digitalen Verknüpfung ist es noch leichter Einblicke zu gewinnen und Informationen zu erhalten. Ich würde zum Beispiel aus heutiger Sicht meine Kinder nicht mehr so zeitig in die Hände anderer geben. Ich vermisse es sehr, die ersten Jahre der Entwicklung meiner Kinder nicht überwiegend selbst beeinflusst zu haben.

Ich bin wirklich fasziniert, welche Unterschiede in den verschiedenen Gesellschaftssystemen und in diesem Fall auch zwischen den Kulturen liegen. Im letzteren Beispiel der Familie aus dem arabischen Raum wird es so sehr deutlich. Diese Frau hat in der Famiele ihre komplette Erfüllung gefunden. Wahrscheinlich ist sie von beginn an so aufgewachsen. Ihre Rolle als Frau auf diese Art auszufüllen. Und wahrscheinlich wird es der überwiegende Teil der dort lebenden Frauen so tun. Wir sehen es aus unerer Sicht anders und denken dabei an Selbstbestimmung, Unabhängigkeit, Selbstverwirklichung, Gleichstellung und so weiter.  Und wir neigen dazu, unsere Ansichten auf diese Menschen zu spiegeln und glauben, sie müssten es doch verstehen und ebenso tun. Nur ist es auch genauso umgekehrt. Sie können nicht verstehen, dass wir unsere alten Menschen wegsperren in Heime und uns nicht selbst um sie kümmern. Sie können nicht verstehen, dass die Alten denken, sie würden den Jungen zur Last fallen.  Sie können nicht verstehen, warum wir unsere Kinder nicht selbst erziehen und in Kindergärten stecken. Sie können nicht verstehen, dass wir so viele wichtige Dinge, die einfach Liebe und Hingabe erfordern, in externe Hände geben.

Sieht diese Frau, die übrigens mit ihrer Familie erst seit anderthalb Jahren in Deutschland lebt, ihre Rolle in der Gesellschaft als sehr wichtig, negieren viele der deutschen Frauen ihre Rolle in der gleichen Position und degradieren sich selbst zur „nur Hausfrau“. Sieht sich die eine in ihrer Rolle erfüllt und glücklich, sehen sich die anderen gestresst, teilweise überfordert.

Mir fällt es wirklich schwer, den einen wie den anderen die jeweilige gesellschaftliche Norm eins zu eins überzustülpen.  Denn hinter diesen Handlungen stehen viele Jahrzehnte gewachsene Kultur. Und ich bin mir nicht sicher, ob unsere entwickelten Normen immer genau das absolute non plus ultra sind.

Heute ein wenig nachdenklich,

herzlich, Eure Petra Kolossa.

Wie sind Deine Gedanken zu diesem Thema? Schreibe es einfach unten in die Kommentare. Und solltest Du meinen Blog noch nicht abonniert haben, so kannst Du es in wenigen Sekunden über den nebenstehenden Button mit Deiner Emailadresse tun.

Deins, meins, oder doch nicht?

„Was zu dir gehört, kannst Du nicht verlieren. Was nicht zu Dir gehört, kannst du selbst mit aller Kraft der Welt, nicht festhalten.“

Diese Zeilen las ich heute im social media bei einer Freundin. Sie zitierte es unter Konfuzius. Ich bin mir aber nicht sicher, ob wir ihm das tatsächlich in die Schuhe schieben können. Meine Recherchen ergaben nichts Eindeutiges. Aber sei es, wie es ist. Diese wenigen Worte ließen mich nachdenklich werden.

Ist es tatsächlich so? Was gehört zu mir? Was gehört nicht zu mir? 

Auch wenn in diesem Zitat oben von „Was“, also einem Ding, die Rede ist, entschied ich mich, es sinnbildlich zu verstehen.

Im Laufe meines Lebens erkannte ich für mich, dass ich selbst keinem anderen Menschen gehöre. Und umgekehrt gehört mir kein anderer. Ich bin wahnsinnig dankbar, für die Zeit, die ich mit diesen Menschen verbringen darf und gegebenenfalls verbringen durfte. Er gehört oder gehörte eine Zeitlang zu mir, in mein Leben. Jede dieser Begegnungen formt mich und bereichert mein Leben und ich denke, es ist auch umgekehrt so. Einige Menschen bleiben ein Lebenlang, andere nur kurze Zeit.

Nun, diese Erkenntnis war tatsächlich ein Prozess, der einige Jahre brauchte. Nachdem ich nach über zwanzig Jahren Ehe über Nacht allein dastand, fiel ich zunächst in einen Schockzustand, der sich mit unendlich vielen W-Fragen fortsetzte. Und eines dieser großen „W“ war: Warum kann ich ihn dafür nicht hassen. Viele meiner Nahestehenden sagten zu mir, ich müsse ihn doch dafür verfluchen. Nein. Ich tat und tue es nicht. Es gibt unendlich viele Gründe, welche zu getrennten Wegen führen können. Eine neue faszinierende Liebe, das Gefühl der Enge, der Kontrolle, der Über- oder Unterforderung und so weiter.

Andere sagten wiederum, ich solle um ihn kämpfen. Ich fragte mich, ob es Sinn ergebe. Natürlich gab es ein kurzes Aufbäumen. Jedoch erkannte ich sehr schnell, dass ich ihn nicht festhalten konnte und wollte. Ich wollte keinen Menschen an meiner Seite, der aus Mitleid bleibt oder weil er sich irgendwie verantwortlich fühlt. Ein gekitteter Riss ist nur bedingt belastbar. – Er gehörte nicht mehr zu mir. Ich wünschte ihm ehrlich alles Gute und ließ los.

Inzwischen sind über zwanzig Jahre vergangen. In meinem Leben blieben Menschen und gingen welche. Es sind auch wertvolle Menschen in meinem Leben, zu denen ich eine sehr enge Bindung habe, obwohl bei einigen von ihnen eine große Entfernung zwischen uns liegt. Und es gibt Menschen, die mein Leben bereichern, denen ich mich freundschaftlich und kollegial verbunden fühle.

Jedoch ist mir sehr bewusst, dass es nicht nur in meinem eigenen Leben Veränderungen geben kann, sondern auch im Leben der anderen. Und keiner von uns weiß heute, was morgen sein wird. Jeder von uns ist letztendlich für sein eigenes Leben verantwortlich und weiß, wer zu ihm gehört und was vielleicht gegebenenfalls in seiner Lebensentwicklung nicht mehr passt. Und ich verteufele keinen. Alles hat seinen Grund, weshalb es so ist. Auch, wenn wir es oftmals erst viel später verstehen werden. –

Es heißt: Man sieht sich immer zweimal im Leben. Irgendwie mag ich diese Weisheit …

Wie ist es bei Dir? Welche Erfahrungen hat Dich das Leben gelehrt? Schreibe es einfach ins Kommentarfeld. Ich freue mich sehr, Deine Meinung zu diesem Thema kennenzulernen.

In diesem Sinne,

herzlich, Eure Petra Kolossa. 

Einfach nur autofahren

„Kannst du autofahren?“, fragt mich der kleine Mann. „Ja, na klar.“, sage ich. „Meine Mama kann nicht autofahren.“, stellt er fest.

„Deine Mama wird eines Tages autofahren können. Du weißt, sie hat ein krankes Handgelenk und starke Schmerzen.“, erkläre ich ihm. „Mein Papa kann auch mit einer Hand autofahren!“, kommt es prompt.

„Weißt Du“, versuche ich zu erklären und die Situation seiner Mama zu entschuldigen: „Es gibt kritische Momente, in denen man dringend zwei Hände auch beim Autofahren braucht. Und wenn eine Hand nicht gut festhalten kann, weil sie voller Schmerzen ist, kann es sehr gefährlich werden. Eines Tages wird die Hand Deiner Mama wieder gesund sein. Dann wird deine Mama auch autofahren können.“

Nach einer kurzen Pause von wenigen Sekunden: „Egal, ob Schmerzen oder nicht Schmerzen. Meine Mama kann nicht autofahren!“, erhärtet der fast Sechsjähre.

Ich muss das Gehörte zunächst herunterschlucken und diese nüchterne Feststellung verdauen. Ich bin sprachlos. Diese wenigen Sätze geistern eine ganze Weile in meinem Kopf herum. Was habe ich erwartet? Eine gefühlvolle Bestätigung und Verständnis für die Situation seiner Mama? Dass er verstünde, dass alles irgendwann einmal anders sein wird, wenn dies und das …? Letztendlich muss ich sagen, dass der kleine Mann auf rationaler Ebene komplett Recht hat. Ganz sachlich: Seine Mama kann nicht autofahren. Punkt. Aus. Fertig.

Warum neigen wir Erwachsenen dazu, auf emotionaler Ebene nach Erklärungen zu suchen, Dinge zu entschuldigen, gar Mitleid zu schüren, Zusammenhänge zu finden, die Meinung zu beeinflussen und alles zu begründen? – Wäre es nicht besser gewesen? Ich hätte einfach nur gesagt: „Das stimmt. Sie kann nicht autofahren. Vielleicht wird sie es einmal lernen, wenn ihre Hand wieder gesund ist.“

Während ich diese Zeilen schreibe, huscht ein Lächeln über mein Gesicht. Danke, kleiner Emil, für diese „Lehrstunde“.

… widmen wir Großen den Kleinen gegenüber einfach etwas mehr Aufmerksamkeit in dem, was und wie wir es kommunizieren.

Einen fantastischen Sonntag Euch allen.

Herzlich, Eure Petra Kolossa.

Gendern Sie auch noch nicht?

Diesen Beitrag fand ich heute in meinem Email-Postfach. Zeilen, zu dem Thema, die man nicht besser sagen kann.

Ich teile gern diesen Artikel mit Euch. Hier findet Ihr den Link zu diesem Beitrag.

Viel Spaß beim Lesen 😊

und einen schönen Sonntag für alle.

Herzlich, Eure Petra Kolossa

Petze, Petze ging in Laden, wollte …

Vor zwei oder drei Jahren unterhielt ich mich mit meinem Freund im entfernten Afrika über besondere Charaktereigenschaften der Deutschen. Eigentlich unterhielt er sich mit mir darüber. Er warf so einige Dinge in den Raum, die er über Deutsche gehört, gelesen oder im TV oder im Internet sah. Selbst hat er unser Land noch nie betreten. Nun, mir als Deutsche ist natürlich bekannt, welche Tugenden oder auch Nicht-Tugenden uns nachgesagt werden. Man findet auch unendlich viele Beiträge im Netz dazu. Ich habe hier ein Beispiel verlinkt. Es ist amüsant zu lesen, wie ein Durchschnittsdeutscher, also ein Alman, sein Fett mit einem Augenzwinkern verpasst bekommt.

Unter anderem sagte er, dass Deutsche Verräter seien. Ich glaubte bei seiner Feststellung an einen Übersetzungsfehler und hinterfragte das noch einmal. Er meinte: „Naja, ihr Deutschen seid Denunzianten.“ Ich fühlte mich beleidigt, irgendwie angegriffen als Deutsche. Ich verpetze keinen oder zeige keinen an. Ich stellte dann fest: „Du meinst die Erfahrungen aus den letzten Weltkriegen?“ Er musste lachen. „Nein. Ihr seid einfach so. Das weiß doch die ganze Welt. Stelle dich nicht so dumm.“

Ich stellte mich nicht dumm. Es kratzte an meinem Stolz und ich wollte das einfach nicht hören. Dieses kurze Gespräch von damals kam immer mal wieder in mein Gedächtnis. Ich musste unter anderem an eine banale Begebenheit denken, als ich in Abwesenheit  die Pflanzenpflege in einer Wohnung übernahm. Ich wohnte damals eine Etage höher in dem Haus.

Die Gießkanne befüllte ich am Spülbecken in der Küche. An der Wand darüber hing ein Kalender. Ich glaubte meinen Augen nicht, was ich dort in steiler Schrift geschrieben las.  Jeder Schritt, den ich tat, wurde dort festgehalten. Wann ich nach Hause kam, wann ich ging, wann ich Wäsche gewaschen habe, wer wann zu Besuch kam und so weiter. Mir ist in diesem Moment regelrecht schlecht geworden. Ich fragte mich, warum sie das tat und wofür sie das brauchte. Jedoch sprach ich das nie an. Mir war es auch peinlich, das gelesen zu haben. Denn ich hätte es niemals gewusst, wenn ich nicht dort diese Wasserkanne gefüllt hätte und währenddessen das Wasser dort hineinlief mein Blick wandern ging, zum Fenster rausschaute, diesen Kalnder betrachtete … Was mich aber sehr bewegte, und das bis heute: Tat sie das auch mit anderen Personen? Wenn ja, warum? Sie wäre auf diese Weise immer aussagefähig, was ihr Umfeld betraf. Nun, ist das ein Zug dieser hässlichen „weltbekannten“ Eigenschaft der Deutschen?

Gestern begegnete mir ein Zeitungsartikel aus Mecklenburg Vorpommern. Dieser tönt in der Überschrift: „Bürger überwachen Bürger – MV testet neue App“. Als ich das las, ist mir beinahe meine Tasse Kaffee aus der Hand gefallen. Und das war der Auslöser für dieses Blog.  Es heißt unter anderem in diesem Beitrag: „Ob Ordnungswidrigkeiten oder der Ärger über unachtsame Mitmenschen: In Mecklenburg-Vorpommern sollen Bürger und Ämter in Zukunft per App besser zusammenarbeiten. …  Nutzer können ihr Anliegen loswerden, ohne sich darum kümmern zu müssen … “ (zitiert)

Das ganze Ding hat tatsächlich einen faden Beigeschmack. Statt aufeinander zuzugehen und uns gegenseitig auf Unzulänglichkeiten aufmerksam zu machen, verpfeifen wir uns gegenseitig und brauchen uns um nichts weiter zu kümmern. Der andere bekommt sein Fett weg und gut ist es. Noch sind es vielleicht die Falschparker, der Nachbar, der nach 22 Uhr zu laut Musik hört, die Frau, die ihre Maske nicht korrekt über Mund und Nase trug, der Junge von ein paar Häuser weiter, der heimlich in der Nähe eines Spielplatzes seine Kippe raucht und so weiter und so fort. Wenn das Ganze eine Weile zur Routine wird, ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zur nächsten Ebene. Ich will es nicht ausschmücken. Das ganze Dilemma ist uns allen aus der Geschichte der letzten Weltkriege bekannt. Aus meiner Sicht ist dieses „Bürger überwachen Bürger“ gerade in der augenblicklichen Situation unseres gesellschaftlich gespaltenen Landes ein absolutes No Go!

Als ich Kind war, zeigten wir mit dem Finger auf die, die petzen gingen. Das war so ziemlich das Schlimmste, was sich ein Klassenkamerad leisten konnte. Alle riefen: „Petze, Petze ging in Laden, wollte drei Pfund Käse haben. Drei Pfund Käse gab es nicht, Petze, Petze ärgert sich.“  Wenn das einer tat, ging er heimlich zum Lehrer und versuchte es mit leiser Stimme und unruhigem ängstlichem Blick dem Lehrer beizubringen. Meistens erfolglos. Wir lernten in der Schulzeit miteinander umzugehen, aufeinander zuzugehen und Auseinandersetzungen offensiv zu begegnen. Die Lehrer waren erfahren genug, um diese Dinge zu sehen und zu fühlen, um hilfreich zu führen und zu schlichten.

Nun frage ich mich, weshalb wir Erwachsenen das nicht mehr können sollen.

Ich lehne dieses „Bürger überwachen Bürger“ strikt ab.

Wie stehst Du dazu? Ist diese App eine gute Sache? Oder geht diese zu weit?

Schreibe es bitte einfach unten in das Kommentarfeld.

Wenn Du meinen Blog noch nicht abonniert hast, kannst Du es ganz einfach mit Deiner Emailadresse über den Button auf der rechten Seite tun. So verpasst Du keinen neuen Eintrag.

Herzlich, Eure Petra Kolossa.

Das N-Wort

Soeben las ich die News und stolperte über etliche Beiträge zu einem Thema. Die Grünen-Kanzlerinkandidatin Annalena Baerbock habe in einem Interview das N-Wort ausgesprochen. Also das, was sie sagen wollte, einfach beim Namen genannt. Man stellte in den einzelnen Berichten noch fest, dass sie selbst die verurteilt habe, die in der Vergangenheit dieses N-Wort gebrauchten.

Und das machte mich jetzt tatsächlich neugierig. Denn ich bemerke, dass ich ab und an ziemlich naiv durchs Leben tapse. Ich habe nur eine schwache Ahnung, was dieses N-Wort sein mag. Es gab ein kleines Video, das aufgenommen wurde, als sie dieses N-Wort verwendete. Ich startete diesen kurzen Film und musste wirklich lachen. An dieser Stelle, als sie dieses Wort aussprach, gibt es einen Piepston. Es wurde also tatsächlich weggepiepst. Unglaublich.

Also gab ich das bei Google ein und fand nach x-vielen Beiträgen, in denen ausschließlich dieses Wort mit „N-Wort“ umschrieben wird, einen Beitrag von Wikipedia, der vor sechs Stunden aktualisiert wurde, wie ich lesen konnte. Ich bin jetzt ganz „mutig“ und schreibe dieses Wort als das Wort, was aus meiner Sicht total dämlich als N-Wort bezeichnet wird. Wikipedia schreibt es in der Überschrift zu diesem Beitrag. Es ist das Wort Neger. Ich habe es hier verlinkt.

Ich sinniere über dieses Wort, das ich sehr, sehr selten verwende. Ich tue es unbewusst. Niemals denke ich darüber nach, es nicht zu tun. Denn in mir steckt kein Hass, in keiner Richtung. Als sehr kleines Mädchen bekam ich ein Negerpüppchen geschenkt. Es gibt noch Fotos von damals, wo ich in einem niedrigen Kinderwagen diese Puppe in den Armen hielt.

Bild: privat

Während ich schreibe, denke ich darüber nach, wie ich diese Puppe von damals heute beschreiben sollte. Es ist das, was es damals war. Es wäre völliger Unsinn, es anders zu bezeichnen. Es gehört einfach in diese Zeit der Fünfziger oder Sechsziger. Und es steckt keinerlei Gedankengift oder gar Diskriminierung oder Beleidigung in meinen Gedanken oder in der Bezeichnung für diese Puppe, wenn ich heute an diese Zeit vor über sechszig Jahren zurückdenke.

Es ist mir unerklärlich, dass es überhaupt möglich ist, Wörter aus dem Sprachgebrauch zu liquidieren und das Verwenden dieser zu verbieten. Es quält mich, dass unsere deutsche Sprache als politisches Mittel missbraucht wird, dass wir Deutschen durch Verbiegen der Sprache eine Erziehung, gar Maßregelung, erfahren. Erinnert sei auch an dieses Gendern. Und mir ist unerklärlich, weshalb wir das Spiel mitspielen und uns hinter Phantasienamen, wie das „N-Wort“, verstecken und letztendlich das Gleiche meinen.

Wie stehst Du zu diesem Thema? Gern schreibe es einfach unten im Kommentar.

Ich werde mich jetzt mit einem Kaffee stärken …

Herzlich, Eure Petra Kolossa.

Vom Fischen und so

„Fischen ist entspannend. Es wird Dir gefallen“, sagt Ulf. „Du kommst völlig runter. Lauschst rein in die Natur. Nimmst alles ganz genau wahr, das kleinste Geräusch, jedes Knirschen. Wenn du die Ohren spitzt, hörst du die Schnecken trampeln.“ Ulf lacht und hält mir einen fetten Regenwurm entgegen. „Das ist nicht dein Ernst! Du erwartest, dass ich dieses arme Würstchen auf den brutalen Haken pieke?“ Ein Grinsen macht sich in seinem Gesicht breit, so ein ‚verstehe schon‘. Routiniert schiebt er den Haken durch den Wurm, reicht mir die Angel und deutet mir mit einer Handbewegung, mich hinzusetzen und die Klappe zu halten. Ich füge mich.

So hocke ich auf solch einem minimalistischen Angler-Dreibein. Die kühle Feuchtigkeit des frühen Morgens kriecht durch das Leinen. Mich fröstelt. Mein Hinterteil wird allmählich kalt und gefühllos. Es ist gruselig still. Der Kanal liegt ruhig, dunkel und schwer in seinem Bett. Wir sitzen im Schilf, halten die Ruten und glotzen ins Wasser. Es riecht erdig und moderig.

„Ist das nicht herrlich!“, höre ich Ulf flüstern. „Dieser Morgen, so unberührt, die weichen Nebelschwaden gleichen den Waldfeen“, schwärmt er. Unweigerlich zieht es mir die Augenbrauen hoch. Ich werfe einen kurzen Seitenblick auf ihn. Er sitzt breitbeinig, zufrieden und entspannt.

Oh Mist, denke ich. Meine Angel scheint sich verhakt zu haben. Ich zerre daran herum und versuche, diese aus dem Nass zu bekommen. „Hör auf damit! Da hat einer gebissen!“, weist mich Ulf zurecht. „Und was soll ich jetzt machen? Die Rute hängt fest!“ „Anfängerglück!“, brummt Ulf. „Das ist mir doch egal!“, fauche ich zurück. „Gib her!“ Ulf reißt mir die Rute aus der Hand und holt den zappelnden Fisch aus dem Wasser. „Hier! Hast einen Barsch erwischt. Mache ihn ab. Der ist zu klein. Den werfen wir wieder ins Wasser.“ Oh nein! ich kann es kaum ertragen. Der Widerhaken hat sich durch die Unterlippe geschoben und diese verletzt. Wie soll ich den Haken herausziehen, ohne das Mäulchen zu zerreißen?

„Na komm! Mach hin!“, drängelt Ulf. „Ich kann nicht!“, sage ich. Ulf starrt mich an. Offensichtlich bemüht, die Contenance zu wahren. Ich halte ihm die Angel hin. Er nimmt sie wortlos ab, zieht den Haken aus dem Maul. Wirft mit seiner Rechten den Fisch ins Wasser, ohne seinen bohrenden Blick von mir zu nehmen.

„Hast du schon einmal Walfängern bei ihrer Arbeit zugeschaut?“, frage ich Ulf. „Nein, jedoch sah ich eine Doku. Walfang, ein umstrittenes Thema. Es scheint nicht kontrollierbar. Warum fragst du?“ Ich suche nach Worten. Sicher ist es albern, Wale mit einem kleinen Barsch zu vergleichen, wie einen Liebhaberangler mit einem Walfänger, ein kleines von einem Widerhaken zerfetztes Barschmäulchen mit einem brutal von Harpunen gequälten und dann in Stücke zerlegten großen Wal, wie einen Walfänger, der mit seiner Hände Arbeit den Unterhalt seiner Familie erwirtschaftet, mit einem Hobbyfischer. Mit einer schnellen Handbewegung wische ich meine Gedanken samt Ulfs Frage beiseite.

Ich schaue ihn an und frage: „Warum musst du Fische angeln, die unweigerlich verletzt werden, wenn du sie doch nicht essen wirst? Du magst die Natur am Morgen. Genieße sie einfach ohne deinen Angelhaken!“

Ulf guckt mich verständnislos an. Schüttelt den Kopf und meint: „Komm, lass uns einpacken. Das wird nix mit uns.“

Ich denke so darüber nach und stelle für mich fest, dass ich keine Frau kenne, die angelt oder fischt. Woran mag das wohl liegen 🤔

Überall dort, wo Angeln ins Wasser geworfen werden, stehen nur Männger aufgereiht am Ufer… Ich werde dieser Sache irgendwann einmal auf den Grund gehen. Oder kannst Du mir eine Antwort darauf geben? Schreibe es einfach unten in das Kommentarfeld. Ich bin ganz neugierig.

… und wenn Du meinen Blog noch nicht abonniert hast, auf der rechten Seite findest Du einen Button, mit dem Du es ganz einfach mit Deiner Emailadresse tun kannst.

Aber nun genug!

Herzlich, Eure Petra Kolossa.

Einfach nur ein Telefonat

Gedankenverloren greife ich nach meinem in der Tasche vibrierenden Smartphone und nehme das Gespräch an.

„Was ich mache? Du störst mich in einer Galerie. Nein, du  weißt doch, dass ich gerne in die kleine auf die Buchenstraße gehe. Sie haben letzte Woche umgehängt. Sind recht interessante Stücke dabei. Solltest dir in den nächsten Tagen ein Stündchen nehmen. Es wird dir gefallen.

Nein, ich bin nicht genervt. Ich stehe vor einem Druck in schwarz-weiß. Es ist leider kein guter. Das Bild fesselt mich irgendwie. Es ist ohne Titel. Keine Ahnung, wer das wann gemalt haben könnte. Was da drauf ist? Da sitzt einer mit Zipfelmütze und Pumphosen auf einem Hocker in einem Kellerloch, hat die Arme vor der Brust verschränkt. Ist es Abwehr, oder ist ihm kalt? Seine Füße baumeln in der Luft. So, als fehle ihm jeglicher Halt. Vielleicht es er aber nur erschöpft, oder mutlos.

Durch ein vergittertes Fenster fällt etwas Sonnenlicht in diesen Raum. So, als würde es einen Hauch Hoffnung bringen. Ist er eingekerkert, oder wohnt er dort? Sind die Gitter zu seinem Schutze, weil das Fenster der Kellerwohnung ebenerdig ist oder schützt man sich vor ihm? Der Kellerraum ist schmucklos, pur in Steinquadern.

Aus welchem Jahr das sein könnte? Keine Ahnug, ich denke, es stammt aus der Zeit Mitte des 18. Jahrhunderts. Dieses Bild erinnert mich an Spitzweg. Bin mir aber nicht sicher.

So, jetzt weißt du Bescheid. Ich guck mal noch ein bisschen. Wünsche Dir einen schönen Nachmittag. Man sieht sich!

Wie jetzt? Du hattest nur meine Stimme hören wollen? Alles andere sei sekundär?“

… und ich fühle mich ertappt. Denn ich gehöre tatsächlich zu den Menschen, die privat ganz spontan nicht so gern telefonieren, also zu denen, wo man sagt: Schön, deine Stimme mal wieder zu hören.

Nun ist es oftmals so, dass ich aus meinen Gedanken gerissen werde, meine Arbeit unterbreche, mich ablenke oder wie auch immer. Wenn ich privat telefononiere, möchte ich komplett im Gespräch sein und mich auf mein Gegenüber am anderen Ende der Leitung einstellen können. Ich mag keine flüchtigen Gespräche mit mir lieben und wichtigen Menschen. Deshalb bevorzuge ich es, sich zu privaten Telefongesprächen zu treffen. Also einen gemeinsamen Zeitpunkt zu finden, an dem es für beide gut ist. Ich bin dann darauf mit Vorfreude eingestellt und zum Quatschen bereit, ohne immer auf die Uhr zu schauen und zu überlegen, wie ich mich höflich aus der Leitung stehlen könnte.

Wie handhabst Du es mit privaten Telefongesprächen? Schreibe es einfach unten im Kommentarfeld. Ich bin ganz neugierig.

Übrigens, diese tolle Hülle für Dein mobiles Telefon oder Tablet findest hier in meinem Shop. Es ist ein Ausschnitt aus einem meiner Bilder „zerlesen“. Du kannst dort die passende Größe für Dein Gerät auswählen. Und natürlich gibt es noch viele weitere meiner Designs.

Habt einen schöne Zeit.

Herzlich, Eure Petra Kolossa.

Alles Sache der Betrachtung

Eigentlich wohne ich in einer sehr, sehr ruhigen Region im südlichsten Süden Deutschlands. Mitten im Grünen, in einem klitzekleinen Ortsteil, am Hang einer Streuobstwiese, ein Ort im Tal eingekuschelt mit ein paar kleinen Häusern, einer Kirche, einer Bushaltestelle, einem Kindergarten, deren Betrieb wegen der Uneffektivität eingestellt werden sollte und die Eltern den Erhalt hart erkämpften und ein paar kleineren Handwerksunternehmen, die sich meistens an ihren Häuschen ansiedelten.

Seit dem März 2020, also seit dem ersten Lockdown, hat sich mein Arbeitsplatz in das heimische Büro / Atelier verlagert. Und seitdem weiß ich, dass diese vermeintliche Ruhe, die ich zuvor meistens empfand, sich in lauten  Geräuschen von landwirtschaftlichen Maschinen, von Traktoren, in Schleifen, Klopfen und Poltern der angesiedelten Handwerker, den neuen Baustellen der vielen Häuslebauer, dem Läuten der nur einhundert Meter entfernten Kirche und so weiter … auflöst. Wenn dann noch die Rasenmäher und -traktoren hin- und herrattern, dann ist es mit meiner Konzentration fast am Ende. Das geschlossene Fenster dämpft zwar das Drama. Aber es macht zum Beipiel das Arbeiten mit einem Mikrofon, wenn ich die Aufnahmen für meinen Podcast „Hör-Cafè“ mache, fast unmöglich. Es ist tatsächlich eine Herausforderung, ruhige Momente zu finden. Und das ist meistens in der Nacht oder sehr zeitig am Morgen.

Als ich die letzte Sendung aufnahm, gab es wieder einen solchen Moment. Die Häuslebauer beendeten endlich das Schneiden von Steinen mit einer Trennscheibe. Ich dachte: Jippiiie! Endlich! Vorsorglich schließe ich immer alle Fenster und Türen. Ich sprach die ersten Sätze in mein Mikrofon und in diesem Moment sprang ein Motor an. Ein Rasentraktor gurkte hin und her. Ich konnte meine Arbeit nicht fortsetzen und lauerte auf einen ruhigen Moment.

Ich denke, ich empfinde das übersteigert sensitiv, weil ich mich der Situation unmittelbar ausgesetzt fühle. Jeder andere wird das einfach als eine zum Leben dazugehörende sympathische Geräuschkulisse empfinden.

Als also wieder dieser Rasentraktor seine Runden zieht, musste ich an einen kurzen Text denken, den ich vor fünf Jahren schrieb:

Blumenwiese

„Die könnten auch mal wieder ihren Rasen mähen! Wie sieht das aus bei denen? Das ganze Unkraut blüht und wird die Samen verteilen. Überall! Dann wächst das Zeug auch hier noch!“, schnarrt Nachbar Schmidt erbost.

Nachbar Meier wundert sich: „Jetzt haben die schon wieder ihren Rasen geraspelt. Runter auf zwei Zentimeter. Unfassbar! Alles weg, die Gänseblümchen, Taubnessel, Schaumkraut, selbst die Butterblumen!“ —

„Ich frage mich, wozu wir Steuern zahlen! Im ganzen Ortszentrum haben die in diesem Jahr die Rabatten einfach nicht bepflanzt! Das sieht aus, kann ich dir sagen! Überall wächst das Unkraut wild durcheinander!“, ruft Lehmann seiner Frau zu.

Krüger ist begeistert: „Das ist ja so genial! In diesem Jahr haben die von der Gärtnerei die Rabatten als Blumenwiesen gestaltet. Alle erdenklichen Farben strahlen im Sonnenlicht, vom Mohn über Kornblumen, wilde Lilien einfach toll!“ —

„Sag mir, wo die Blumen sind, wo sind sie geblieben?“ Die Originalaufnahme von Marlene Dietrich knarrt aus dem Radio.“ Viktor meckert: „Pazifistisch. Einfach nur pazifistisch! Das kann jeder. Blöde Fragen stellen, aber keine Antworten liefern.“

Der Moderator: „Ein Anti-Kriegs-Song, der uns aufrüttelt, uns ermahnt, zum Nachdenken anregt …“ ———–

Alle Dinge im Leben haben zwei Seiten. Ich führe mir diese Dualität vor Augen und mein kleiner Groll verflüchtigt sich 😉

Genießt den Sonntag und seid herzlich gegrüßt von Eurer Petra Kolossa.

PS: Wenn Du es noch nicht getan hast, abonniere ganz einfach mit Deiner Email-Adresse meinen Blog. Den Button dazu findest Du auf der rechten Seite meiner Webseite.

Heißer Sommer

„Die erste Hitzewelle in diesem Jahr rollt auf uns zu“, so konnten wir es vor etwa zwei Wochen in den Medien hören. Ich sah dunkelroten Wetterkarten und den ermahnenden Finger. Es wurden Temperaturen bis zu zweiunddreißig Grad angekündigt. Und ich dachte: „Na und? Es ist Sommer!“

Nun, ich bin Kind einer Zeit, in der in den Schulen noch große Thermometer hingen und wir Schüler dieses in den Wochen vor den Sommerferien ganz genau beobachteten. Denn wir lauerten auf ein Hitzefrei nach der vierten Unterrichtsstunde. Es war immer die Zeit im Juni. Denn der gesamte Monat Juli und August waren Sommerferien. Damals war es noch ganz einfach. Wir hatten den gesamten Monat Februar Winterferien und Weihnachtsferien, ich glaube eine Woche zuvor. Im Oktober gab es eine Woche Herbstferien. Die eher praktischer Natur war. Wir gingen in die Landwirtschaft am Rande der Stadt, um auf den Feldern die Kartoffeln zu lesen, die die Erntemaschinen nicht erfassten oder in den Obstplantagen zu helfen. Heute würde man wahrscheinlich „Kinderarbeit“ schreien. Wir haben das gern gemacht und wir waren stolz zu helfen. Aber das soll ein anderes Mal Thema sein. 

Aber zurück zu dem riesengroßen Thermometer in der Schule. Dieses Ding hing in der ersten Etage unmittelbar in der Nähe des Lehrerzimmers. In jeder Pause gingen wir gucken, ob die Temperatur endlich die 28 Grad erreicht hat und wir waren hippelig, nach der vierten Stunde das besondere Klingezeichen für Hitzefrei zu hören, um dann johlend schnell den Schulkram in den Ranzen zu verstauen und aus dem Schulgebäude zu fliehen.  Es ging das Gerücht umher, dass der alte Lehrer Mehlhorn gern vor der Pause mit einem dicken nassen Tafelschwamm das Thermometer kurz vor der Pause herunterkühlte. Einmal erwischten wir ihn dabei. Die Kinder protestierten lautstark. Aber wenn ich mich an sein verschmitztes Gesicht erinnere, denke ich, dass er nur Spaß dabei hatte und er uns zeigte, dass er von diesem Gerücht wusste.

Nun, die Temperaturen in den Sommerferien waren in der Regel um die 32 bis 38 Grad. Unerträglich war es dann bei 42 Grad. Dann gab es heftige Sommergewitter und warmen starken Landregen, der in den Wasserlachen auf der Straße Blasen schlug. Es machte uns Spaß, unter dem gleichmäßigen Regen barfuß herumzutoben und uns zu erfrischen. – Es war normal. Es war einfach nur Sommer. Und das war der Grund, weshalb  die Sommerferien in diese Zeit gelegt wurden. Das Lernen in großer Hitze ist einfach uneffektiv.

Was erleben wir jetzt? Die Sommerferien sind in jedem Land anders geregelt. Zum Teil beginnen diese sehr zeitig und die Kinder gehen mitten im Sommer wieder in die Schule, oder umgekehrt. Diese Regelungen sind nicht im Sinne der Kinder, sondern im Sinne des egoistischen Reisewahns der Erwachsenen. Damit die Blechlawinen irgendwie von hier nach da durch die Straßen geschleust werden können, wurde für den Tourismus und der entsprechenden Wirtschaft entschieden.

Zu den hohen Sommertemperaturen gesellt sich nun noch ein erheblicher Gestank dieser Fahrzeuge und macht die Luftqualität unerträglich. Als ich noch zur Schule ging, hatte nicht jeder Haushalt ein Auto. Wir lösten noch einen Fahrschein auf dem Bahnhof und fuhren mit der Bahn. Dieses Ticket war preiswert und fraß keinem die Haare vom Kopf. Heute ist es ein Luxus, mit der Bahn zu verreisen und so mancher überlegt es sich, so viel Geld dafür ausgeben zu können oder zu wollen. Bitte jetzt keinen Aufschrei, dass man günstig reisen könne wenn man plane und so. Ich weiß das, aber ich will das nicht. Ich möchte heute spontan ein Ticket lösen und losfahren können, ohne dafür mein Konto plündern zu müssen und damit die Tickets der Frühbucher zu sponsern.

In den letzten Tagen sah ich etliche Fotos von alten Tageszeitungen, die eine Hitzewelle in Deutschland beschrieben. 1957 waren es sogar fast fünfzig Grad Celsius und in den Siebzigern um die vierzig, zum Beispiel.

Für Euch habe ich einen Trailer des alten Spielfilms „Heißer Sommer“ mit Chris Doerk und Frank Schöbel aus dem Jahr 1967 herausgesucht. Dieser war damals sehr beliebt. Und ich sah den gern, wahrscheinlich auch, weil einige meiner Schulfreundinnen mitspieleten. Sie waren Mitglied in der Tanzgruppe, die für den Film engagiert wurde.  –  Klickt einfach unten auf den Link, um es zu sehen.

„Heißer Sommer“ – ein DEFA-Film aus dem Jahr 1967.

Heute wird alles unter dem Deckmäntelchen Klimawandel abgetan. Nun,  an den Sommertemperaturen hat sich wahrscheinlich nicht viel geändert. An der Qualität unseres natürlichen Lebensraumes jedoch sicher. Und es hat nichts damit zu tun, ob wir ein Fahrzeug mit einem Verbrennermotor fahren oder ein Elektroauto. Die Armortisierung dieses Teils ist sehr fraglich. Ich spreche hier allumfassend von der Herstellung bis zur Entsorgung. Es beginnt irgendwo tausende Kilometer entfernt auf dieser Erde und wird in das territorial klitzekleine Deutschland geschifft oder geflogen, um das abgewrackte Teil wieder dorthin zu bringen. Das betrifft übrigens die breite Wirtschaft. Wir bringen unseren Müll irgendwohin nach Afrika zum Beispiel. Mögen die dort damit klarkommen. Wir machen unsere Augen zu und es ist uns egal, wie sie es entsorgen und damit fertig werden. Schließlich bezahlen wir dafür. Wir hier haben etwas Gutes getan für das sogenannte Klimaziel, so glauben wir. Das blöde ist nur, dass es kein deutsches oder europäisches  Klima gibt. Das lässt sich nicht mal fix an der Grenze aufhalten oder mit einem Einreiseverbot wegschicken. 

Nö, das ist aus meiner Sicht nicht der Weg.  Fangen wir doch klein bei uns selbst an. Müssen wir mehrmals im Jahr in den Urlaub weit weg reisen?  Müssen wir Reisen auf diesen Monsterschiffen buchen, um in einer simulierten Luxuswelt mit ein paar mal Landgang, auf dem Wasser herumzugurken? Müssen wir unbedingt alle, ob jung oder alt, ob mit oder ohne Schulkinder, im Sommer verreisen? … und so weiter und so fort.

Es ist unser Anspruchsdenken. Es ist dieses „jeder hat“ und „jeder macht“ und dieses „es steht mir zu“, „es ist mein Recht“. Meine Zeilen beziehen sich heute nur auf den Sommer, diese sogenannte Hitzewelle.

Natürlich ist es unsere freie Entscheidung. Und diese sollte auf keinen Fall mittels irgendwelcher politischer Dogmen reguliert und eingeschränkt werden. Jedoch ist es auch unsere freie Entscheidung nachzudenken und Schlussfolgerungen für unser eigenes Handeln zu ziehen.

Es ist einfach nur Sommer. Genießt die Zeit mit allem Drum und Dran!

Herzlich, Eure Petra Kolossa.